Namenforschung

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Mitarbeiter der Uni Freiburg vor dem Computer Morgenschweiß, Klohocker, Schlotterhose, Hohlbein - jeder kennt mindestens einen anderen Menschen, der mit seinem Nachnamen schwer geschlagen scheint. Nachnamen wurden vor 800 Jahren erfunden, um Verwechslungen auszuschließen. Meist stand der Beruf dabei Pate, oft aber war auch der besondere Charakter einer Person namensbildend. W wie Wissen und die oft erstaunlichen Erkenntnisse der Namensforschung.

Deutschlandkarte einmal anders

Prof. Konrad Kunze an seinem Schreibtisch Deutschland wird neu kartogafiert! In drei bis vier Jahren soll ein bisher noch nie da gewesener Atlas entstehen, der unseren Landschaften - von der Nordsee bis an die Alpen und von der Grenze Frankreichs bis weit in den Osten - einen ganz neuen Eindruck verleiht. Kein Geländerelief und keine Höhenlinie wird in den neuen Karten erscheinen.

Die Karten des Atlas zur Namenkunde bestehen aus nichts anderem als unseren Namen: ihre Verbreitung, ihre Entstehung und ihre Entwicklung. Professor Konrad Kunze, Namenforscher an der Uni Freiburg hat in einem EU-Projekt gemeinsam mit Kollegen der Uni Mainz unsere Namen neu kartiert. Nachnamen-Skurilitäten sind darunter wie "Hasenmaul“ , "Morgenschweiß“ oder "Becherer“ aber auch die häufigsten deutschen Nachnamen, die auf Berufe des Mittelalters zurückgehen.

Verwechslungsgefahr zwischen Hans und Hänschen

Spielszene: Wagenbauer bei der Arbeit Vor rund 800 Jahren sind Siedlungen sind zu Städten gewachsen, und wo viele Menschen zusammenleben, ist die Verwechslungsmöglichkeit groß. Als Hilfsmittel wird damals der Vor - name um einen Zu-namen erweitert. So unterscheidet man die Menschen kurzerhand daran, wie sie ihr Brot verdienen. Hans der Wagenbauer wird zu Hans Wagner. Leicht zu unterscheiden von jenem Hans, der die Beschläge schmiedet, namens Hans Schmitt.

Und die Berufsbezeichnung des Hans aus der Mühle wird 800 Jahre später zum häufigsten Nachnamen in Deutschland werden. Die meisten unserer Nachnamen gehen auf Berufe des Mittelalters zurück. Doch auch der Mensch selbst und seine nicht immer positiven Eigenschaften wurden ihm als Name angehängt und gingen in die Aufzeichnungen der Stadtschreiber über. So wurde aus einem Friedhelm, der das Geld liebte, womöglich Friedhelm Geiz. Und ein Herr, der Land auf Land ab für seinen Heißhunger bekannt war, wurde vielleicht zum Namensspender der Familie Nimmersatt - In Sachen Zuname gab es im Mittelalter kaum Tabus.

"Früher hat es sicher noch mehr negative Namen gegeben, einfach deswegen, weil man sich den Zunamen oder Beinamen nicht selbst gegeben hat, das waren immer die anderen die einem diesen Namen angehängt haben, genauso, wie wir das heute mit den Spitznamen kennen. Es gibt also durchaus im Mittelalter viele Leute die haben offiziell den Namen Arschloch, die heißen so in den Urkunden – heute heißt niemand mehr so, aus verständlichen Gründen“ sagt der Namenforscher Konrad Kunze.

Unsere Nachnamen - Sprachliche Fossilien

Lupe über einem aufgeschlagenen Buch Verschwundene Namen wieder aufzustöbern und die Herkunft heutiger Namen zu erforschen ist ein Beruf, der für Konrad Kunze längst zur Lebensaufgabe geworden ist. Die Werkstätten seiner detektivischen Feinarbeit sind alte Archive. Hier liegen die Quellen des Wissens, Originale aus der Zeit, als unsere Nachnamen entstanden. "Das sind Fossilien“ sagt Kunze „sprachliche Fossilien. Ein Beispiel: früher hieß es überall das "Hus“ oder der "Bur“ für das was wir heute Haus und Bauer nennen. Wenn Sie jetzt die Familiennamen nehmen, da gibt es immer noch Leute die heißen "Husmann“ oder "Huser“ oder "Bur“, das ist eingefrorenen Sprache, 800 Jahre alt."

Von der Schneider-Trennlinie zum Meier – freien Raum

Hausname: Hus zem Löffelkorb 1395 Was das Leben der Mensch von einst mit dem Leben von heute zu tun hat, zeigt die Arbeit von Konrad Kunze an der Uni Freiburg. Mit seinem Team will er die Verbreitung unserer Namen sichtbar machen. Seine Karten beschreiben die Dialekte des Mittelalters. Ein Beispiel: Das Handwerk der Kleidermacher und Schneider war im Mittelalter in ganz Deutschland verbreitet, heute ist Schneider einer der häufigsten Nachnamen.

Allerdings ist heute der Nachname Schneider nur in der südlichen Hälfte von Deutschland stark verbreitet. Im Norden wird er durch den Namen Schröder abgelöst. Der Grund dafür liegt in der Sprache wie Konrad Kunze weiß: "Das Schneiden mit der Schere hieß damals "schroten“ und von daher ist dieser Beruf dort Schröder genannt worden und das zeichnet sich heute noch in den Familiennamen haarscharf ab“. Ein ebenfalls sehr häufiger Beruf ist im Mittelalter der "Meier“ - die damalige Bezeichnung für einen Großbauern – heute einer der häufigsten Nachnamen.

Im Süden werden die Maier mit "a i“ geschrieben im Norden mit "e y“. Woher aber stammt der "Meier- arme“ Streifen in Mitteldeutschland? Hier hießen die Großbauern Hofmann, wie die Verteilung dieses Nachnamens zeigt.

Häuser schaffen deutsche Namensexotik

Hausname: Haus zum stechenden Palmen Die Nachnamen der Bürger von Freiburg haben eine ganz besondere Geschichte, wie Konrad Kunze herausgefunden hat. Hier heißt man "Löffelkorb“ nach dem Haus zum Löffelkorb, "Lilie“ wie das Haus zur blauen Lilie, "Leiter“ oder "Stech den Palmen“. Exotische Familiennamen, die sich nach Hausnamen richteten. Denn per Dekret mussten ab dem 16. Jahrhundert alle Häuser der statt einen Namen haben, Hausnummern waren noch nicht üblich.

Ein Elefanten-Motiv auf der Fassade schuf dann etwa zunächst den Namen des Hauses und somit auch den Nachnamen der in die diesem Hause lebenden Familie.

Das Leben vor 800 Jahren und die Gegenwart, in den Nachnamen ist unsere Geschichte erhalten geblieben.


(Quelle: dtv-Atlas Namenkunde/Unis Feiburg und Mainz)

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