Frühlingsgefühle

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Sonne blinzelt durch das Geäst eines Baumes „Frühlingsgefühle“ – für die meisten Menschen steht ihre Existenz außer Frage. Für Wissenschaftler sind sie jedoch ein komplexes Phänomen: Inwieweit wird der Mensch wirklich durch die Jahreszeiten beeinflusst?

Trotz mieser Temperaturen, es kribbelt... 

Pärchen am Rhein „Frühlingsgefühle“ sind kein wissenschaftlicher Begriff. Im Alltag können sie simple „gute Laune“ genauso bedeuten wie das berühmte „Bauchkribbeln“, das beim Flirten oder sich Verlieben einsetzt. Auch wenn im Frühling viel von den Hormonen, „die verrückt spielen“, zu lesen ist: Die Biochemie der Liebe ist ungeheuer komplex - ob oder wie sie genau auch noch durch die Jahreszeiten beeinflusst wird, darüber wissen selbst gestandene Hormon-Experten noch wenig.

Rhythmus in der Geburtsstatistik?

Prof. Till Roenneberg Kann denn die Statistik mehr sagen? Der Chronobiologe Till Roenneberg von der Universität München und seine Kollegen hatten zunächst den Frühling speziell gar nicht im Sinn, als sie ihre aufwändige Studie begannen: Sie wollten herausfinden, zu welcher Jahreszeit am häufigsten Kinder gezeugt werden – ob es also, ähnlich wie im Tierreich, regelmäßige Rhythmen gibt. Die Experten werteten Geburtstatistiken aus fast allen Ländern der Erde bis ins 19. Jahrhundert aus. Milliarden von Daten aus über 166 Regionen. Und dann rechneten sie 9 Monate zurück: Tatsächlich fanden sie jahreszeitliche Schwankungen bei Zeugungsstatistik!

Zeugungshoch im Frühling

Grafik: Zeugungsstatistik Spanien Weltweit wurde am meisten gezeugt, wenn die Tage im Jahr wieder deutlich länger werden, und wenn angenehm milde Tagestemperaturen herrschten, so um die 15 – 20 Grad. Mit einem Wort: im Frühling! Natürlich gab es auch regional bedingte Abweichungen. So korrelierte bei den Ländern in Äquatornähe die Zeugungsstatistik stärker mit den milden Temperaturen, oder bei Ländern mit stark kontinentalem Klima gab es oft noch ein kleineres Zeugungs-Hoch im Herbst. Doch ansonsten war der Trend eindeutig – zumindest bis in die 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Modernes Leben contra Jahreszeiten?

Grafik: Zeugungsstatistik Deutschland Nach dieser Zeit kippen die Kurven. In allen Ländern. In Frankreich zum Beispiel flachte das Frühjahrshoch schon bis 1951 deutlich ab. Auffällig auch die Daten aus Spanien: Bis in die 60er Jahre lagen die Zeugungsstärksten Monate im Frühling, danach verschieben sie sich in Richtung Herbst und Winter. Eine weltweite Entwicklung, die auch in Deutschland stattgefunden hat. Doch wo liegt die Ursache? Die Experten haben eine Theorie: das moderne Leben schaffe ein künstliches Mikroklima, in dem wir uns alle immer länger aufhalten.

Prof. Till Roenneberg:
„Industriegesellschaft heißt: drinnen arbeiten. Und drinnen arbeiten heißt: unter kontrollierten Licht- und kontrollierten Temperaturbedingungen zu arbeiten. Nun ist es aber das Licht und die Temperatur, die ja die Umweltsignale für den Jahresrhythmus im Menschen darstellen und wenn man sich jetzt denen entzieht, dann ist die Masse der Menschen nicht mehr so stark untereinander an den Jahresrhythmus so synchronisiert wie früher.“

Die Frühlingsgefühle bleiben spannend!

Zwei Pärchen auf Mauer am Rheinufer Der Mai ist also kein Zeugungs-Wonnemonat mehr. Aber was genau steuern Licht und Temperatur bei Männern und Frauen? Derzeit wissen die Experten zu wenig über die genauen Mechanismen. Sie exakt zu erforschen, ist wieder eine Mammut-Aufgabe!

Till Roenneberg:
„Wir müssten zum Beispiel viele tausende von Leuten in der ganzen Welt in jedem Land, bitten, ein Tagebuch über ihre sexuellen Kontakte zu führen. Wir müssten Spermien beim Mann untersuchen zu verschiedenen Jahreszeiten und das auch noch bei ganz vielen Menschen und das auch noch weltweit!“

Das Fazit: Die Statistik liefert Hinweise, dass auch der Mensch jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt. Aber die schönen Frühlingsgefühle können damit allein noch nicht erklärt werden. Genießen darf man sie natürlich trotzdem!

(Quelle: daserste.de)

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