Chirurg im Armenviertel

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Fast ist er hier so zuhause, wie in seiner eigenen Klinik in Stuttgart. Seit sieben Jahren kommt Robert Oellinger nach Bangalore, jedes Jahr zwei Wochen. Mit ihm ein Team von Kollegen, plastische Chirurgen, Kieferchirurgen, Anästhesisten. Operationen, für die sie in Deutschland viel Geld verlangen, machen sie hier für die Armen umsonst. Das hat sich herumgesprochen. Rund zweihundert kommen. Alle werden den Ärzten vorgeführt, aber die werden nur die Hälfte behandeln können. Viele sehen den Tag der „Auswahl“ als ihren ganz persönlichen Schicksalstag. Verbrennungen und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, sind die häufigsten Gebrechen.


Während die einen im Zelt noch geduldig warten, haben die anderen es fast schon geschafft. Phoziro hofft sehr, dass ihr geholfen wird. Als sie sich vor eineinhalb Jahren, wie immer Morgens einen Tee machte, war der kleine Kerosinofen explodiert und hatte ihr Gesicht und ihren Oberkörper zerstört. Defekte Kerosinöfen sind die häufigste Verbrennungsursache. „Wenn ich operiert werde, wenn die Haut aufhört, meinen Kopf, meine Lippe meine Augenlider runter zu ziehen, hoffe ich, dass die Augenlieder hier wieder dicht anliegen“, sagt Phoziro Prajokta. „Nicht ganz“ erwidert Robert Oellinger, „aber wir werden eine Transplantation machen unter Ihren Augen, ihrem Mund und an Ihrem Hals.“

Appu kann seit seiner Geburt nicht richtig essen, alles tropft ihm wieder heraus aus seinem Mund. Er kann auch nicht sprechen. Meena, seine Mutter, betet ganz leise, dass er nicht zu schwach ist für eine Operation. Denn das weiß sie, zu große Risiken werden die Ärzte nicht auf sich nehmen, können sie auch nicht, weil es nicht einmal eine Intensivstation gibt in der provisorischen Klinik, in der sie operieren. Die Ärzte haben sich entschieden: mit „Ja“ für Appu. Kinder wie er mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte werden bei uns schon kurz nach ihrer Geburt operiert. In Indien nicht. Den Eltern fehlt das Geld. Drei Stunden wird das deutsche Team von Interplast, den kleinen Appu operieren. Jeder hat seine ganz persönlichen Gründe, warum er hier ist....

Alles ging gut. Meena und ihr Mann Raju haben ihren kleinen Sohn wieder zurück. „Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich bin. Nie, nie werde ich vergessen, was sie für uns getan haben. Zwei Nächte bleiben sie noch hier. Unterkunft, Verpflegung, alles ist kostenlos. Inder, die es sich leisten können, spenden dafür. Reichtum gibt es in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Indien immer mehr, vor allem in Bangalore, dem Zentrum der indischen Informationstechnologie, aber der sickert nicht nach unten zu Meena und Raju. Raju arbeitet in einer Elektrofabrik. Wenn er Arbeit hat verdient er 50 Dollar im Monat. Aber die hat er nicht immer. Eine kleine Tochter haben sie noch zu versorgen und Meenas Mutter. Laut Verfassung haben die Inder das Recht auf eine kostenlose medizinische Grundversorgung aber die Realität sieht anders aus. Waren sie je, seit Appu auf der Welt ist, mit ihm bei einem indischen Doktor? „Nein das Geld haben wir nicht. Sie müssten unser Kind zwar behandeln, aber sie verlangen Geld, obwohl sie es nicht dürfen. Sie verlangen Bestechungsgeld. Das können wir nicht zahlen.“

„Guten Morgen, wie fühlen Sie sich heute?“ fragt Robert Oellinger am nächsten Tag. „Gut, weil ich doch nach Hause darf“, antwortet Phoziro. „ Sind sie sicher?“ „Sie haben es versprochen“. Phoziro hat ihre Hauttransplantationen erhalten. Aus ihrer Leiste haben sie die Haut genommen. Eine funktionale Operation, keine ästhetische. Die Lippen kann sie wieder besser bewegen, die Augenlieder stehen nicht mehr so sehr nach außen. Phoziro war ein Model. Bis vor eineinhalb Jahren. Vorbei! Nun will sie studieren, wenn sie das Geld dafür auftreiben kann.

Und das sind die indischen Partner der Deutschen Ärzte, die, die alles finanzieren. Sie tun es aus auch religiösen Gründen. Sharat Shah und seine Frau hatten das Projekt begonnen. Sie sind Jains, eine Religion, die Fürsorge und Askese von den Gläubigen fordert. Gemeinsam tun die Deutschen Ärzte und ihre Indischen Partner, das, was eigentlich die Aufgabe des indischen Staates wäre.


(Quelle: SWR Stuttgart/werg)

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