Alptraum Karibik

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Sonne, Strand und Palmen – in Trinidad gibt es davon reichlich. Aber der Amerika-Gipfel hat Unruhe ins Paradies gebracht. Am Rande der Hauptstadt Port-of-Spain wird rund um ein Armenviertel eine Mauer hochgezogen. Denn an dem Ghetto, dem Beetham Estate, fahren an diesem Wochenende Präsidenten und Delegierte des Gipfels vorbei. Die Anwohner sind empört über diesen Mauerbau, und mit ihnen die Anwältin Annabelle Davis. Für sie ist dieser noch nicht vollendete Steinwall einmal mehr Symbol für die Arroganz der Regierenden. „Unsere Regierung will die Leute hinter diesem Bauwerk verstecken“, sagt Annabelle, „sie will nicht, dass man sieht, dass unsere Leute in großer Armut leben.“

Rechts liegt die Autobahn, hinter der Mauer verbirgt sich das Elend – Beetham Estate ist wie so viele Armenviertel auf dem Kontinent ein Ort der Vernachlässigung. Dabei ist Trinidad mit seinem Ölreichtum durchaus wohlhabend, aber davon kommt hier nichts an. Anwohner zeigen uns, wie das Abwasser-System funktioniert, in großen Kanälen staut sich eine stinkende Brühe. Kein Wunder, dass die Menschen unter Hautkrankheiten leiden. „Wir brauchen keine Mauer“, erregt sich Cassius Williams, „das Geld dafür könnte doch hier sehr viel besser verwendet werden, aber nichts passiert.“ Draußen rauscht eine Präsidentenkolonne am Ghetto vorbei, sie fährt in eine andere Welt, in die Innenstadt von Port of Spain, Hier liegt das Tagungszentrum des Amerika-Gipfels, hier beraten über 30 Staatschefs die Zukunft des Kontinents. Die neoliberale Strategie der letzten Jahrzehnte, vor allem von den USA propagiert, hat nicht funktioniert, der Gegensatz von Arm und Reich ist größer geworden. „Ich möchte ein neues Kapitel in den Beziehungen mit Lateinamerika aufschlagen“, kündigte der neue US Präsident Barack Obama ein Umdenken an. „Und um nach vorne zu schauen, sollten wir uns vom Streit der Vergangenheit lösen.“

Im Armenviertel hört man Obamas Worte mit Skepsis, zu oft seien sie von Politikern betrogen worden, meint Anwältin Davis. Sie vertritt die Anwohner von Beetham und deren Rechte. Monique Stewart etwa lebt mit ihren sechs Kindern in dieser armseligen Hütte, aber nun soll die auch noch abgebrochen werden. Die 35-jährige Frau hat einen Räumungsbescheid erhalten. „Mit der Ankunft von Obama scheint unsere Regierung völlig verrückt geworden zu sein“, meint sie. „Alles Geld wird in den Gipfel gesteckt, die armen Leute vergisst man.“ Und dann zeigt uns Monique, wie sie ihr tägliches Überleben sichert – auf der Abfall-Deponie, die direkt neben ihrem Viertel liegt. Und so wie sie machen es Tausende von Menschen, die nach etwas Essbarem suchen, oder nach Wohlstandsmüll, der irgendwie noch einmal verwertet werden kann. Nur so können Monique und ihre Kinder über die Runden kommen, eine richtige Hilfe vom Staat, sagt sie, erhält sie nicht. „Das ist traurig, aber wir haben keine andere Möglichkeit, sagt Monique. Und Jobs kriegst Du überhaupt keine, wenn Du aus Beetham kommst.“ Endstation Mülldeponie – so kann die Karibik auch aussehen.

Anwältin Davis bringt uns zu den kleinen Inseln vor Trinidad, hier leben die Wohlhabenden. Das kleine Land gilt eigentlich als reichster Karibikstaat, die Petrodollars machen es möglich. Aber der Reichtum bleibt sehr ungleich verteilt. „Unser Land hat eigentlich so viele Ressourcen, dass alle Menschen hier anständig leben könnten. Aber das geschieht einfach nicht, es wird nicht genug in Gesundheit und Ausbildung investiert.“


Im Armenviertel Beetham wird nur in den Mauerbau investiert – das empfinden die Bewohner als zynisch. Viele hier betätigen sich im Recycling. Elektrogeräte von der Mülldeponie werden auseinandergenommen, die Kupferdrähte dann weiterverkauft. Aber auch diese Arbeiter trifft die weltweite Krise. Über 15 Millionen Menschen, so Schätzungen, könnten auf dem ganzen Kontinent in die Armut stürzen, wenn die Wirtschaft weiter schrumpft. Beetham ist überall. „Die Rezession trifft uns enorm, sagt Stephen Rennie, die Nachfrage ist schwer gesunken, das macht uns sehr zu schaffen.“ Beim wöchentlichen Anwohnertreffen geht es natürlich um den Mauerbau. Anwältin Davis ist vor allen Dingen erbost darüber, dass es keine Informationen für die Betroffenen gab. Von den politischen Verantwortlichen wollte sich keiner zu dem umstrittenen Projekt mehr äußern, auch wir haben vergeblich um ein Interview angefragt. Annabelle Davis findet das durchaus typisch für ihre Gesellschaft. „Trinidad ist gespalten, und es ist kein Paradies. Es mag ein Paradies für unsere Mittel- und Oberschicht sein, die leben ganz komfortabel. Aber vielen anderen Menschen bleibt der Zugang zu diesem Paradies verwehrt.“

Die Mauer war zu Gipfelbeginn nicht fertig – in der Karibik hat man sich Zeit. Aber immerhin wurde ein geschwungener Namenszug angebracht – das Viertel heißt jetzt „Beetham Gardens“, also „Gartenstadt“. Vom Ghetto zur Grünanlage – so schnell kann das in der Karibik gehen.


(Quelle: WS/swr/werg)

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