Das "Wundermittel" ?

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Eine neue Wunderpille ?

An der Uni-Klinik Heidelberg arbeitet der Mann, der Contergan zurück nach Deutschland holen will: Prof. Hartmut Goldschmidt, Krebs-Arzt und Spezialist für eine besonders aggressive Art von Tumoren.


Prof. Goldschmidt (rechts) Besprechungszimmer mit Patienten (links) Er möchte das verpönte Arzneimittel wieder in die medizinische Praxis bringen - zum Wohl seiner Patienten, die am so genannten Multiplen Myelom leiden, dem besonders aggressiven Knochenkrebs.

Der Tumor gilt als unheilbar. Jahr für Jahr werden in Deutschland 4000 neue Fälle diagnostiziert. Weltweit suchen Mediziner nach Wegen und Mitteln, um den Krebs zu stoppen - möglicherweise sogar: zu heilen.

Thalidomid gegen Lepra

Dass jetzt ausgerechnet Contergan in der Krebsheilung eingesetzt werden soll, hat mit seiner meist unbekannten Geschichte zu tun: unter dem Namen seines Wirkstoffs Thalidomid war Contergan auch nach dem Skandal im Handel. 1970 entdeckt ein Arzt eher zufällig die heilende Wirkung bei Lepra. Das Thalidomid erweist sich als so wirksam, dass die WHO das Medikament bereits 1971 für männliche Leprapatienten ausdrücklich empfiehlt.

In den USA, wo die Arzneimittelbehörde FDA Anfang der 1960er Jahre ein striktes Verbot von Contergan durchgesetzt hatte, wird dennoch mit dem Stoff experimentiert. In den 80er Jahren wird es erfolgreich gegen Geschwüre im Mund von Patienten eingesetzt, die an der gerade entdeckten Immunschwächekrankheit AIDS leiden.

In den USA wird experimentiert

Röntgenaufnahme eines Schädels Mitte der 90er Jahre werden in Little Rock im US-Bundesstaat Arkansas Krebs-Patienten mit Thalidomid behandelt. Sie leiden am Knochenkrebs, dem Multiplen Myelom. Bei einem Drittel der Patienten kann der Krebs gestoppt werden. Die Mediziner sind begeistert. Der Erfolg bringt das verpönte Mittel zurück nach Deutschland und die Erfahrungsberichte aus den Vereinigten Staaten interessieren auch Prof. Goldschmidt und seine Kollegen am Klinikum Heidelberg.

Thalidomid kehrt nach Deutschland zurück
Seit Januar 1999 testen sie das Thalidomid in Heidelberg an Krebspatienten. Es ist ausgerechnet die schädliche Wirkung, die das Medikament von damals besonders interessant für die Krebstherapie macht: Das Thalidomid scheint die Versorgung des wachsenden Tumors abzuschnüren, ihn quasi auszutrocknen.

Nebenwirkungen bleiben jedoch

Präsentation im Hörsaal mit Ärzten Die Wirkungsweise des Thalidomid ist allerdings bis heute nicht vollständig geklärt. Und: Seine Nebenwirkungen sind noch immer beträchtlich: So gibt es Nervenschädigungen, Herz- und Kreislauferkrankungen. Schließlich bleibt die die Sorge, das Mittel könnte in die Hände von Schwangeren gelangen.

Segen oder Fluch?

Doch die Suche nach wirksamen Heilmethoden drängt die Tragödie der 60er Jahre in den Hintergrund. Zwei vergleichende Studien des Heidelberger Forscherteams stehen kurz vor dem Abschluss. An den Studien haben insgesamt 200 Patienten teilgenommen. Ein positiver Effekt des Thalidomid gegen das Multiple Myelom konnte in beiden Studien nachgewiesen werden.

Der Fluch von damals, heute ein Segen? Wenn die Ergebnisse der jahrelangen Studien überzeugen, wird die Geschichte des Contergan auch in Europa, also auch in Deutschland, weitergehen; und der Wirkstoff, der in Wahrheit nie wirklich verschwunden war, bald wieder im Einsatz sein.

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