Aufzüge der Zukunft

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

In einer ehemaligen Kalkstein-Mine in Finnland testen Forscher hochmoderne Aufzüge – tief unter der Erde. Im 350 Meter langen Schacht entwickeln sie völlig neue Systeme, prüfen Fahr-verhalten, Vibrationen und Schnelligkeit.

Eine Arbeit, von der oberirdisch kaum jemand etwas weiß, ohne die alle Hochhäuser jedoch nur nutzlose Betonklötze wären.

Kalksteinmine als Forschungslabor

Kalkminengebäude mit hohem eckigen TurmJohannes de Jong hat die perfekte Umgebung in einem ehemaligen Bergwerk hat gefunden: Der finnische Ingenieur und Fahrstuhl-Spezialist blickt hinab in einen 350 Meter tiefen Schacht. Früher fuhren hier Kumpel in langsamen, laut rasselnden Eisenkabinen untertage, um Kalkstein abzubauen. Heute ist in der Mine die größte und modernste Aufzugs-Testanlage der Welt untergebracht. Gebaut von der finnischen Firma Kone, viertgrößter Hersteller von Aufzügen und Rolltreppen der Welt.

Der längste Testschacht der Welt

Tiefer mit Stahlblech ausgekleideter Fahrstuhl-Testschaft, in dem Stahleile hineinragen Seit zehn Jahren testen de Jong und seine Kollegen hier Aufzüge, machen sie schneller, moderner, leiser. Denn weltweit wachsen die Hochhäuser immer höher, müssen Fahrstühle immer mehr Menschen in kurzer Zeit transportieren. In jeder Stunde nutzen schon heute über eine Milliarde Menschen einen Fahrstuhl – doppelt so viele wie die tägliche Zahl der Flugzeugpassagiere.

Johannes de Jong weiß, wie zuverlässig sie deshalb sein müssen. Er selbst kennt das unangenehme Gefühl in einem Aufzug: Je länger die Fahrt dauert, desto bedrohlicher wirken in dem engen Raum selbst kleinste Wackler und Ruckler. Es ist die Angst vor einem Absturz oder vor dem Steckenbleiben, gegen das de Jong und seine Kollegen untertage kämpfen – ohne dass die Menschen in den Hochhäusern dieser Welt etwas von diesem Kampf mitbekommen.

Kein Wackeln oder Ruckeln

Techniker in Fahrschulkabine mit Meßgerät Ihre wichtigste Taktik gegen Ruckler: Möglichst gerade und glatte Schienen, entlang derer die Fahrstühle auf- und abgleiten. Im Schacht arbeiten sie dafür auf zwei Ebenen: auf dem Dach des Fahrstuhls und im Inneren.

Mit einem hochempfindlichen Vibrationsmessgerät am Boden der Kabine über-prüft de Jong Starts, Fahrten und Stopps. Er ist erst zufrieden, als die Bewegung des Fahrstuhls kaum noch zu spüren ist. Eine senkrecht stehende Münze zeigt für die Kamera, dass kaum Vibrationen ent-stehen. Zudem misst er die Lautstärke, sie darf 50 dbA nicht überschreiten – kaum mehr als ein Flüstern.

350 Meter Eisenschienen ohne Hubbel

Auf dem Dach der Kabine kontrolliert sein Kollege Giovanni Hawkins derweil, wo noch Unebenheiten sind. Kritisch sind die Verbindungen der Eisenschienen, alle fünf Meter werden sie von großen Schrauben und Fixierungen zusammen gehalten.

Hier können gefährliche Hubbel entstehen. Genau wie an den Befestigungen der Schienen an den Schachtwänden. Erst das Ergebnis der Messungen zeigt, ob das Profil der Schienen so glatt ist, wie es sein soll: Maximal zwei Millimeter dürfen die Hub-bel hoch sein. So schaffen die Finnen einen Weltrekord im Testschacht: Aufzüge mit einer Geschwindigkeit von 17 Metern pro Sekunde. Über sechzig Kilometer pro Stunde – so schnell sind sonst nur die Fahrstühle im derzeit noch höchsten Gebäude der Welt, „Taipei 101“ in Taiwan. In Finnland haben sie dafür die Motoren getestet – in keinem anderen Schacht erlaubt diese Geschwindigkeiten.

Doppeldecker-Aufzüge

Doch um immer mehr Menschen in kürzester Zeit in immer luftigere Höhen zu transportieren, müssen Aufzüge auch immer mehr Menschen fassen. Normalerweise bräuchten sie dafür mehr Platz im Ge-bäude, für mehr Schächte.

Da das nicht möglich ist, haben Johannes de Jong und seine Kollegen eine völlig neue Idee entwickelt: Doppeldecker-Aufzüge. Wie in einem Doppeldeckerbus sollen sie Men-schen auf gleich zwei Etagen transportieren und so mehrere Stockwerke gleichzeitig bedienen. Im Testschacht justieren sie eine weitere Neuheit: Die beiden Kabinen sollen über eine Schraubtechnik ihren Abstand voneinander anpassen können, während der Fahrt. Für unterschiedliche Deckenhöhen, je nachdem ob die hohe Eingangshalle oder niedrigere obere Etagen angefahren werden. Schon sind Hunderte dieser Fahrstühle bestellt, für neue Wolkenkratzer in London, Tokio oder Dubai.

30 Sekunden warten ist schon Stress

Fahrstuhl-Eingang im Testschacht von außen Damit nicht genug. Um Doppeldecker- und normale Aufzüge noch effizienter zu machen, setzt Johannes de Jong auf ein neuartiges Steuerungssystem. In der 18-stöckigen Forschungszentrale in Helsinki – in der täglich Hunderte Menschen arbeiten – testet er die „Zielwahlsteuerung“. Schon nach etwa 30 Sekunden, so Psychologen, werden Menschen ungeduldig.

Vor allem, wenn sie nicht wissen, welcher Fahrstuhl wann kommen wird. Deshalb bringt de Jong den Fahrstühlen mit auf sogenannter Fuzzy-Logik basierender Software das Denken bei: Die Passagiere wählen schon vor der Fahrt ihr Ziel, und das Fahrstuhl-Hirn schickt den Aufzug los, der am schnellsten da sei kann. Es merkt sich zudem, zu welchen Zeiten welche Stockwerke besonders häufig angefahren werden – und bereitet sich immer besser auf solche Stoßzeiten vor.

Zukünftige Aufzüge wie Blutbahnen im Körper

So entwickeln Johannes de Jong und seine Kollegen eines der wichtigsten Transportmittel unserer Städte ständig weiter. Es soll für die Gebäude sein, was Blutbahnen im Körper sind: reibungslos funk-tionierende Transportwege. Im Idealfall ist die Arbeit der Ingenieure dabei am Ende kaum noch be-merkbar. Dabei wäre ohne sie selbst das höchste Gebäude der Welt nur ein riesiger, nutzloser Betonklotz.


(Quelle: wo/daserste.de/werg)

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