Die gefährlichste Straße der Welt

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Todesweg in 4000 Metern Höhe

Wir beginnen unsere Reise auf 4.000 Meter Höhe. Und von dort aus geht es immer weiter bergauf. Hier in den bolivianischen Anden wollen wir uns einen Verkehrsweg anschauen, der es in sich hat: die seriöse Amerikanische Entwicklungsbank hat das rund 60 Kilometer lange Teilstück laut ihrer Statistik so bezeichnet: „als gefährlichste Strasse der Welt“.

In der Dämmerung erreichen wir die Region; nur noch wenige Kilometer bis zum Beginn des eigentlichen Streckenabschnitts. Die Anzahl von staubigen, meist namenlosen Holz- und Metallkreuzen am Wegesrand steigt dramatisch. Der Sonnenaufgang in den Anden lässt uns beinahe die Temperaturen vergessen: zehn Grad unter Null. 4.700 Meter hoch liegt der höchste Punkt der Passstrasse, die Leute nennen ihn „la cumbre“, den Gipfel.

Hier in dünner Luft spielen sich denkwürdige Szenen ab, wie die folgende: Néstor Vargas, Lastwagenfahrer und stolzer Besitzer eines 86er Volvo, wird die Erdgöttin bitten, ihn auf seiner höchst gefährlichen Route nicht sterben zu lassen. Die Zeremonienmeister werden diesen Fötus eines Lamas verbrennen, zusammen mit mythischen Wachsfiguren, Kräutern und gefärbter Tierwolle.
„Ich segne diesen Volvo mit dem Nummernschild F 757“, ruft Medizinmann Esteban aus dem Stamme der Quechua zu Beginn des halbstündigen Feuer-Opfers.

Néstor Vargas: „Ich komme einmal im Jahr hierher, wie die meisten Lastwagenfahrer. Ich bete für meine Familie, mein Fuhrunternehmen und – mein eigenes Leben. Denn meistens fahre ich auf dem Weg des Todes! Dafür braucht man den Segen der Erdgöttin Pachamama.“

Und dann bricht es aus Esteban, dem älteren der beiden Medizinmänner, heraus: „Auf dass es keine Unfälle gebe. Das Jahr 2008 möge besser werden. In den vergangenen Jahren hatten wir einfach zu viele Unfälle.“


Sagenhafter Ausblick - steile Abgründe

Néstors Zehntonner hört sich nicht gerade Vertrauen erweckend an, doch er selbst fühlt sich frisch gesegnet und infolge dessen immun. Nur wenige Minuten später biegt er dann von der Asphaltstrasse ab in den „camiño de la muerte“, den Weg des Todes. Je enger die Strasse wird, desto mehr müssen wir auf die Fahrkünste unseres Fahrers vertrauen. Der fährt bereits seit 20 Jahren hier, und ist erst einmal abgestürzt; und das auch nur 50 Meter tief. Ein ziemlich guter Schnitt, findet Néstor.

„Manchmal haben wir nachts Angst auf der Strecke, wegen der Geister, die hier erscheinen. Das sind die Seelen der Toten, die hier schon umgekommen sind.“

Manchmal liegen weniger als 30 Zentimeter neben einem 100, 200 oder 500 Meter tiefen Abgrund. Wer sich von der sagenhaften Landschaft ablenken lässt, der steht schon mit einem Bein im Grab. In Bolivien kommt Hochgenuss vor dem tiefen Fall.

An einer besonders steilen Kurve, die man im Volksmund den „Hintern des Teufels“ nennt, hat Néstor angehalten. „Hier sind sie immer, die Geister der Toten. Manchmal schreien sie, manchmal heulen sie wie die Hunde. Schaut mal hierher, die Überreste des letzten LKW liegen noch da unten, es war ein Holztransporter.“

Zwei- bis dreihundert Tote fordert der „camiño de la muerte“ in jedem Jahr. Eigentlich darf kein LKW mehr hier fahren, sondern muss die Asphaltstrasse nehmen. Doch die ist wesentlich länger, und kostet deutlich mehr Benzin. Also bleibt alles beim Alten.

Néstor Vargas: „Einer aus meiner Familie ist hier gestorben, sein Name war Paulo Apaza Quenta. Ich habe versucht, ihn zu bergen. Unglücklicherweise konnte man nichts mehr machen. An dieser Stelle sterben so viele... Tausende sind hier schon umgekommen.“


Mountainbiken als Nervenkitzel

Keine Schilder, keine Absperrung, keine einzige Leitplanke. Der Weg ist staubig und rutschig, wenn die Sonne scheint; und wenn es regnet ist er glitschig. Für Bolivianer ist die Strecke unvermeidlich, für andere ist er eine Mutprobe: Mountainbiker auf dem Weg des Todes, ultimativer Adrenalin-Kick in den Anden. Der Downhill-Trip für Todesmutige ist ausgesprochen günstig im ärmsten Land Südamerikas, das sich Sicherheitsmassnahmen im Straßenverkehr einfach nicht leisten kann.

„Allein auf diesen 300 Meter sind vier Radfahrer gestorben“, erklärt Tour-Veranstalter Carlos. „Die besondere Gefahr liegt im Gefälle; ganz plötzlich geht es steil nach unten...“

Wie unberechenbar die Geröllpiste ist, sieht man, wenn man ein wenig abwärts klettert: die meisten Unfälle passieren, wenn unter schweren Bussen und voll beladenen LKW die ganze, oft schon unterhöhlte Strasse weg bricht. Und wer einmal abgestürzt ist, der gilt als verloren. Meint jedenfalls einer, der es wissen muss.
Coronel Mario Sentelas von einem militärischen Bergungsteam: „40, 50 Menschen sind im letzten Jahr an dieser Stelle in einem Bus abgestürzt, 200 Meter tief. Da unten sind die Menschen vollkommen eingeklemmt in die Wracks. Und vor allem: überhaupt Bergungsgeräte da hinunter zu bringen, ist extrem schwierig.“

3.500 Höhenmeter und drei Klimazonen

Von 4.700 Meter geht es auf dem Todesweg runter auf 1.200 Meter. Von Gletschern hinunter bis in die Tropen, über drei Vegetationsgrenzen hinweg. Gegen Mittag macht Néstor mit seinen Helfern erst einmal Rast. So kann der Motor abkühlen, und Néstor seine Seele baumeln lassen: „Die allermeisten LKW haben hier mindestens einen Unfall. Vor allem wegen menschlicher Fehler, weil die Fahrer einschlafen.“

Und dann geht es weiter, immer bergabwärts, immer scharf am Abgrund entlang. Fast zehn Stunden braucht Néstor für die 60 Kilometer, jede Minute ein Abenteuer: „Wir wissen, dass wir auf diesem gefährlichen Weg die Unterstützung der Erdgöttin haben. Pachamama wird uns beschützen...“


(Quelle: BR)
Bald hat Néstor es geschafft. Heute Nacht wird er drei Tonnen Bananen laden und morgen in aller Herrgottsfrühe wieder aufbrechen. Mit dem 86er Volvo zurück auf seiner Leib- und Magenstrecke: Der gefährlichsten Strasse der Welt.

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