Wo Kommunisten reich sind

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Saigon: Die Stadt heißt heute offiziell Ho Chi Minh City, aber ihre Bewohner sind viel zu beschäftigt, sie rackern und rasen, handeln und spekulieren. An den alten Kommunisten-Führer und Staatsgründer Ho Chi Minh denkt hier kaum noch jemand. Das Wahrzeichen der Stadt ist das rasende Moped. Der Saigon-River heißt auch heute noch so. An seinem Ufer schlägt das kapitalistische Herz der Stadt. Und dieses millionenteure Hochhaus gehört einer der reichsten Frauen von Vietnam: Duong Than Thuy.

Frau Thuy inspiziert den Ausbau einer der Luxusapartments in ihrem Haus. Vor zwanzig Jahren, sagt sie, war sie so arm wie die Arbeiterin hier. „Die Lohnkosten in Vietnam sind auch heute noch niedrig.“ Wenn sie mit den Handwerkern redet wird es ganz klar: Sie ist der Chef hier. Dass Frauen in Finanzdingen das Sagen haben, hat durchaus Tradition in Asien. Diese Apartments vermietet sie an vornehmlich japanische Geschäftsleute. Für drei Zimmer einige tausend US-Dollar. „Vor vier Jahren habe ich das Land hier gekauft. Sein Wert hat sich inzwischen verdreifacht.“ Durchs rasende Mopedgewühl: Frau Thuy unterwegs zu ihrem anderen Hochhaus im teuersten Viertel von Ho Chi Minh City.

Ein anderer Ort: Touristen spielen Vietcong. Colonel Pham Tan Thanh spielt bisweilen den Fremdenführer in den Tunneln von Cuci bei Saigon: Der Colonel kämpfte einst aus den Tunneln heraus jahrelang gegen die US-Armee. „Der Panzer steht noch da, wo wir ihn damals geknackt haben.“ Das Schlachtfeld von damals ist heute eine Art “Guerillapark” für Touristen. Action an der Kalaschnikoff. Der Colonel guckt amüsiert. Und hilft beim Ballern. “Die ausländischen Touristen wissen nicht, wie schlimm es damals war, im Krieg - Und unsere jungen Vietnamesen auch nicht.”


Karriere
auf Vietnamesisch

In fließendem Japanisch demonstriert Frau Thuy, was sie letztlich reich gemacht hat: Sie kann verkaufen. Mit solchen Stickereien machte sie ihr erstes Geld, Anfang der achtziger Jahre. Handarbeit, die auch heute noch billig zu kaufen ist. „Für so eine Tischdecke brauchte ich zehn Tage. Aber ich konnte teurer verkaufen als die anderen, denn ich wusste, was die Kunden wollten. Damals waren es die Russen. Ich sprach Russisch.“ Heute hat sie eine Kette solcher Läden. Die Russen gingen, es kamen Japaner und Kunden aus dem Westen. Frau Thuy hat zwei Söhne, Nghia ist 14, geht auf die internationale Schule. „Er sieht doch aus wie ein Ausländer“, sagt sie stolz. Aber er gleicht dem Vater. „Ja, Gott sei Dank.“

Neben Frau Thuys Geschäftshaus residiert sozialistische Verwaltung. Und nicht weit davon auch der Gemüsehöker: Nicht alle Menschen in Ho Chi Minh City sind reich. Die Schönen und die Reichen Vietnams treffen sich in Frau Thuys Restaurant: Erst wenige Vietnamesen können sich solch Luxus leisten. Viele Gäste sind Ausländer: Saigon ist ein Tummelplatz für Investoren und Unternehmungslustige aus aller Welt.

Frau Thuys Küchenchef kommt aus Deutschland. Er sieht Vietnam als eine große Chance für sich. Und vor seiner Chefin hat er durchaus Respekt. „Sie kann schon sagen wo es langgeht.“ Dies wird demnächst ihr privates Penthouse. 600 Quadratmeter. „Hier wohne ich, dort die Kinder und mein Schwiegervater.“ Der nämlich hatte ihr einst das Startkapital von 1000 Dollar gegeben. Sie wurde reich, als 1986 Vietnams Regierung privates Wirtschaften erlaubte und sich für Ausländer öffnete.


R
eichtum ist relativ

Wie reich sind Sie ? „Eine Freundin von mir ist Ärztin. Sie verdient 2000 Dollar im Monat und hält sich für reich. Eine andere Freundin hat fünf, sechs Millionen Dollar. Sie denkt, sie ist arm. Sie will mehr. Ich weiß nicht, ob ich reich bin.“ In Frau Thuys Restaurant lagern teuerste Weine, aber ein Viertel aller Vietnamesen lebt unterhalb der Armutsgrenze. Warum geht es dieser Familie besser ? Frau Thuys Ehemann hat eine einfache Erklärung. „Wir haben hart gearbeitet, und vielleicht haben wir einfach Glück gehabt. Meine Frau kann was, und sie spricht viele Sprachen.“ „Eigentlich“, sagt der etwas freche Sohn von der Seite, „eigentlich macht alles die Mama.“

Zurück auf dem Touristen-Schlachtfeld von Cuci und bei Colonel Thanh. Die Tunnel sind für die Besucher erweitert worden. Die echten Tunnel des Vietcong waren viel enger. Was er vom neuen Reichtum Vietnams hält ? „Die Unterschiede zwischen arm und reich sind zu groß. Ho Chi Minh war für Gleichheit. Und er hat uns immer ein einfaches Leben empfohlen. Er wäre über das Vietnam von heute nicht erfreut.“

Ho Chi Minh City: Kapitalistische Boomstadt. Und Frau Thuy, typisch asiatische Frau, meint es ganz ernst: „Mein Glück steht in meinen Händen: Ich habe an der Börse fünf Millionen Dollar verdient, weil ich rechtzeitig verkauft habe, sagt sie. Ich bin gar nicht clever, ich habe nur starke Glückslinien.“ Der alte Gouverneurspalast von Saigon, heute Sitz des Volkskomitees. Vietnams Kommunisten haben die Kolonialmacht Frankreich verjagt, die USA besiegt. Und nun wird ihr Land täglich kapitalistischer.


(Quelle: SWR)

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