Die rasende Postbotin

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Zwei getrennte Welten

Agrita melkt die KuhAgrita ist immer als erste auf den Beinen. Mann und Söhne schlafen noch. Die Kuh muss gemolken werden. Ich sehe aus wie ein altes Mütterchen, sagt Agrita. Am liebsten würde sie die Kuh verkaufen, aber die Familie lebt bei der Großmutter, und die will die Kuh behalten.

Sie sagt mir immer wieder, eine braucht man mindestens. Aber mit der Kuh ist man so gebunden. Ich muss sie morgens und abends melken. Einfach mal wegfahren – ist da nicht drin.

Morgens im Stall denkt Agrita noch nicht an ihre andere Arbeit. Zuhause und die Post, das sind zwei getrennte Welten. Darauf legt sie Wert. Jeden Morgen kommt das Postauto aus der Stadt. Mit 32 hat Agrita ihre erste richtige Arbeit, eine, für die sie Geld bekommt. Seit eineinhalb Jahren arbeitet sie nun bei der Post und will den Job nicht mehr missen.

AgritaMit Witalijs, dem Fahrer, wird aus der leicht verlegenen Frau eine rasende Postbotin. Briefe, Zeitungen, aber auch kleine Einkäufe und vor allem die Renten bringen die beiden in abgelegene Ecken. Hier erinnert nichts an das boomende Riga, das gerade mal zwei Fahrstunden entfernt ist. Es geht fast nur über Sandpisten. Die beiden hoffen, dass sie kein Haus umsonst anfahren. Alle haben Agritas Handynummer. Witalijs drückt derweil aufs Gas. Sonst sei die Tour nicht zu schaffen.

Wenn die Menschen anrufen, weil sie zum Beispiel am Rentenzahltag zum Arzt müssen, dann ist das in Ordnung. Dann komm ich halt an einem andern Tag, sagt Agrita.

Und sie muss Zeit mitbringen. Die Geldscheine sind schnell gezählt. Lächerlich kleine Summen. Viele wollen einfach ein bisschen reden. Die alte Irena bekommt gerade mal 100 Euro im Monat:
Die Regierung sollte uns Renten zahlen, die zum Leben reichen. Dann könnte ich auch noch was sparen und vielleicht mal reisen.

Am Anfang der Tour sagte uns Agrita, je schneller, desto besser. Sie mag es, übers Land zu rasen. Sie mag die neue Zeit.

Überleben mit viel Improvisationstalent

PostautoMeine Großmutter sagt oft zu mir, früher war das so oder so. Ich sag ihr dann immer, es wird nie wieder so sein wie zu deiner Zeit.

Agrita gehört nicht zu denen, die wehmütig zurückblicken. Rund um Straupe ist ihr Gebiet. Die alten Glanzzeiten sind vorbei. Dabei gehörte der Ort früher zur Hanse. Im Schloss ist ein Heim für Alkoholiker untergebracht und an den einstmals so wichtigen Postweg von Westeuropa nach St. Petersburg erinnert nur noch die Ruine der alten Poststation.

Witalijs hat nach der lettischen Unabhängigkeit einige Jahre in Irland gutes Geld verdient. Die Gerüchte, dass die Post den Fahrdienst abschaffen will, schrecken ihn daher nicht. Irgendwie wird er sich schon durchschlagen.
Verglichen mit Europa sitzen wir noch tief im Graben. Wir sagen zwar, wir sind ein Teil Europas, aber wir sind noch weit entfernt davon, sagt Witalijs. Vertrauen in die Politiker hat er eher nicht.

Jeder Arbeitstag ist für Agrita und Witalijs eine Reise in eine Welt, die im Westen längst zur Vergangenheit gehört. Sie fahren zu Höfen, wo außer ihnen niemand mehr hinkommt. Überleben mit viel Improvisationstalent.

Peteris hat im Wald Pilze gesammelt. Agrita bekommt einige, die sind für die neue Telefonkarte, die sie ihm mitgebracht hat. Beim nächsten Stopp bekommt sie Moosbeeren. Zanna und ihr Mann nehmen sich, was Wald und Garten bieten. Das sei besser als im Supermarkt.

Dazu gibt es dann Milch, Weißbrot, Quark und Eier. Was brauchen wir mehr?, fragt die alte Zanna. Klagen tun hier wenige. Bei den Andersons muss sich Agrita Äpfel mitnehmen. Dabei hat sie selbst genug zuhause. Sie bringt uns schließlich Brot, und wenn es nötig ist, auch was Flüssiges, meint der alte Anderson. Dann geht es wieder zurück ins Dorfzentrum.

Es geht schon, wenn man nur will

Edgars vor seinem HausFür den nächsten Rentner muss Agrita tatsächlich noch was einkaufen. Etwas weicheren Schinken, damit er ihn auch kauen kann, sagt Agrita im Fleischerladen.
Die Postbotin liebt den Kontakt mit den Menschen. Früher habe sie immer nur zuhause gesessen. Edgars wartet schon auf sie. Er lebt alleine. Der nächste Bus hält Kilometer entfernt. Im Altersheim wollten sie ihn nicht haben.

Alles wäre gut, sagt er, wenn nur meine Augen nicht so schlecht wären. Mein Leben ist nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich. In der Mitte halt. Solange du am Leben bist, musst du leben, da kann man nichts machen, meint Edgars. So sind sie hier, pragmatisch.

Doch Agrita haben die wilden Fahrten übers Land verändert.

Jetzt zeige ich meinen Charakter. Sagen wir mal so, ich lasse es mir nicht mehr gefallen, wenn jemand mich klein macht. Es geht schon, wenn man nur will.

Witalijs bringt seine Postbotin nach Hause. Dort warten schon Mann und Söhne aufs Essen. Hier beginnt wieder Agritas andere Welt. Und die will sie uns lieber nicht zeigen. Zu bescheiden, zu arm sei es bei ihr. Gar nicht so anders als bei den alten Menschen, die jeden Tag auf sie warten.

(Quelle: daserste.de/werg)

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