Puppenspiel als Opfergabe

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein treuer Zuschauer – seit 1 000 Jahren

 Erstklassiges taiwanesisches Puppentheater, kostenlos noch dazu, aber davor nur vier trostlose Stühle, kein Publikum weit und breit. Nebenan eine Familie, die isst und guckt weg: Übersättigung nennt man das, denn auf der Bühne wird rund um die Uhr gespielt. Aber ein Zuschauer sitzt auf der anderen Straßenseite im Tempel mit dem roten Dach. General Chen Yuen-Kuang liebte das Puppenspiel und auch mehr als 1.000 Jahre nach seinem Tod muss er darauf nicht verzichten. Er hat freien Blick über die Straße aufs Theater mit dem grünen Dach. Nur für ihn wird da gespielt.

Wir sind in der Kleinstadt Zau-Tun in einem der ungewöhnlichsten Tempel Taiwans. Die Frauen knien vor dem Gott gewordenen General. Einige haben eine besonders enge, wenn auch nicht gerade damenhafte Beziehung zu ihm.

Erschrocken fragen wir Chang Yi Juon, was das denn war: Sie stehe gerade in Verbindung mit dem Gott, sagt Frau Chang. Das Rülpsen komme von ganz alleine. Manchmal müsse sie sogar im Auto aufstoßen, das sei dann ein Zeichen des Generals, dass sie vorsichtiger fahren solle.

Ansonsten kommuniziert General Chen mit seinen Gläubigen vor allem durch zwei rote Klötze. Sie werden geworfen und je nachdem welche Seiten oben liegen – sagt er ja – oder er lacht nur, was immer das dann auch bedeuten mag. Seit Generationen pilgern Menschen hierher und bitten den lustigen General um Hilfe. Der tote Krieger wird als taoistischer Gott verehrt, in Taiwan hat die Religion mehrere Millionen Anhänger.

Gaben für den General

Ein Schweinefuß, Tintenfisch, Obst und Tofu – damit bedankt sie sich Frau Hung beim General. Jede Gabe steht für etwas: Glück, Reichtum oder Gesundheit zum Beispiel. Es sind symbolische Opfer, denn heute Abend kommt die Ente bei Frau Hung auf den Tisch – gesegnet und gekocht. Ihr Besuch hat einen besonderen Grund: General Chen hat ihre Gebete erhört und der Tochter geholfen. Die hat eine Arbeit in der Hauptstadt Taipeh gefunden. Aus Dank hat Frau Hung das Puppenspiel gesponsert, das gerade läuft.

Mit den Klötzen fragt, sie ob es ihm gefällt.
Ja, der General sei zufrieden, deutet Frau Hung seine Antwort. Wir fühlen uns als seine Schützlinge. Wann immer etwas Wichtiges ansteht, geht man zu ihm, bei Prüfungen oder Umzügen zum Beispiel. Und hinterher stellen wir fest, dass er uns irgendwie gestärkt und auf uns aufgepasst hat. Ich bin deshalb oft hier, um mich bei ihm zu bedanken, sagt Hung Yu-Zung.

Der General teilt den Menschen auch mit, wie sie sich für seine Wohltaten erkenntlich zeigen sollen. Entweder mit Himmelsgeld, das angezündet wird und als Rauch zu ihm aufsteigt, oder aber eben mit einem Puppenspiel. Damit der Gott auch alles gut hören kann, ist die Tempelkreuzung dank großer Lautsprecher erfüllt vom Puppenspiel. Unterhalb der Bühne hängt der Name des Sponsors. Frau Hung guckt, ob auch alles richtig geschrieben ist. Es gibt noch mehrere professionelle Puppenspieler auf Taiwan. Bevor jeder einen Fernseher hatte, spielten sie auch noch vor großem Publikum.

Viel Krach und Kung-Fu

PuppenspielerDie Aufführungen dauern gut zweieinhalb Stunden, meistens sind es historische Geschichten, die mag der General angeblich besonders gern mit viel Krach und Kung-Fu. Lee Ming-Hua ist seit 35 Jahren Chef der kleinen Truppe. Die Stücke liest er weitestgehend ab – aber er improvisiert gerne, um den General zu überraschen. Frau Hung möchte sich bedanken, doch die Puppenspieler sind im größten Stress, auch wenn nach wie vor kein Menschen zuguckt.

Es stört mich nicht, dass da keiner sitzt. Denn von da hinten schaut uns der General mit seiner Gefolgschaft zu. Außerdem – ich verdiene so mein Geld, hier werde ich immer gleich für zehn Tage am Stück engagiert. Und jetzt ist es draußen sehr heiß, da ist kein Schatten, wenn es im Dezember kühler wird, setzen sich auch mal ein paar Leute hin, erzählt Lee Ming-Hua.

Chen Ku liefert die Töne zum Spiel seines Chefs. Die Nadel schrabbt über 50 verschiedene Platten. Mal Musik, mal Schreie oder Schläge – alles schnell gemixt.

Ich bin nicht nur sehr schnell, sondern auch sehr genau und vorsichtig mit meinen Platten. Ich pflege sie sehr, deshalb sehen sie noch gut aus. Ich habe es mal mit CDs probiert, aber mit Platten bin ich einfach schneller, und ich finde sie auch nicht schlechter.

Auf der kleinen Bühne nebenan kommt alles vom Band. Manchmal laufen drei Stücke nebeneinander für den General. Dahinter sitzen immerhin einige Zuhörer unter dem einzigen Baum, der Schatten spendet – weit und breit.

Dann wird es dunkel und der Tempel mit den Lichtern noch schöner. Frauen aus der Umgebung singen. Und auf der anderen Straßenseite beginnt die Abendvorstellung für den unersättlichen göttlichen General Chen.


(Quelle: ard/br)

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