Der letzte Hirte

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

SchafhirteEr ist der Letzte. Fais Khurije ist der letzte christliche Schafhirte im Westjordanland, im biblischen Heiligen Land. Hier, fernab von der großen Politik, weit weg vom islamischen Fundamentalismus, weit weg von einer neuen ultranationalistischen israelischen Regierung, lebt Fais in Frieden, in Eintracht mit der Landschaft und seinen Schafen.

Um die Herde beisammen zu halten, muss er nicht einmal aufstehen. "Verstehen dich die Schafe tatsächlich?" " "Ja, sie verstehen mich. Schau doch. Ich sitze hier und sie sind immer um mich herum. Ich muss nur kurz pfeifen oder sie rufen und sie reagieren. Man kann die Tiere erziehen." "Also hast du mit ihnen eine ganz spezielle Beziehung?" "Ja. Neulich habe ich meinen Sohn bei ihnen gelassen. Er kam kaum mit ihnen zurecht. Er musste ihnen ständig hinterherlaufen, erst hat er sie in eine Richtung getrieben, dann liefen sie ihm in die andere Richtung davon. Wenn ich sie hüte, dann schlafe ich meistens unter einem Olivenbaum und sie bleiben immer um mich herum."

Beruf mit Tradition

Altes TeastamentFais liebt sein Leben. Hier im Heiligen Land hat sein Berufsstand Tradition. Ein Blick ins Alte Testament genügt. Damals, also vor Tausenden von Jahren, konnte man damit noch vermögend werden. Doch heute: "Ich kann kaum überleben, aber tue mein Bestes. Ich habe keine Lust, als Angestellter mein Geld zu verdienen. Ich mag nicht, wenn mir jemand Befehle gibt. Schau, niemand hat mich heute gefragt, warum ich mit den Schafen rausgehe oder hier sitze. Im Prinzip könnte man so ein gutes Leben führen, ein bisschen Geld sparen, wenn da nicht das Ereignis von vor vier Jahren gewesen wäre."

Das Ereignis: Sein Cousin wurde verdächtigt, eine junge Muslimin in einem Nachbardorf geschwängert zu haben. Daraufhin kamen die Muslime hierher nach Taybeh, dem christlich-arabischen Dorf, in dem Fais lebt, und brannten alles nieder, auch das Haus von Fais. Er verlor damals sein gesamtes Hab und Gut. Doch darüber mag Fais vor der Kamera nicht wirklich etwas erzählen. Wie er sich überhaupt lieber raushält aus der Politik. Ihm sind nur seine Schafe wichtig. Und jetzt, wo er sie melkt, kommt seine Frau Hala dazu. Sie wird aus der Milch Käse machen.

Schafskäse nach uraltem Rezept

SchafskäseDen Käse stellt Hala nach uraltem Rezept her. Wahrscheinlich haben schon die Juden und Christen in biblischen Zeiten ihren Käse so gemacht.

Zunächst einmal wird die Milch gesiebt, um alle Unreinheiten zu beseitigen. Dann wird sie warm gemacht. Hala gibt ein Enzym dazu, nur sieben Tropfen, wie sie sagt, um die Milch besser gerinnen zu lassen. Um den Käse hart werden zu lassen, wird er in kleine Portionen eingewickelt. Schließlich wird der fast fertige Käse gesalzen, um ihm das letzte bisschen Wasser zu entziehen. Danach kann der Käse endlich verkauft werden.

Viel bringt das nicht ein, doch die Khurijes müssen damit irgendwie zurechtkommen. "Wenn ich sagen würde, dass wir genug verdienen, dann würde ich lügen, aber was soll ich tun? Jetzt ist die Käse-Saison, aber wenn sie vorbei ist, werden wir wieder Schulden haben, denn die wirtschaftliche Lage ist schlecht, die Lebenshaltungskosten sind hoch. Das Futter für die Tiere ist teuer."

Dankopfer zu Ostern

Die Christen von Taybe bereiten sich auf Ostern vor. Jeden Sonntag gehen sie natürlich in die Kirche. Pater Raed Sahlije leitet den Gottesdienst. Unser Hirte ist nicht da. Er ist - wie immer - bei seinen Schafen draußen.

Doch auch er ist ein frommer Mann und schärft sein Messer. Denn heute wird er wieder einmal ein Schaf schlachten. Als Dankopfer. Eine uralte Tradition hier in Taybe. Wann immer die Menschen einen Wunsch haben oder sich bei Gott bedanken wollen für die Errettung von einem Unheil, dann schlachten sie, ganz wie in biblischen Zeiten, ein Lamm.

Heute opfert Hala ein Lamm und die ganze Familie ist dabei. Denn vor einem Jahr wurde die Herde gestohlen und Hala schwor damals, sie werde ein Opfer bringen, wenn sie die Schafe zurückbekämen. Sie bekamen sie zurück. Hier in den Ruinen der St. Georgskirche aus dem 5. Jahrhundert macht sich Fais ans Werk.

Auch Pater Raed ist inzwischen dazugekommen. Das Ritual wirkt heidnisch, hat aber biblische Wurzeln. Es erinnert an das Pessachlamm, wie die Juden das Lammblut an ihre Türpfosten strichen, damit der Todesengel beim Erschlagen der ägyptischen Erstgeborenen, die jüdischen Häuser erkennt und vorbeizieht.

Die Hand, Hamsa auf Arabisch, ist ein altes jüdisch-muslimisches Symbol zum Schutz vor dem Bösen. Pater Raed mag das Ritual nicht: "Eigentlich ist das nach der Kreuzigung Christi verboten, wir brauchen keine Tieropfer mehr, weil Jesus am Kreuz zum Priester und Opfer und zum Opferlamm wurde."

Doch die Menschen hier denken in anderen Kategorien. Die Zeit ist hier stehengeblieben und Fais wird weiter seine Schafe hüten und Schafe opfern solange er kann. Alles ist bestimmt von einer uralten Tradition. "Es ist ja keine Schande, ein Hirte zu sein. Schon Jesus war Hirte, auch die jüdischen Propheten."

Doch Fais ist der letzte christliche Hirte im Heiligen Land. Und damit wird die Tradition eines Tages doch untergehen.

(Quelle: ndr/werg)

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