Neue Regierung, altes Elend

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Mugabe und TsvangiraiHäftling Nummer 15808, Brian Ngambo, 26 Jahre alt, verurteilt zu zwei Jahren, wegen Diebstahls. Nur ein anderer Häftlinge ist in seiner Zelle, die anderen sind gestorben. 6.00 Uhr morgens, ein weiterer Tag in der Hölle der Gefängnisse Simbabwes.

Das Wasser kommt aus Abwasserleitungen. Trinken sollte man das nicht, es ist verseucht. Viele der Häftlinge sind unterernährt. Der Häftling Brighton, ein lebendes Skelett. Bilder wie aus einem Konzentrationslager. Inhaftierte sind darauf angewiesen, dass ihre Familien sie versorgen, von den Gefängnisbehörden gibt es nichts. Aber Brightons Familie hat ihn verstoßen.

Seine Mitgefangenen sind sehr in Sorge. "Brighton ist sehr krank. Sein Körper gehorcht ihm nicht mehr, er kann sich nicht kontrollieren. Immer wieder beschmutzt er sich mit seinem eigenen Kot, egal, ob er schläft oder ob er wach ist. Bald wird er tot sein."

Vielleicht hat Brighton den Einbruch gar nicht begangen, für den er verurteilt wurde. Vielleicht war er einfach nur ein Oppositionsanhänger. Wir erfahren es nicht, denn Brighton kann nicht mehr sprechen. Brian Ngombe hat Tuberkulose, wie fast alle hier. Ein Plastikbecher dient ihm als Spucknapf.

Maisbrei, mit Wasser verdünnt, das ist ihr Essen. Viele Menschen in Simbabwe, auch diejenigen, die in Freiheit leben, haben immer noch nur das zu essen. Simbabwe mag zwar eine neue Regierung haben. Aber die Hilfe ist ausgeblieben.

Katastrophale Haftbedingungen

Roy Bennett und Morgan TsvangirajDer simbabwische Politiker Roy Bennett war bis vor kurzem selber noch im Gefängnis gesessen. Er weiß: die politische Versöhnung in Simbabwe funktioniert auf vielen Ebenen überhaupt nicht. Bennett hat die Haftbedingungen wochenlang am eigenen Leibe erlebt.

Roy Bennett: "Ich kann nicht vergessen, wie ich einen hungernden Häftling beobachtet habe. Er hat ein Stück Brot in der Hand eines anderen Häftlings gesehen und hat es ihm aus der Hand gerissen. Er rannte weg und stopfte das Stück Brot in den Mund. Der Andere hinter ihm her und hat ihn auch erwischt, aber der hat seine Kiefern zusammengepresst und hat das Brot nicht mehr hergegeben. Solche Szenen habe ich jeden Tag erlebt. Und diese Bilder werden mich mein ganz Leben lang verfolgen."

Dieser Simbabwer ist vor wenigen Tagen erst freigelassen worden, er will nicht erkannt werden. Er saß ebenfalls wegen Diebstahls im Gefängnis. Dort hat er einen schmerzhaften Ausschlag bekommen, offenbar aus Vitaminmangel. Den Diebstahl hatte er zugegeben. Im Simbabwe des Robert Mugabe hatte er keine andere Möglichkeit gesehen, zu überleben. "Als ich verhaftet wurde, da war ich noch gesund. Kaum war ich im Gefängnis, bin ich krank geworden."
"Sind Sie dort behandelt worden?"
"Sie haben versucht, mich zu behandeln. Aber sie hatten keine Medikamente, nichts. Diese sogenannte Behandlung war nur ein schlechter Witz."
Auch außerhalb der Gefängnisse gibt es kaum Medikamente.

In den Gefängnissen sind es neben dem Nahrungsmittelmangel vor allem die katastrophalen hygienischen Bedingungen, die den Häftlingen zu schaffen machen. Manche melden sich freiwillig zum Putzdienst. Aber selbst das Waschwasser ist verseucht.

Ian KayDer Menschenrechtsaktivist Ian Kay und seine Frau Kerry landeten vor kurzem ebenfalls im Gefängnis. Der Gestank sei unbeschreiblich gewesen, erzählt sie. Die meisten Gefangenen hätten monatelang ihre Kleidung nicht waschen können. Viele seien der festen Meinung, dass sie niemals ihr Gefängnis lebend verlassen würden. Die Freiwilligen der Putzkolonne im Gefängnis von Beit Bridge sind die einzigen, die manchmal Fleisch bekommen. Die Ehefrau des Gefängnisdirektors bringt es vorbei.

Kerry Kay: "Wir konnten nicht einmal schlafen. Es gab keine Betten, keine Liegen. Auf dem Boden waren überall menschliche Exkremente, die aus dem Loch quollen, das die Gefängniswärter als Toilette bezeichneten. Es war abstoßend. Wir haben drei Nächte in dieser Zelle verbracht, auf dem Betonboden, ohne eine Decke. Wenn wir versuchten, eine der Ecken zu reinigen kamen alle anderen Gefangenen in der Zelle zu uns rüber. Wir haben einfach aufgegeben."

Roy Bennett: "Die Behörden haben keine Transportmöglichkeiten, daher können sie die Leichen gestorbener Häftlinge nicht wegschaffen. Außerdem sind die Leichenhallen in der Stadt überfüllt. Ich habe erlebt, wie man Leichen dort zu Fuß hintrug und Stunden später wieder zurückbrachte. Dann lagen die Toten in dem Gefängnisraum, der früher mal als Wäscherei diente. Irgendwann mal steckte man sie in Plastiksäcke."

Viele haben die Hoffnung verloren

Diese Frau versucht, den Alltag Simbabwes zu meistern. Auch sie will ihren Namen nicht nennen. Ihr Ehemann, ein Anhänger der früheren Oppositionspartei MDC, sitzt immer noch im Knast. Die lokalen Behörden weigern sich, ihn freizulassen.

Das ist das Essen für acht Menschen, für einen ganzen Tag. Zwar hat die simbabwische Regierung jetzt den US-Dollar und andere ausländische Währungen zugelassen, aber diese Menschen haben gar kein Geld.

Für den inhaftierten Ehemann bleiben oft nur getrocknete, und dann gekochte Blätter. Die bringt seine Frau im Gefängnis vorbei. "Mein Mann beschwert sich, ‚warum bringst du mir nicht mehr zu essen?’, sagt er. Ich sage ihm, dass ich auch nicht mehr habe. Vor drei Tagen habe ich ihn zum letzten Mal besucht. Seither hat er gar nichts mehr gegessen." Erwartet sie, dass ihr Leben sich bald verbessern wird? Da geht sie weg. Sie hat die Hoffnung verloren.

Brian Ngombe hat sie noch nicht verloren, obwohl er sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Vielleicht, so meint er, erbarmt sich ja ein Richter seiner und begnadigt ihn. Für Brighton aber, seinen Mitgefangenen, wird jede Hilfe zu spät kommen. In den nächsten Tagen wird er sterben.

(Quelle: WS/werg/dpa)

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