Zurück zur Tauschwirtschaft

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

XeniaVerlängerte Fingernägel, goldene Ringe, makellose Figur, das ist Xenia und wenn die Krise überall so aussehen würde wie hier im Lokalfernsehen Ivanovo, würde man zum Krisenfan. „Jetzt kennen wir den Gewinner für unsere „Zebra“-Fischkonserven.“

„Fischkonserven“ doch, kein Irrtum, genauso steht es auf dem Spickzettel.

Ivanonvo-TV hat es mit Dosennahrung - und mit Xenia natürlich - zu einem der erfolgreichsten Lokalsender in ganz Russland gebracht und, Achtung, hier kommt der Hauptpreis, unglaublich aber wahr: „Sieben Büchsen Kondensmilch, auch von unserem Sponsor „Zebra“.

Xenia und ihre Dosen, das ist Fernsehen für das krisengeschüttelte Russland.

Viktor, Chefredakteur „Ivanovo-TV“

„Ehrlich gesagt, als wir vor zwei Monaten zum ersten Mal Wurst verlost haben, sollte das nur ein Jux sein. Bei uns gab es immer Handies und CD-Player zu gewinnen. Das aber haben die Zuschauer zu Hause, jetzt wird das Geld für Lebensmittel knapp. Seit wir die verlosen, werden wir mit Anrufen und Einsendungen geradezu überschüttet.“

Ivanovo-TVIvanovo in Russlands Westen. Hier frisst sich die Krise in die Stadt. Wer rechts auf den 36iger Bus zu den Fabriken wartet, hat Arbeit, links geht´s, schon auch mal hochhakig Richtung Arbeitsamt. Wer immer noch behauptet, Russland komme mit der Krise klar, sollte einfach im Arbeitsamt Ivanovo die Tür öffnen. Die halbe Stadt drängt sich im Flur, Schlangen überall, schon um acht Uhr morgens, bitte warten, die Mitarbeiter kommen nicht mit dem Andrang klar. Hier geht gerade eine russische Industriestadt in die Knie.

Valerij Kuznetsow, Arbeitsloser

„Die Situation wird immer schlimmer: Ich habe bei uns in den Stofffabriken gearbeitet wie alle hier. Erst haben sie die Arbeitszeiten gekürzt, dann unsere Gehälter. Ich bin gefeuert worden, aber meine ehemaligen Kollegen, die weiterarbeiten, bekommen für die Arbeit weniger als ich Stütze kriege.“

Stoffbahnen, von Stoff hat die ganze Region seit Jahrhunderten gelebt, aber von richtig leben kann nicht mehr die Rede sein. Ihr Einkommen hier genügt gerade für die Wohnung, zwei Frauen, wo früher zehn gearbeitet haben. Alte Sowjettechnik überall, über Jahrzehnte hat hier niemand mehr auch nur einen Rubel hineingesteckt. Er hier hat niemand mehr zur Unterhaltung, 300 Kollegen sind entlassen, man hätte investieren müssen, als die Wirtschaft noch boomte, ja, das hätte man.

IrkutskIrkutsk in Russlands Osten. Hier wackelt die Luftfahrtindustrie und heute ein bisschen auch der Kreml. Dmitiri Medwedew versucht, für die Kameras den Krisenmanager zu geben, Motto: Der Präsident hat das Ruder fest in der Hand, aber es wirkt hilflos. Ein Jahr ist er fast im Amt. Von Vorgänger Putin gibt es ein berühmtes Foto im Cockpit, das von Medwedew wird keiner haben wollen. Unter Putin war alles gut, jetzt passiert etwas Erstaunliches: Präsident Medwedew muss sich auf einmal Fragen von Arbeitern stellen.

„Was ist mit unseren Löhnen? Was mit den Renten?“

„Die Renten bleiben so wie beschlossen, das ist keine hohe Summe, aber zumindest die haben wir festgeschrieben und verkündet, und was die Löhne angeht, ja, wir haben Schwierigkeiten mit unserem Budget, aber Sie bekommen ihr Geld, daran gibt es keinen Zweifel.“

Der Lohn ist sicher? Das wissen Sergeij und Veroníka von „Iwanowo-TV“ besser. Lange bevor ihr Sender Glücksspiele ausstrahlte, gab es schon ihre Reportagen. Thema heute: Aufruhr vor einer Bank, diese Leute können ihre Kredite nicht mehr begleichen, weil die Gehälter eben nicht ausbezahlt wurden.

Sergei , Reporter „Iwanowo TV“

„Zu solchen Kundgebungen fahren wir in letzter Zeit ziemlich oft, mittlerweile protestieren immer mehr Arbeiter sogar in den Fabriken selbst, erst sollen sie weniger arbeiten, dann wird das Gehalt gekürzt und dann kriegen sie manchmal nicht einmal das wenige Gehalt ausbezahlt.“

KremlEs sind diese Versammlungen, die der Kreml fürchten muss, diese spontanen Unmutskundgebungen, die immer häufiger werden. Offene Kritik vor der Kamera, wer nichts mehr zu verlieren hat, kennt keine Tabus. Und wenn dem Reporter dieser Mann weinend sagt, die Regierung lasse alle im Stich, dann ist das politischer als viele Kundgebungen der Opposition in der Hauptstadt.

Rostov-am-Don, in Russlands Süden. Hier endet vielleicht das Zeitalter von Bargeld und Scheckbüchern. Die riesige Traktorenfabrik, wunderbare Mähdrescher bauen sie hier zusammen, Vollbeschäftigung trotz Krise, nur: Da draußen vor der Tür stehen schon Hunderte Erntemaschinen und wenn sie nicht jede ein Gewicht von 10 Tonnen hätten, könne man sagen: sie liegen wie Blei in den Regalen. Aber: Es muss ja nicht immer Geld sein.

Tatjana Zakablukowa, Mähdrescherfirma „Rostselmasch“

„Möglicherweise werden wir jetzt zum Tauschhandel übergehen, unsere Kunden haben einfach zu wenig Geld auf den Konten, also könnten wir unsere Mähdrescher tauschen, gegen Schweinehälften oder gegen Aluminium. Also: wir bieten einen Mähdrescher gegen 16 solcher Metallrollen.“

Wer also im Besitz von ein paar Tonnen Metall oder ähnlichem ist, wende sich bitte an: Rostelmasch, Rostov-am Don, Minzhínski-Strasse 2.

RubelAm besten sieht die Krise aber immer noch hier aus: Abendnachrichten von „Ivanovo-TV“ Arbeitslosigkeit, Unruhen, Kritik am Kreml, Tauschhandel, all das steht fein säuberlich auf den liebevoll geschriebenen Spickzetteln, von denen der arme Nachrichtensprecher ablesen muss.
In diesem kleinen Lokalsender bekommt man wirklich ein Bild vom Riesenrussland, das langsam aber sicher ins Rutschen gerät.

Sogar bei der Quizfrage kriselt es: Haben die Arbeiter heute im Kranwerk gestreikt? Dann schicken sie die Nummer eins an die 5577? Oder war es in der neuen Tuchfabrik? dann schicken Sie die Zwei.

Erst beim Preis wird alles gut: Diese wunderbare Wurstkombination. Für Russland geht es in der Krise um alles, in Ivanovo geht´s um die Wurst. Und: „Sein oder nicht sein“ heißt hier einfach „Cervelat oder Krakauer.“?

(Quelle: wdr/werg)

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