Harlems schwarze Zeitung

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Zeitung mit großen Vorbildern

New York - im Herzen von Harlem. Doch die Menschen hier stehen nicht vor einer Suppenküche an. Sie wollen nur als erste ihre Zeitung. Die “Amsterdam News“. Jeden Donnerstagmorgen ist es hier hektisch. Barack Obama, der neue Präsident, prangt heute auf Seite Eins.

Benannt nach dem Straßennamen, wo sie vor knapp 100 Jahren zum ersten Mal in New York erschien, ist diese Zeitung eine Art Legende. 250.000 Mal wird diese Ausgabe mit Obama vorne drauf verkauft, mehr als zehn Mal so viel wie sonst.

Andere Gründe nennen die Leser:
“Sie repräsentiert uns Schwarze. Wir sind zwar eine Nation, aber diese Zeitung steht für uns.“

“Die Zeitung ist etwas besonderes, weil sie die einzige Zeitung ist, die die Schwarzen repräsentiert in Harlem.“


Wer immer hier heute Morgen mit anpackt, sieht sich in der Tradition schwarzer Vorbilder, eines davon natürlich auch Nelson Mandela. Sie, Eli, ist Chefredakteurin, dazu Verlegerin und macht meistens drei Dinge gleichzeitig.

“Da stehen noch ein paar hundert Leute draußen“, sagt die Chefredakteurin, dann springt sie weg…

An solchen Tagen bebt die Zeitung beinah. Frage an die Chefredakteurin Elinor Tatum: “Jetzt mit dem neuen Präsidenten, wieso braucht man da noch eine ‚schwarze’ Zeitung?“


Die großen Themen der kleinen Leute

 Elinor Tatum, Chefredakteurin und Verlegerin:
“Jetzt noch mehr als sonst müssen wir das schwarze Gewissen Amerikas sein und Obama sagen, was diese Bevölkerung braucht. Für sich alleine kann der das gar nicht leisten.“

Obama und Martin Luther King, das ist eine Linie für die 25, die alles in allem hier arbeiten. Josh Parker ist einer von drei festen Reportern. “Ich gehe durch die Gemeinde“, sagt er. “Mal sehn, was so läuft.“

Das Apollo-Theater, berühmte Bühne schwarzer Kultur, liegt um die Ecke. Josh nimmt Fühlung auf. Das Vertrauen der Leute hat er: er ist nicht nur Reporter, er lebt auch in Harlem. Und dann hat er sein Thema: Der Busverkehr soll von der Stadt in diesem Teil Harlems eingeschränkt werden. Man will Geld sparen in der Krise. Das regt die Leute hier auf, den Bus brauchen sie hier dringend. Vor allem die Älteren. “Was machen die eigentlich für uns?“, heißt es. Josh wird darüber in der nächsten Ausgabe schreiben. Und genau davon lebt die Zeitung “Amsterdam News“.

Reporter Josh Barker:
“Wir schreiben genau die Geschichten, die die normale Presse eben nicht schreibt. Wir geben denen eine Stimme, die sonst keine haben. Und das Woche für Woche.“


Barack Obama und Hillary Clinton: Gäste der Tatums

Elinor Tatum besucht ihre Eltern in Downtown Manhattan. Ihre jüdische Mutter floh als Kind vor den Nazis aus Prag. Ihr Vater Bill, inzwischen schwer krank, war der frühere Verleger der Amsterdam News. In dieser Wohnung vereinen sich wie selbstverständlich mehrere Kulturen: Afrika genauso wie die der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Der Vater hat Martin Luther King gekannt.

Schon vor zehn Jahren hat er die Zeitung an seine Tochter übergeben, gerade 28 Jahre alt war sie damals. In dieser Wohnung saßen schon viele berühmte Politiker – ja, auch dieser eine.

Bill Tatum, ehemaliger Verleger, auf die Frage, ob Barack Obama auch schon hier in ihrem Wohnzimmer saß: “Ja“, sagt Bill, “der saß in dem Sessel da drüben.“ “Warum?“ “Weil Elinor ihn angerufen hat.“

Elinor Tatum:
“Barack Obama, Hillary Clinton - sie waren alle hier. Warum sie hierher kamen? Weil sie die Unterstützung der Zeitung wollen, weil wir eine der, wenn nicht die schwarze Zeitung in den USA sind.“

Harlem - natürlich sind auch hier die Zeiten durch die ökonomische Krise härter geworden. Und leicht waren sie hier sowieso höchst selten. Zu kämpfen hat hier beinahe jeder. Und das gilt natürlich auch für die Zeitung “Amsterdam News“.

Schlusskonferenz für die nächste Ausgabe im Büro von Elinor Tatum. Entlassungen konnte sie bislang vermeiden, Werbung und Verkauf tragen die Zeitung halbwegs, aber mit sinkender Auflage haben sie auch hier schon lange zu kämpfen. Zugespitzt und durchaus kontrovers aber sind sie bis jetzt immer geblieben.

Elinor Tatum:
“Wir haben immer noch einen Platz. Die Zeitung wird gebraucht. Wir bleiben, so lange es irgend geht. 100 Jahre gibt es sie schon und ich hoffe, dass es noch mal 100 werden.“


Der Tod des Vaters

Es ist wieder mal Mittwochnacht, die nächste Ausgabe geht in Druck. Doch da geschieht etwas, das die Familie Tatum tief erschüttert. Bill Tatum, Elinors Vater, ist an seiner Krankheit überraschend verstorben.

Michael Bloomburg, der New Yorker Bürgermeister und andere Prominenz ist da zum Abschied in der Riverside Kirche. Es predigt Reverend Al Sharpton - wie immer ohne Blatt vor dem Mund.

Pfarrer Al Sharpton:
“Du standst immer an unserer Seite, auch wenn es dich Werbeanzeigen gekostet hat.“

Und so endet also unser Film über die “Amsterdam News“ auch für uns überraschend zugleich mit dem Ende einer Ära. Die Hoffnung der Tochter ist, dass damit auch eine neue Ära beginnt. Leichter aber wird es nicht, das wissen wohl alle.

(Quelle: BR)

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