Ausverkauf im Kupfergürtel

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Vor drei Monaten stillgelegt. 2000 Menschen auf einen Schlag entlassen.
Das Kupferbergwerk in Luansha. Peter Kazembe ist einer der Entlassenen. Über 20 Jahre hat er in der Grube gearbeitet und auf einmal ist alles vorbei. Bei dem niedrigen Kupferpreis sei die Mine unrentabel, sagen die Besitzer – eine Finanzgruppe aus Europa. Doch Peter will das Ende nicht wahrhaben:

„Sie sollten einen Investor finden, der länger bleibt. Nicht wieder einen, der fünf Jahre da ist und wieder abhaut. Was ist das für eine Art mit Menschen umzugehen? Kündigen ohne Vorwarnung – das ist Folter.“

Peter Kazembe wohnt mit seiner Familie in einer Bergarbeiter-Siedlung. Seit seiner Entlassung kümmert er sich vor allem um den Garten: Tomaten, Spinat, Bohnen,– das bringt ein bisschen Abwechslung auf den Teller. Und es spart Geld. Früher verdiente er 300 Euro im Monat. Heute lebt er mit seiner Frau Florence und vier Kindern von Ersparnissen. Seine Abfindung hat die Bank kassiert.

„Die Werksleitung hat ihm 17 Millionen Kwacha gegeben, umgerechnet 3000 Euro. Aber da war ja noch die Hypothek auf sein Haus. Als die Mine dicht machte, verlangte die Bank alles auf einen Schlag zurück.“

Das Haus ist ihnen geblieben, aber für neue Anschaffungen und Reparaturen fehlt das Geld. Florence Kazembe hat den Speiseplan umstellen müssen. Für Fleisch und Fisch reicht es nicht mehr. Das Standardgericht ist jetzt Maisbrei mit Gemüse aus dem Garten.

Ihr Leben habe sich völlig verändert, sagt Florence. Früher ging sie in der Stadt einkaufen. Das sei vorbei. Jetzt müssten sie sparen.

Die Schließung der Mine hat die ganze Stadt getroffen - auch die Ladenbesitzer.
Wenn Peter mit seinem Kumpel Bonifaz durch das Geschäftsviertel bummelt, sehen sie vor allem geschlossene Läden. Davor fliegende Händler mit Ramsch-Ware. Ohne die Löhne der Minenarbeiter keine Einkäufe, keine Umsätze. Aus ehemaligen Geschäften werden Gemeinderäume, die einzigen neuen Mieter sind Kirchen.


Mit einem Gebet beginnen auch die entlassenen Minenarbeiter ihre Versammlung.
Jeden Samstag treffen sie sich unter freiem Himmel. Der Gewerkschaftsführer berichtet von Gesprächen mit potentiellen Käufern der Mine. Vor allem die Chinesen seien interessiert. Für Peter Kazembe und seine Kumpel ein Hoffnungsschimmer. Dabei wissen sie, dass chinesische Minenbesitzer in der Regel weniger zahlen. Aber sie müssen nehmen, was kommt. Eine Wahl haben sie nicht.

Seit der Privatisierung hat die Mine in Luansha drei Mal den Besitzer gewechselt. Ist der Kupferpreis im Keller, wird das Werk verkauft oder ausgeschlachtet. Dort, wo sich der Abbau nicht mehr lohnt, wird dennoch weitergearbeitet – illegal. Mit Eisenstangen brechen Kinder Gesteinsbrocken heraus. Mit ein bisschen Glück finden sie in der offenen Mine Kupferreste und Halb-Edelsteine. Das, was die Schaufelbagger übriggelassen haben.
Die Älteren erledigen den Abtransport. Barfuss, fünfzig Kilo schwere Säcke die steilen Geröllhalden hinauf. Für alle zusammen bringt das am Tag rund 40 Euro.

Sklavenarbeit in stillgelegten Minen - das wollen Julius Lufuka und seine Frau ihren neun Kindern ersparen. Für sie ist das ein Alptraum, aber bislang haben sie Glück gehabt. Julius ist auf dem Weg zur Frühschicht. Seit 18 Jahren arbeitet er für eine der modernsten Minen im sambischen Kupfergürtel: acht Stunden täglich, sechs Tage pro Woche. Das Werk gehört mehrheitlich einer britischen Finanzgruppe. Vor zehn Jahren hat sie die Anlage übernommen, rund 300 Millionen Euro investiert. Ein Musterbetrieb – zumindest von außen. Denn auch hier wird die Produktion zurückgefahren, stehen Entlassungen an. Von rund 10.000 Beschäftigten soll jeder Dritte seine Kündigung bekommen. Noch rätseln die Kumpel, wen es treffen wird. Erst kommenden Monat will die Werksleitung Namen nennen.

Für Julius Lufuka ist es eine Zeit der Ungewissheit. Wie soll er seine zehnköpfige Familie in Zukunft über die Runden bringen? Wird die Bank auch bei ihm das geliehene Geld zurückfordern? Und wer nimmt ihn noch mit 47 Jahren? In der Bergarbeiter-Kneipe wird nach Schichtende erstmal ein Bier gezischt. Man lacht, plaudert und verdrängt so auch ein bisschen die Angst vor der Zukunft.

Er habe sich nie mit Landwirtschaft befasst, sagt Julius. Rücklagen habe er nicht. Es würde ihn umhauen, mit 47 Jahren ein ganz neues Leben zu beginnen. Eine sehr schwierige Sache.“

Noch drehen sich die Förderräder. Noch hüllt sich die Werksleitung in Schweigen, wer in einem Monat arbeitslos ist und weggeworfen wird - wie überflüssiges Gestein.

(Quelle: wdr/werg)

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