Wale oder Lachse ?

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Blauwal vor der Küste Es ist eine Region von unglaublicher Schönheit und Lebensraum von unzähligen Tieren. Ein Gebiet, nahezu unerforscht, erst seit fünf Jahren wissen Naturforscher: das hier ist auch eines der letzten Refugien des Blauwals. Ihn zu Gesicht zu bekommen, ist ein wahres Glücksspiel, aber zusammen mit diesen beiden chilenischen Walforscherinnen hoffen wir darauf. Seit drei Jahren verbringen sie im südamerikanischen Sommer mehrere Monate auf der Isla Chiloe. Ihre Mission: Bestandsaufnahme, Suche nach den letzten Blauwalen, ein Konzept erarbeiten, wie das größte Tier der Welt gerettet werden kann. Und Begeisterung vermitteln, für die Giganten der Meere. "Ich mag es, wie gelassen sich die Wale geben“, sagt Barbara Galletti, Walforscherin vom Centro de Conservacion Cetacea. „Sie sind nur auf sich konzentriert, auf der Suche nach Nahrung und sehr majestätisch in ihren Bewegungen. Für mich ist das Poesie. Sie lassen sich von unserem Boot kaum stören".

Blauwale vom Aussterben bedroht

Chilenische Küste Zwischen Dezember und März sind hier viele Wale auszumachen. Blauwale und andere Arten. Jetzt ist das Meer besonders nährstoffreich, vor allem mit Krill, der Hauptnahrung der Bartenwale. Ein Paradies für Wale und ihre Beobachter, wäre da nicht die permanente Angst, dass es um diese Geschöpfe bald geschehen sein könnte. "Für mich symbolisieren die Wale den harten Kampf, den wir Menschen führen müssen, um die bedrohten Spezies dieses Planeten zu retten“, meint Elsa Cabrera, Walforscherin vom Centro de Conservacion Cetacea. „Die Blauwale sind kurz vorm Aussterben, es gibt nur noch 1% ihrer ursprünglichen Zahl." Man weiß aus historischen Quellen, vor hundert Jahren gab es hier Massen dieser gigantischen Tiere. Bis die Walfänger kamen. Der Blauwal ist zwar mittlerweile international als Art geschützt, aber es gibt eine neue Bedrohung. Weil das Meer auch hier längst leergefischt ist, hat Chile angefangen Aquakulturen aufzubauen. Lachsfarmen, unzählige, mit erheblichen Auswirkungen. "Die Lachsindustrie hier in Chile hat keinerlei Umweltstandards. Sie nutzt extrem viel Antibiotika und Gifte um Algen abzutöten, und die sind hochkrebserregend“, so Elsa Cabrera. Und Barbara Galletti ergänzt: "Wir haben eine Untersuchung gemacht und festgestellt, dass es Auswirkungen auch bei den Blauwalen gibt. Auf der Haut haben sie Verletzungen, Veränderungen. Das wurde bislang nur hier in den Gewässern vor der Isla Chiloe festgestellt, nirgendwo sonst auf der Welt".

Lachszucht verschmutzt das Meer

Zuchtanlage für Lachse Die Landschaft hier hat sich in den letzten Jahren extrem verändert. Keine Bucht, kein Fjord mehr ohne solche Riesenkäfige, Zuchtanlagen für Millionen von Lachsen. Ein Fisch der eigentlich nur auf der Nordhalbkugel vorkommt. Aber der Hunger der Industriestaaten auf den Edelfisch ist enorm gewachsen. Hier versucht man mit allen Mitteln Profit daraus zu machen. Wie, das zeigt man eigentlich nicht gerne, normalerweise wird man strikt abgewiesen, aber hier lässt man uns ausnahmsweise filmen. "Wir verteilen hier mehrere tausend Kilo Spezialfutter täglich“ erklärt der Aufseher Reinaldo Naranjo. „Das wird mit allen möglichen Medikamenten versetzt, und dann direkt in die Fischbassins gepumpt." 18 Monate Mastzeit. Um ein Kilo zuzulegen, müssen die Fische ungefähr das zehnfache verschlingen. Pausenlos werden sie mit ferngesteuerten Fütterungskanonen versorgt. Inklusive Unmengen an Medikamenten, Vorsorge für Krankheiten. Zum Vergleich: in Norwegen ist pro Lachs ein Gramm Antibiotika erlaubt, hier verfüttert man 2,8 Kilo. Und um die Netze sauber zu halten, beschichten die Taucher die Lachskäfige alle paar Wochen mit toxischen Mitteln. „Die Netze sind voll mit Algen und Seepocken, Kot und Futterresten“, so ein Taucher. „Wir müssen das täglich säubern. Das machen wir auch mit Hochdruckpistolen, um den Müll loszuwerden."


Suche nach Auswegen

Chilenische Küste Der Lachs ist nach dem Kupfer das wichtigste Exportgut Chiles. Die Umweltauswirkungen spielen bislang keine Rolle. Was zählt ist Geld, die Natur egal: "All der Müll, der hier anfällt, den versenken wir tief im Meer", meint ein Arbeiter auf der Lachsfarm. 40% der weltweiten Zuchtlachsproduktion kommt mittlerweile von hier und sie wollen noch mehr solcher Farmen, in deren Umfeld fast alles abstirbt. Für das faszinierende, zumindest an manchen Stellen noch nahezu unberührte Ökosystem wäre das das Ende, fürchten die Naturforscher. Sie kämpfen für ein Meeresschutzgebiet und suchen nach Alternativen, damit man hier trotzdem Geld verdienen kann.


Ökotourismus als Alternative

"Es wurde kürzlich eine Studie vorgelegt, die belegt, dass man hier mit sanftem Tourismus fast die gleichen Einkünfte erzielen könnte, wie in der Lachsindustrie“ meint die Wahlforscherin Barbara Galletti. „Daher verstehen wir überhaupt nicht, warum man die Lachszucht mit ihren fatalen Auswirkungen dem Tourismus vorzieht." Die ersten solcher Tourismusprojekte gibt es mittlerweile. Und deren Erfolg scheint den Wissenschaftlern Recht zu geben. Aber Chiles Regierung setzt bislang nur auf den Lachs und hat im vergangenen Jahr genehmigt, das auch noch weiter im Süden des Landes Lachs gezüchtet werden darf. Für die Wissenschaftlerinnen eine Katastrophe und Ansporn zugleich. Mit mehreren Naturschutzorganisationen fordern sie, dieses Ökosystem muss gerettet, das Meer hier zum Schutzgebiet ausgewiesen werden. Denn soviel ist mittlerweile klar. Die Chiloe-Corcovado-Region ist eines der wichtigsten Nahrungs- und Aufzuchtsgebiete des Blauwals in der gesamten südlichen Hemisphäre. "15% der Wale, die wir zwischen 2005 und 2006 fotografiert haben, konnten wir letztes Jahr wiederentdecken. Jetzt hoffen wir, dass wir von den etwa 100 Blauwalen aus dem letzten Jahr auch mindestens 15% wiedersehen."

Gestrandeter Wal Von Niederlagen und der bislang recht geringen Unterstützung in Chile lassen sich die beiden Wissenschaftlerinnen nicht unterkriegen, auch nicht, wenn mal wieder ein toter Wal angeschwemmt wurde.


(Quelle: WS)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post