Kinder ohne Hoffnung

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Todesangst auf dem Meer

Khalid aus Aouin in der Westsahara Jeden Tag ein warmes Mittagessen, das kennt Khalid eigentlich nicht. Khalid ist 14 Jahre alt, er kommt aus der Westsahara aus Aioun. Seine Familie ist bitterarm, der Vater arbeitslos. Mit Gelegenheitsjobs hat Khalid das Geld für die Überfahrt zusammengespart. Auch Driss ist 14. Er kommt aus einem Elendsviertel der marokkanischen Küstenstadt Agadir.

300 Euro oder mehr haben all die Kinder aus Marokko, Mali, Mauretanien, Gambia, Senegal an die Schlepper bezahlt. Ohne Eltern sind sie über das Meer gefahren, in einer kleinen Nussschale, die Todesangst immer an ihrer Seite. Die, die hier im Kinderheim in Icod de los Vinos auf Teneriffa aufgenommen worden sind, sind diejenigen, die es geschafft haben, zumindest erst einmal zu überleben und anzukommen – im ersehnten Europa.

An der marokkanischen Südküste sind Driss und Khalid in ihr Boot gestiegen. Die Überfahrt wird von Schleppern organisiert. In dem kleinen Kahn, mit dem Khalid fuhr, saßen 34 Menschen auf engstem Raum.

Khalid:
“Ein paar Mädchen saßen vor uns, wir dahinter, wir sind gefahren und gefahren, aber unser Motor war schlecht, dreimal ist er ausgefallen. Mitten auf dem Meer ist er explodiert.“ “Was habt ihr gemacht?“ “Es war einer dabei der hatte zufällig eine Zündkerze, wir haben dann Käse auf die Zündkerze geschmiert, weil wir kein Fett dabei hatten.“

In Obhut des Staates

 Driss will Arbeit suchenDrei Tage und drei Nächte sind sie unterwegs. Khalid ist Sonne, Kälte, Wind und Wellen schutzlos ausgeliefert:
“Ich habe den Tod gespürt. Ich habe mir gesagt, ich werde sterben, das ist meine letzte Stunde, das ist das Ende. Wir werden alle sterben habe ich gedacht. Wir haben den Koran genommen, und angefangen zu beten, andere haben das Glaubensbekenntnis gesprochen. Jeder hat etwas gemacht, wir hatten alle Angst. Der Bootsführer hat versucht, uns zu beruhigen, ein Kind hat geweint.“

Auch Driss war drei Tage unterwegs bevor er das rettende Ufer erreichte. Immer mehr Kinder – oft geschickt von ihren Eltern, wählen diesen Weg, denn unbegleitete Minderjährige können nicht abgeschoben werden, der spanische Staat nimmt sie in Obhut bis sie 18 werden. Und deshalb drücken sie nun die Schulbank, immer ihr eigentliches Ziel fest im Blick.

Driss:
“Ich werde Arbeit suchen, ich will arbeiten, ich brauche die Papiere, damit sie mich nicht ausweisen.“ “Wenn sie dir die Papiere nicht geben, was tust du.“ “Ich weiß es nicht.“

1.500 Minderjährige in Heimen

Carmen Steinert Cruz 95 Kinder zwischen neun und 15 sind im Heim untergebracht, für 50 war das ehemalige Internat auf Teneriffa vorgesehen. Immer neue Betten werden dazugestellt. Insgesamt sind derzeit etwa 1.500 minderjährige Flüchtlinge auf allen kanarischen Inseln verteilt.

Carmen Steinert Cruz, Jugendschutzbeauftragte der Kanarischen Inseln:
“Ich arbeite schon lange in diesem Bereich. 1996 kam das erste Kind auf den Kanaren an. Das hat uns damals überrascht. Von da an kamen immer mehr. Vor kurzem ist ein Boot auf El Hierro angekommen. Von den 65, die an Bord waren, haben 43 erklärt, sie seien minderjährig. In diesen Ausmaßen haben wir das noch nie erlebt.“

Auch Lahcni ist als Minderjähriger nach Teneriffa gekommen. Doch vor zwei Monaten ist der Marokkaner 18 geworden, nun gilt für ihn das Erwachsenenrecht. Wenn er in den nächsten vier Wochen keinen festen Arbeitsvertrag vorweisen kann, wird er zum Illegalen und die Abschiebung droht. Jeden Tag sucht er nun Arbeit, doch weder er noch sein Freund Brahim finden etwas.

Mit 18 droht die Abschiebung

Lahcni und Brahim Lahcni:
“Ich wusste nicht, wie die Leute hier leben, wenn ich es gewusst hätte wäre ich nicht gekommen. Aber Du siehst in Marokko immer nur die, die mit vielen Sachen zurückkommen und ihren Eltern Geld geben. Das zwingt Dich, es auch zu versuchen. Meine Familie hat nichts, wenn ich einen älteren Bruder hätte, der helfen würde, wäre ich nicht gekommen, aber es gibt niemand, der meinen Eltern helfen kann, außer mir.“

Brahim:
“Ich kann nicht nach Hause zurückgehen. Es geht nicht, die Leute dort denken, ich bin in Spanien, ich habe es geschafft. Sie wissen nicht, wie es wirklich ist. Ich könnte meinen Eltern sagen, wie schwierig es ist, aber sie würden es mir nicht glauben, das ist das Problem.“

Beide sind nun im Casa Ben untergeschlüpft, einem Haus der Caritas für obdachlose Jugendliche. Keiner von ihnen hat einen festen Arbeitsvertrag und ohne den müssen sie untertauchen weil sie volljährig und damit illegal sind. Die Hilfsorganisation gibt trotzdem Obdach, Essen, Spanisch-Unterricht, bereitet auf Vorstellungsgespräche vor. Wo siehst Du Dich in zwei Jahren ist die Frage, die sie schriftlich beantworten sollen, alle haben darauf nur eine Antwort.

Lahcni:
“Ich möchte arbeiten und die Papiere bekommen, damit ich meiner Familie helfen kann.“

Schlechte Aussichten

 Die Kanaren - nicht nur ein Urlaubsziel Doch wegen der Wirtschaftskrise werden die Aussichten immer schlechter.

Carmen Steinert Cruz, Jugendschutzbeauftragte der Kanarischen Inseln:
“Jedes Mal haben wir mehr den Eindruck, dass die Schleppermafia den Eltern in den Herkunftsländern falsche Auskünfte gibt: wie einfach es sei herzukommen, zu bleiben, und wie leicht es sein soll, eine neue Familie zu finden und ein neues Leben. Sie erklären aber nicht, dass es zwischen Afrika und den Kanaren ein Meer gibt, das sehr schwer zu überqueren ist. Oder wie viele Kinder auf dem Weg hierher schon gestorben sind.“

Auch Driss, Khalid und Omar hatten sich Europa anders vorgestellt. Sie zeigen sich zwar stolz ihre neuen Kleider, 60 Euro Taschengeld bekommen sie hier im Monat. Aber hergekommen sind sie, um schnell Geld zu verdienen, und es ihren Familien zu schicken. Doch das dürfen sie nicht und so enttäuschen sie ihre Eltern.

Khalid: “Wir dachten, es regnet hier Geld.“

Omar: “Ich dachte, der Schnee besteht aus Dollarnoten.“

Khalid: “Und nichts haben wir gefunden, vor allem auf der Insel, vielleicht gibt es auf dem Festland etwas, hier gibt es nichts.“

Vier Jahre Zeit haben sie noch bis sie volljährig sind und arbeiten dürfen, darauf richtet sich all ihre Hoffnung: Afrikas Kinder werden geschickt, weil die Armut dort wächst und Europas Grenzen für die Eltern immer undurchlässiger werden. Auf diesen Kindern lastet die Hoffnung ihrer Eltern und gleichzeitig das Trauma einer lebensgefährlichen Überfahrt in eine völlig fremde Welt.


(Quelle: daserste)

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