Wer war B. Traven...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

"Im Grunde war er sehr deutsch"

Er war einer der meistgelesenen deutschen Autoren des letzten Jahrhunderts - und der Rätselhafteste. Wer war dieser "B. Traven", der von Mexiko aus Bestseller wie "Das Totenschiff" in Deutschland veröffentlichte? Auch 40 Jahre nach seinem Tod bleiben viele Fragen offen.

Selbst seiner Stieftochter blieb es ein Rätsel, wer B. Traven in seinem Leben vor Mexiko gewesen war. Malú Montes de Oca war 12, als ihre Mutter den berühmten, geheimnisumwitterten Schriftsteller heiratete. Sie erinnert sich: "Wenn wir ihn fragten, erfand er irgendwelche Geschichten. Nur meine Mutter weiß alles, bestand aber darauf, dass wir sein Schweigen respektieren. Er litt sehr unter diesen Leuten, die ihn ständig verfolgten, um herauszufinden, wer er war."


Brief von B. Traven aus dem Jahr 1925Erst nach seinem Tod gab Malús Mutter einen Teil des Geheimnisses preis: B. Traven war danach identisch mit einem gewissen Ret Marut, der ab 1908 als unbedeutender Darsteller an diversen Bühnen spielte. Später gab er in Bayern das anarchistische Blatt "Der Ziegelbrenner" heraus und wurde schließlich 1919, im Zuge der Niederschlagung der Münchner Räte-Republik, zum Tode verurteilt.

"Diese Zeit in Deutschland wollte er auslöschen. Er hatte Angst, denn schließlich konnte er nur knapp vor der Hinrichtung fliehen. Aber mir empfahl er: 'Geh da hin, schau dir diese Kathedralen an'. Er liebte Deutschland, aber seine Angst saß tief, es war eine schwierige Beziehung", sagt Malú.

B steht für den zweiten Lebensabschnitt

Spätestens seit der Flucht vor dem Erschießungskommando hat er ständig seine Identität geändert. Otto Feige nannte er sich in London, Hal Corves im Filmbusiness, als Traven Torsvan führten ihn bis zuletzt die mexikanischen Behörden. Und als B.Traven wurde er weltberühmt. Wobei das B weder für Bruno noch für Bernhard stand, schmunzelt Stieftochter Malú: "B steht für seinen zweiten Lebensabschnitt. Im Grunde war er sehr deutsch und sehr ordentlich."


Malú beginnt, in dem umfangreichen Archiv, das Traven über dieses Leben B in Mexiko und als Schriftsteller angelegt hat, zu kramen. Das Leben A dagegen scheint wie ausgelöscht. Seine Witwe, mittlerweile 93, schweigt darüber, woher Ret Marut kam, wahrscheinlich wird sie das Geheimnis mit ins Grab nehmen. Stern-Reporter Gerd Heidemann, der später die angeblichen Hitler-Tagebücher veröffentlichte, sah Ret Marut gar als unehelichen Sohn Kaiser Wilhelms II. Wahrscheinlicher ist, das Traven/ Marut aus der Lübecker Gegend vom Fluss Trave stammte. Darauf deutet die einzige Tonaufnahme hin, die Malú als Kind mit ihrem Kassettenrekorder von B. Traven machte.


Das spitze "s" bei "Stillen Ozean" verrät die norddeutsche Herkunft. Dabei hatte B. Traven immer behauptet, aus den USA zu stammen. Aber das hat selbst das Kind Malú nie geglaubt - kein Wunder bei dem Akzent.

Seine Asche wurde über Ocosingo verteilt


Kurz vor seinem Tod am 26. März 1969 habe B. Traven etwa zehn Minuten lang etwas erzählt, vielleicht die Wahrheit seiner Herkunft - aber das werden wir nie erfahren. Niemand um ihn herum verstand deutsch. Seine Asche wurde seinem Wunsch entsprechend über dem indianischen Bundesstaat Chiapas ausgestreut, die dortige Provinzstadt Ocosingo heißt seitdem, per Parlamentsbeschluss, "Ocosingo de Traven". In Chiapas hatte der Schriftsteller auf mehreren Expeditionen Material für seine Abenteuerromane und Dokumentationen gefunden.

Sie nannten ihn "Skipper"

Malú holt eine Kiste hervor. "In dieser Kiste sind die Kameras, mit denen er durch den Dschungel zog und die Fotos für sein erstes Mexiko-Buch "Land des Frühlings" machte: ein Reisebericht, in dem er das Unrecht an den Indios anklagt. Er war fasziniert von deren Lebenseinstellung, die dem Materiellen keine allzu große Bedeutung beimaß, er verurteilte ihre Ausbeutung, ihre Vertreibung. Seine Bücher sind eine soziale Anklage und eine Verteidigung ihrer Lebensphilosophie", erzählt sie.


In seiner zweiten Heimat Mexiko stehen diese Bücher weiter auf dem Lehrplan der Schulen. Allen voran sein berühmtestes Werk: "Das Totenschiff". Ein Schiff, schließt Malú Montes de Oca, war auch unser Wohnhaus in Mexiko-Stadt: Traven arbeitete im dritten Stock auf der Brücke, und wir nannten ihn weder Traven, noch Ret Marut, sondern "Skipper".


(Quelle: ard/fantasticfiction/werg)

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