Zug zum Strand

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Sonne, Strand und Palmen – so stellt man sich gemeinhin die Dominikanische Republik vor. Doch nun tut sich ungewöhnliches unter dem heißen Sand der Karibik. Im Untergrund von Santo Domingo wird gebohrt und gehämmert – die Hauptstadt bekommt eine U-Bahn. Dieses Prestigeobjekt ist für die Karibik so ungewöhnlich wie Eisbären am Strand.

Unter- und oberirdisch soll die funkelnagelneue Metro verkehren. Für die gelegentlichen Probefahrten zwängen sich die Regierungsvertreter bei tropischen Temperaturen in das Wunderwerk - es ist Wahlkampf auf der Insel. Präsident Fernandez ist natürlich mit von der Partie - der gewiefte Politiker lässt sich für seine städtebaulichen Visionen feiern und will sich ganz nebenbei so die Wiederwahl sichern. „Ich glaube, dass wir mit diesem Bauwerk eine profunde Veränderung gerade im Verkehrsbereich einleiten, meint der Präsident, und das wir damit unserem Volk Modernität bringen.“

Ein bisschen erste Welt in der Karibik, darum geht es also – diese präsidentielle Großtat wird die Insel mindestens eine halbe Milliarde Euro kosten, Tendenz steigend. Doch die geladenen Würdenträger lassen sich davon den Appetit nicht verderben. Das einfache Volk muss bei der Feierstunde leider draußen bleiben – wer Glück hat, bekommt allenfalls ein paar Häppchen ab. Die Metro polarisiert die Insel wie kein anderes Thema. Die Sozialarbeiterin Patricia Gomez nimmt kein Blatt vor den Mund – sie hält die U-Bahn für obszön, und wird dafür von den Anhängern des Präsidenten wüst beschimpft. „Es geht doch um Prioritäten“, versucht Patricia zu erklären, doch dann unterbricht man sie ständig....“

Am nächsten Tag zeigt uns die Sozialarbeiterin Gomez, wo ihrer Meinung nach die Prioritäten liegen sollten – in den Barrios der Hauptstadt. Jeder vierte Einwohner auf der Insel lebt in Armut – so sieht das andere Bild der Dominikanischen Republik aus. Hurrikane verwüsten die Elendsquartiere in regelmäßigen Abständen, der letzte Wirbelsturm hieß Noel und hat mehr als hundert Todesopfer geopfert. Aber Hilfe von der Regierung dürfen die Betroffenen nicht erwarten – „Wir können nicht einmal unser Dach reparieren“, ereifert sich eine Frau, „die ganze Metro kann mir gestohlen bleiben.“ Die Sozialarbeiterin kann oft nicht mehr als zuhören. „In diesen Vierteln gibt es so gut wie keine richtige Stromversorgung und auch die sanitären Verhältnisse sind katastrophal. Sie brauchen sich ja nur umzuschauen. Die Menschen hier kämpfen jeden Tag ums Überleben.“

Ganz in Sichtweite des Armenviertels liegt die Hochbahntrasse der neuen Metro – erste und dritte Welt sind nur ein paar hundert Meter entfernt. Und überall grüßt der Präsident von den Plakatwänden – er habe sich mit der Metro ein pharaonisches Denkmal gesetzt, sagen seine Kritiker, und von denen gibt es auf der Insel nicht wenige. Einer von ihnen ist der Geologe Osiris de Leon, seines Zeichens Mitglied der Akademie der Wissenschaften. „Diese Metro ist eine Gefahr für die Öffentlichkeit, sagt er. Im Bereich der Hochbahn ist zu befürchten, dass sie schweren Erdbeben nicht standhalten kann, und im unterirdischen Bereich weiß man nicht, ob sich im weichen Boden gefährliche Höhlen befinden.“ Die Metro ist in aller Munde – eine Gruppe singt in schnellem Merengue-Takt über die U-Bahn und „Leonels Obsession“ – gemeint ist der Präsident. Auch wenn das gemeine Volk spottet – der Präsident lässt sich und seine Metro feiern. Weil er seine Jugend in New York verbracht hat, will er nun das moderne Amerika nach Hause bringen. „Ich habe Euch eine Metro versprochen und Ihr werdet sie bekommen“, kündigt er feierlich im Parlament an – der Anlaß ist die erste Probefahrt. Das Parlament jubelt. An der Basis gibt es lautstarke Proteste. Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften laufen Sturm gegen dieses Millionen teure Projekt. Für sie ist es eine gigantische Verschwendung – aber die sei durchaus typisch für Lateinamerika.

„Viele Regierungen haben die Sensibilität verloren, den Kontakt zu den Menschen“, sagt Patricia. „Sie kümmern sich nicht um die Armut in ihrem Land, ihnen geht es nur darum, als Partei oder als Regierung zu glänzen.“ Und dann nimmt sie uns noch in ein Viertel mit, das vom Wirbelsturm Noel im November 2007 besonders schlimm betroffen war. Ganze Häuser wurden hier verwüstet. Doch die einzige Hilfe vom Staat war grüne Farbe, mit denen einige Hütten neu angestrichen werden sollten – damit das Armenviertel von der Metro aus nicht ganz so elend aussieht, wie manche Anwohner vermuten. Und so wird die Metro zum Lehrstück über die politische Moral in der Karibik. Das einzige, was bleibt, ist Galgenhumor – und so lacht man beim karibischen Karneval über die U-Bahn und den Präsidenten. Wir sind zwar arm, aber wir haben jetzt eine Metro, sagen die Menschen - das ist jetzt das neue Lebensgefühl in der Dominikanischen Republik.

(Quelle: ARD Mexiko City/ws/werg)

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