Wenn Austern zur Plage werden

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Wilde Austern vs. Zuchtaustern

Austernzüchter Jean LeMoal: Die wilde Konkurrenz wird zur Qual Sie sind das Sinnbild luxuriöser Esskultur. Und gerade in Frankreich, wo angeblich Gott selbst zu speisen pflegt, haben Austern einen Stammplatz im Repertoire der Delikatessen. Zwei Kilogramm Austern verspeist ein Franzose im Schnitt jedes Jahr. Doch die Austernfreunde in der Bretagne wissen oft nicht, dass das, was sie genüsslich schlürfen, nur ein paar Kilometer Meter weiter zur Naturplage geworden sind: Wilde Austern überwuchern inzwischen pestartig die Felsenküste bei Brest, genauso wie in anderen Austernzuchtgebieten am französischen Atlantik. Die Delikatesse wird hier zur geeigneten Kulisse für einen Horrorfilm.

Jean LeMoal hat sich längst an den Anblick gewöhnt. Er ist Austernzüchter und muss tatenlos zusehen, wie sich seine Zuchtprodukte selbstständig machen. Vor einigen Jahren sahen die Felsenriffe in der Bucht vor Brest noch anders aus: „Sehen Sie mal, welch bizarre Formen die bilden, und sie sind auch ungewöhnlich groß. Noch vor ein paar Jahren gab es hier kaum wilde Austern.“

Jetzt gibt es kaum noch was anderes. Für die Austernzüchter, die ihre Meeresfrüchte in Netzen großziehen und mit Stöcken bearbeiten, damit sie nicht untrennbar aneinander wachsen ist die wilde Konkurrenz eine Qual:
„Unser größtes Problem ist, dass sich die wilden Austern an unsere Zuchtaustern ankleben und wir sie dann mühsam einzeln ablösen müssen.“

Die Form wichtiger als der Inhalt

Austern, wie man sie kennt und liebtDer Laie mag sich fragen: warum überhaupt noch Austern züchten, wenn sie schon im Übermaß vorhanden sind. Doch darauf weiß der Fachmann natürlich Antwort: „Was verkauft sich wohl besser, eine alte Karosse oder ein neues Auto mit einem schönen Äußeren. Das Resultat mag ja dasselbe sein, aber man will halt schöne Dinge, sauber, ansehnlich.“
Die schönen Zuchtaustern die vor dem Verkauf fein säuberlich nach Größe sortiert werden, gehören eigentlich in den Pazifik. Diese Austernart wurde erst Ende der 60er Jahren in der Bretagne eingeführt, weil Krankheiten die einheimischen flachen Austern dezimiert hatten. Heute fühlt sich die pazifische Auster hier im bretonischen Gewässer erschreckend wohl.

Morgane Lejart und Agahthe Larazilliere sind Forscherinnen des europäischen Meeresinstituts in Brest. Die Austernexplosion ist ihr Spezialthema. Regelmäßig vermessen sie dieselben Küstenabschnitte und stellen genauso regelmäßig fest: Es sind wieder viel mehr geworden.

Morgane Lejart: „Einige Jahre nachdem diese Austern hier eingeführt wurden, gab es erste wilde Vermehrungen, aber das war nicht viel und das waren Gegenden an der Loiremündung, wo es niemanden gestört hat - niemand hat da gebadet oder so. Aber es wurden mehr und mehr und in den letzten zehn Jahren kamen sie dann auch hier an die Strände und jetzt machen sie Probleme.“

Loswerden kann man die lästige Küstenplage kaum. Sie sitzen so fest, dass das Ablösen jeder einzelnen Auster richtig Arbeit bedeutet. Doch so hässlich sie als Felsenbelag auch aussehen. Es ist exakt dieselbe Austernart, die sonst neben einem Glas Champagner glänzt.

Die Forscherin Agahthe Larazilliere:
„Diese Austern schmecken gut, sie haben sogar viel Geschmack. Aber es gibt nicht viele Leute, die sich trauen wilde Austern zu essen. Die meisten kaufen sie lieber, aus hygienischen Gründen.“

Klimawandel als Ursache

Kinder werden vor den scharfen Austern gewarntIm Labor untersuchen die Wissenschaftlerinnen dann die erstaunlichen Fortpflanzungsfähigkeiten der Austern. Das Fleisch wird seziert. um anschließend die Samenzellen unter dem Mikroskop analysieren zu können. Das überraschende Ergebnis: Die Auster selbst hat sich in den vergangenen Jahren überhaupt nicht verändert. Ihre Umwelt aber um so mehr: „Wir reden viel vom Klimawandel und das ist auch hier unsere zentrale These: Als die Austern in den 60er Jahren eingeführt wurden, da war das Wasser noch zu kalt für sie, um sich fortpflanzen zu können. Seit Mitte der 90er Jahre ist die Meerestemperatur deutlich angestiegen. Und jetzt schaffen sie es im Sommer ganz einfach, sich zu vermehren.“

Dabei profitieren nicht nur die Austern vom Klimawandel in der Bretagne: Doch die Vermehrungslust der Edelmuschel schafft auch für Urlauber Probleme. Die überall lauernden Schalen sind so scharf, dass sich Verletzungen häufen. Schon die kleinsten Besucher werden bei organisierten Ausflügen in die Küstenlandschaft gewarnt: Achtung Austern!
„Ihr schneidet Euch, wenn ihr einfach in die Algen greift. Darunter sind überall Austern und die sind scharf wie Rasierklingen.“ „Sind die denn so schwer die wegzumachen?“ „Ja, das ist sehr schwer.“

Austern könnten knapp werden

Austernplage an der französischen KüsteDie wilden Austern geben auch biologische Rätsel auf: So ist bei den Zuchtaustern in den letzten Monaten eine rätselhafte Krankheit aufgetreten, an der die jungen Muscheln massenhaft sterben und die der französischen Austernindustrie ernsthafte Sorgen bereitet. Die wilden Austern hingegen scheinen aber völlig resistent dagegen zu sein und vermehren sich ungebremst weiter. Die Austernforscher malen schon düstere Szenarien: „Es ist vorstellbar, dass die ganze bretonische Küste einmal weiß bewuchert von wilden Austern ist. Damit müssen wir dann wohl leben.“

So droht ausgerechnet Frankreich in einigen Jahren eine Austerknappheit auf dem Teller und eine noch schlimmere Austernpest an der Felsenküste. Dass zur Not ein paar davon essbar sind, ist ein schwacher Trost. Denn eine Bretagneküste, die komplett so aussieht, wünscht sich nicht mal der größte Feinschmecker
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(Quelle: BR/werg)

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