Alle wollen nach Europa

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Verlorene Söhne


Halima Jemji trauert um ihren toten SohnZeit der Trauer in Fokra. In Leichentücher gehüllt wird die Verstorbene unter Steinen begraben. Nur die Männer dürfen nach islamischem Ritus an der Beerdigung teilnehmen. Die Frauen beobachten alles aus der Entfernung und sie denken an ihre eigenen Söhne. Vor vier Jahren starben 64 junge Männer an einem Tag. Sie waren damals aus Fokra aufgebrochen. Ihr Ziel Europa: Italien, doch ihr Boot ging vor Tunesien unter. Ihre Leichen wurden nie zurückgebracht. Jede dieser Frauen hat einen Sohn verloren.

Halima Jemji, weinend unterm Baum: „Ich habe meinem Sohn gesagt: Gib mir nur ein Stück Brot und ein bisschen Wasser, aber bleib. Aber er hat mir gesagt: Mama, schau, es gibt Leute, die können nicht lesen und schreiben, aber sie kommen mit schönen Autos zurück. Und ich habe etwas gelernt, aber ich kann hier nichts damit anfangen. Ich muss gehen. Lieber sterbe ich auf dem Meer als hier zu bleiben.“

64 Söhne, die nicht beerdigt werden können. Das bedeutet 64 Familien, können nicht aufhören zu trauern oder zu hoffen. Halima erklärt uns, dass der Körper im Islam nach einem bestimmten Ritus beerdigt werden muss, nur dann kann man Abschied von ihm nehmen.

Es liegt eine Hoffnungslosigkeit über diesem bitterarmen weitläufigen Ort, der den Namen Fokra trägt. Armut heißt das. Steine so weit das Auge reicht, darüber eine sengende Sonne. Seit zwei Jahren hat es nicht geregnet, kein Korn wächst hier.

„Wir warten, dass die Sonne morgens aufgeht und dass sie am Abend wieder untergeht, das ist alles.“ sagt uns Halima Jemji. Es gibt hier keine Arbeit, jeder denkt nur daran fort zu kommen. Auch ihr Sohn, 37 Jahre alt war er damals als er mit den anderen aus dem Dorf aufbrach, Vater von zwei Kindern. Halima Jemji: „Komm zurück, mein Sohn. Deine Kinder wollen Dich sehen, Deine Mutter will Dich sehen, komm zurück, Deine Kinder brauchen Dich doch.“

Heimkehrer zeigen ihren Wohlstand

Mit Luxusautos zurück in die HeimatFast alle Tiere hat Halima damals verkauft, um das Geld für die Überfahrt ihres Sohnes zusammen zu bekommen. Nur die Esel sind geblieben. Mit Ihnen geht Sahra, die Enkeltochter, Wasser holen. Jeden Abend tut sie das, so wie alle hier. Ein Fass voll schöpft sie, 250 Liter, das muss für einen Tag reichen zum Waschen und Trinken für Mensch und Tier.

15 Jahre alt ist Sahra. Sie hat Glück und darf noch zur Schule gehen, doch bald wird ihr Onkel ihr einen Mann suchen: „Das ist ein hartes Leben hier.“ sagt sie uns leise und schüchtern. „Wenn ich könnte würde ich auch weggehen.“

Weg aus Fokra, nach Europa, dorthin wo all die Leute herkommen, die sich die großen Autos kaufen können. In der Provinzhauptstadt Khouribga, gerade 20 Kilometer von Fokra entfernt, reihen sich in den Sommermonaten und während des Ramadans die Eselskarren und die kleinen roten Taxis neben den Luxusautos. Die emigrierten Marokkaner besuchen die Heimat, zeigen im coolen Outfit, was sie haben. Voll bepackt kommen sie aus Italien, Frankreich, Spanien. Mit dabei Geschenke für die Familie, vieles wird auf dem Souk verkauft.


Aussichtslosigkeit für die Daheimgebliebenen

Eselskarren vor NeubauviertelnDie meisten von ihnen sind schon in den 80er und 90er Jahren ausgewandert, haben hart gearbeitet, sparsam gelebt und stecken nun jeden Cent in schöne Autos und in Häuser, die sie in der marokkanischen Heimat bauen. Ganze Neubauviertel sind in Khouribga entstanden. Jedes Haus stellt Reichtum dar, während die Daheimgebliebenen weiter mit der Eselskarre fahren und die Ziegen hüten. So wie auch in Fokra, nur die, die gehen, haben Chancen, das beklagen die Männer aus dem Dorf: „Selbst wir Alten wollen gehen. Es gibt nichts, es gibt niemand, der sich hier verantwortlich fühlt. Wir sind arm, es gibt nichts als Armut, wir sterben im Elend. Hier wäre niemand mehr, wenn wir die Möglichkeit finden würden zu gehen.“

Maati Maâzouf, ein anderer Mann, sagt uns: „Schau, das ist mein Sohn: 20 Kilometer ist die Schule entfernt. Er ist 15, zu Fuß muss er gehen, oder mit dem Fahrrad fahren, wie soll das gehen? Hier kann er nichts werden. Auch er will nur weg von hier.“

Mit ihren teuren Autos kommen die Rückkehrer bis nach Fokra. Vor dem Marktplatz parken sie, wecken die Sehnsucht der Jugendlichen, die Flucht zu wagen, obwohl sie wissen, dass ihre Brüder dabei starben. Der fünfzehnjährige Dris Sabar: „Wenn Du die Leute siehst, die mit dem Auto kommen, frage ich mich, warum ich kein Auto habe. Sie kommen und demütigen uns, weil sie es geschafft haben. Ich hab hier überhaupt keine Hoffnung. Das einzige ist die Flucht, auch wenn Du vielleicht dabei stirbst. Für uns gibt es hier nichts als die Sonne.“

Said Maâzouf, 27 Jahre alt: „Ich bin traurig, wenn ich sehe, dass die Autos haben. Die kosten 4.000 Euro und ich, ich habe ein Esel oder vielleicht ein Moped. Deshalb nehmen hier viele Drogen oder bringen sich um. Die Reichen haben Autos, ich habe nichts, das ist es. Du fragst Dich immer, warum haben die das und ich nicht? Die Jungen hier verlieren sich in den Drogen, alle wollen weg.“

Neid der jungen Generation

Junge Marokkaner beneiden die Auswanderer Auch Charki lebt in Fokra, er ist 20, hat gerade das Abitur gemacht, nun will er in Khouribga studieren. Aber wie er sich das leisten soll, das weiß er nicht: „Wenn ich auf die Universität gehe werde ich Geld brauchen, mein Vater, ich muss Bücher kaufen, der Weg dorthin ist weit, ich muss ein Zimmer mieten, mein Vater.“ „Allah wird Dir helfen mein Sohn, ich habe gar nichts.“

Es sind nicht nur die Ungebildeten, die ihr Glück in Europa suchen, auch viele der akademischen Elite sehen keine Zukunft. Charki will es dennoch erst einmal in der Heimat versuchen: „Im Moment denke ich nicht daran zu gehen. Die Jungen glauben, es ist das Paradies in Europa, aber das stimmt nicht, auch dort gibt es Probleme. In Europa gibt es Menschen, die uns diskriminieren, auch dort fehlen Arbeitsplätze. Ich werde erst versuchen hier zu bleiben, aber wenn alle Türen verschlossen bleiben, muss ich überlegen, ob ich auch gehe.“

In Fokra wissen sie, dass der Weg über das Meer tödlich sein kann, doch die Jugendlichen sagen uns, dass sie nur an die denken, die es geschafft haben. Halima küsst das Grab ihrer Mutter, das ihres Sohnes gibt es nicht: „Wir wollen nur ihre Körper.“ klagen die Frauen: „Wenn wir sie nicht beerdigen können, ist es so, als wären sie noch lebendig.“

Armut und Hoffnungslosigkeit sind in Fokra zu Hause. Halima fürchtet, dass auch ein anderer Sohn noch den Weg über das Meer suchen wird: „Wenn du das Paradies siehst“ - sagen sie hier – „und du davor die Hölle durchqueren musst, dann versuchst du eben durch die Hölle zu kommen, auch wenn es dein Leben kosten kann.“


(Quelle: ARD Madrid)

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