Taliban

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Staat im Staate

Taliban bestrafen Drogenhändler"Die Männer hier kennen wir nicht, sie sind nicht von unserer Religion, sie werden bestraft. Wir setzen Allahs Recht durch", verkündet ein Talibankommandeur im Swat-Tal kurzerhand das Urteil. Danach wird sofort vollstreckt: ein paar kräftige Peitschenhiebe zielsicher auf die Nieren.

So sieht die Scharia aus, wie sie die radikalislamischen Taliban im nordwestpakistanischen Swat-Tal anstreben. Martialische mittelalterliche Justiz zur Abschreckung, erst vor Kurzem gefilmt. Die schmerzhaften Hiebe sind eine vergleichweise milde Bestrafung, bei schweren Vergehen führen die Extremisten auch Enthauptungen durch. Nach fünf Minuten ist die Taliban-Schnelljustiz vorbei, die gutausgerüstete Truppe marschiert zum nächsten Tribunal.


Bevölkerung befürchtet Willkür

im Swat - TalDiese Willkür war es, die Farhat Rayat bewogen hat, mit ihrer Familie aus dem Swat-Tal zu fliehen, hierher nach Islamabad, in die pakistanische Hauptstadt. Die 37-Jährige ist Stadträtin und Frauenrechtlerin, in ihrer Heimat gehört sie zum liberalen Bürgertum. Ja, sie verschleiere sich, sagt sie, das aber sei nicht religiös bedingt, sondern einfach ein kultureller Brauch, wenn Fremde im Haus seien. Im Swat kämpfte Farhat für Bildung von Mädchen und Frauen, gegen die Taliban, die fast täglich Schulen in die Luft sprengten, insgesamt über 200. Als der Einfluss der Taliban im Swat stetig zu- und damit die Macht der Regierung abnahm, floh die Familie.

"Momentan ist ja Frieden im Swat. Wenn die moderate Scharia eingeführt würde, wäre das gut. Denn die Institutionen könnten wieder arbeiten. Aber wir fürchten, dass die Scharia, die den Menschen dient, die wir befürworten, irgendwann ersetzt wird von einer radikalen Scharia, die die Taliban fordern", befürchtet Farhat Rayat. Seit vier Monaten lebt die Familie zur Miete. Ein Zimmer für zwei Erwachsene und fünf Kinder. Um über die Runden zu kommen, mussten die Swatis ihr Auto verkaufen. Im Mehrfamilienhaus wohnten zeitweise sechs große Flüchtlings-Familien aus dem Swat, drei sind inzwischen wieder zurück gegangen.


Die Goldenen Zeiten sind Vergangenheit

Himalaya - BergeGerade einmal drei Jahre ist es her - die goldenen Zeiten im idyllischen Swat-Tal in Nordwestpakistan. Die Himalaya-Berge galten seit den 60ern als Pakistans Touristenattraktion Nummer eins zu jeder Jahrezeit. Die Swatregion, doppelt so groß wie das Saarland, galt bisher als Schweiz Asiens. Aus ganz Pakistan und dem Ausland strömten Urlauber an die Skihänge. Das abrupte Ende für den Tourismus kam 2006, als radikalislamische Taliban ins malerische Tal eindrangen.

Nach drei Jahren Guerillakrieg gegen die Armee, in dieser Woche dann der Triumphzug des radikalen Klerikers Sufi Mohammed. Seine "Bewegung für die Einführung der Scharia" gilt als politischer Arm der Swat-Taliban. Deren Chef wiederum, Maulana Fazullah, ist Sufis Schwiegersohn. Der Kleriker, der sich als politischer Gewinner sieht im Kampf gegen den pakistanischen Staat, unterstützte auch jahrlang aktiv die Taliban im benachbarten Afghanistan.


Skepsis bei politischen Beobachtern

SchariaPolitische Beobachter sehen das Abkommen zwischen Taliban und Regierung mit höchster Skepsis. Sie halten den Handel - Scharia gegen Frieden - für sehr gefährlich: "Die Regierung hat kapituliert und sich in einen Friedensvertrag hinein-terrorisieren lassen", analysiert Zahid Hussain. "In den vergangenen zwei Jahren haben die Extremisten große Teile des Swat-Tals unter ihre Kontrolle gebracht. Sie haben ihre eigenen islamischen Regeln etabliert. Die Vereinbarung zwischen dem Kleriker Sufi Mohammed, der früher großen Einfluss in der Region hatte und der Regierung ist eine Sache, aber ob er seine bewaffneten Glaubensbrüder überreden kann, die Waffen niederzulegen, ist nicht klar. Bisher sieht es nicht so aus.

Nach Mingora zurückgekehrt, der größten Stadt im Swat-Tal, ist die Familie von Said Wahad. Wochenlang war sie in den Bergen auf der Flucht vor den Kämpfen, wie Zehntausende andere Swatis auch. Mit Hilfe der Nachbarn wuchtet Said sein Hab und Gut in die Unterkunft, einen Hinterhofverschlag am Standrand. Morgen will er seinen kleinen Lebensmittelladen wieder eröffnen. Ob und wann der 35-Jährige seine vier Kinder wieder in die Schule schicken kann, weiß er nicht.

Taliban in MingoraIn Mingora ist bisher auch nicht bekannt, wann die Scharia offiziell in Kraft tritt, ab wann Gerichte nach islamischem Recht Urteile fällen und ob Mädchen Schulen besuchen dürfen. Überall in der Stadt prangen Banner mit Sympatiebekundungen für eine moderate Scharia. Von der versprechen sich viele Swatis schnelle und gerechte Justiz, eine solche leistet der Staat hier schon lange nicht mehr.

"Ja, von mir aus sollen sie Scharia hier einführen", sagt Ladenbesitzer Said Wahab. "Jeder Moslem möchte Scharia, aber ich sage Ihnen, wenn die radikalen Taliban wieder die Oberhand gewinnen und der Friedensvertrag nicht hält, dann ziehe ich weg aus dem Swat-Tal, für immer."

Sie seien zurückgekommen nach Mingora, berichtet Said später seinem Verwandten in Islamabad. Am anderen Ende der Telefonleitung ist Cousin Rayatullah, Fahats Ehemann. Der bleibt skeptisch. Einen Neuanfang mit Taliban-Extremisten im Swat-Tal kann er sich überhaupt nicht vorstellen. Jeden Tag verfolgt die Familie gespannt die Nachrichten aus dem Swat-Tal. Plötzlich soll es einen permanenten Waffenstillstand geben? Daran glaubt hier niemand, denn schon oft waren Abkommen geschlossen und kurze Zeit später wieder gebrochen worden.

"Wie sollen wir nach Swat zurückkehren? Die Lebensbedingungen sind schlecht, die Lage unübersichtlich, die Schulen zerstört. Hier in Islamabad können wir unsere Kinder wenigstens zur Schule schicken. Wir gehen nicht zurück", erklärt Farhat Rayat. Viele Swatis - und nicht nur die - glauben, dass sich die Taliban brutal auf die politische Bühne hinaufgedrängt haben und von dort so schnell auch nicht mehr abtreten werden.

"Man kann mit den Extremisten verhandeln, ja, aber nur unter der Bedingung, dass sie ihre Waffen niederlegen, die Autorität des Staates anerkennen und dass sie Recht und Gesetz respektieren", meint Zahid Hussain. "Wenn die Extremisten das nicht anerkennen, was für Friedensverhandlungen sind das?"

Pakistans Regierung bezeichnete das Abkommen über die Einführung der Scharia als Weg zum Frieden im Swat-Tal. Unterschrieben aber hat Präsident Asif Ali Zadari den Vertrag noch nicht.

(Quelle: NDR/werg)

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