Wolfsjagd...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Saint Véran, auf 2100 Metern der höchste Ort Frankreichs und Heimat von Jean-Pierre Imbert. Jean-Pierre ist Schäfer aus Leidenschaft. Und wenn er, morgens ein neugeborenes Lamm in seinem Stall findet, dann freut er sich immer wieder:

„Über eine neue Geburt bin ich einfach glücklich. Und wenn ich sehe, dass die Mutter ihr Junges liebevoll annimmt, dann habe ich meine Arbeit gut gemacht“

Doch Jean-Pierre weiß, dass die Freude über den Nachwuchs kurz sein könnte. Mehr als 160 Schafe und Ziegen hat er in den letzten Jahren verloren. Gerissen von Wölfen.


Er hat die Opfer der Wölfe aus seiner Herde alle fotografiert. Damit man ihm auch glaubt…

„Hier bin ich morgens zur Herde gekommen, und die Tiere standen alle ganz verstört auf dem Hügel . Und dann habe ich die völlig zerfressene Ziege gesehen. Sie hatte ein Junges, von dem fehlte jede Spur.“

Richtig bitter wird Jean-Pierre, wenn er sich an den schwärzesten Tag in seinem Schäferleben erinnert. Da haben sich 50 seiner Schafe in Panik vor den Wölfen die Felsen hinab gestürzt.

„ Ich habe zwar für jedes tote Tier 160 Euro von den Behörden bekommen, aber das entschädigt den Verlust doch nicht. Die verstehen einfach nicht, wie sehr ich an meiner Herde hänge. Das finde ich am schlimmsten.“


Wilde Wölfe – Anfang der 90er Jahre sind sie in die französischen Alpen zurückgekehrt. Ein Glücksfall der Natur, finden Tierschützer. Ein Alptraum, finden die Schäfer. Mit einer Infrarotkamera ist es einem Team des Nationalparks Mercantour in Südfrankreich gelungen, einen Wolfsangriff bei Nacht zu filmen: Der Wolf hetzt die Herde, löst ein Schaf heraus. Das Tier stürzt in Panik einen Abhang herunter, verletzt sich - und ist am Ende eine leichte Beute.

Mitten im Mercantour, die Werkstadt von Michel Indilgiardi. Er ist eigentlich Klempner, doch hier kennt ihn jeder als den, der die Wölfe sucht. Seit die Raubtiere in seine Heimat zurückgekehrt sind, verfolgt er ihre Spuren. Und sammelt die Reste ihrer Beute.

„Ich gehe etwa drei Mal pro Woche auf Wolfssuche, um den Tieren auf der Spur zu bleiben. Wenn ich den Anschluss an die Wölfe verliere, finde ich sie nachher in den Bergen nie wieder.“

Die folgende Nacht wäre auch für eine neue Werwolf-Verfilmung gut gewesen. Ideal, um Michel bei seinem skurrilen Hobby zu begleiten. Er führt uns zu einer Stelle, wo er kurz zuvor eine gerissene Gams gesehen haben will. Die Wölfe vermutet er noch ganz in der Nähe. Und tatsächlich, nach einiger Zeit finden wir die Gams – oder besser das, was von ihr übrig geblieben.

„Der Wolf ist das einzige Tier, dass die Haut aufschlitzen kann wie ein Metzger mit dem Messer. Es ist kein Gramm Fleisch drangeblieben.“

Kurz danach, nicht weit entfernt, finden wir auch Wolfsspuren im tiefen Schnee.
Michel glaubt jetzt fest, ganz nah dran zu sein. Er versucht, mit den Wölfen Kontakt aufzunehmen.

- Imitiertes Wolfsgeheul frei -

Auf diese Art habe das schon oft geklappt, versichert er uns. Aber so sehr wir auch lauschen, kein Wolf will antworten.

Heulende Wölfe sehen wir dann doch. Am nächsten Tag im Alphapark bei Saint-Martin-Vésubie, wo drei Rudel in einem abgetrennten Waldgebiet gehalten werden.
Das Geheul der gefangenen Wölfe wirkt gerade jetzt, zur Paarungszeit, auf die wilden Artgenossen anziehend. Für die Wolfsgegner ist der Park deshalb ein Übel. Sie glauben ohnehin, dass die Wölfe nur durch Menschenhand nach Frankreich zurückgebracht wurden.

Gérard Millischer kennt all diese Geschichten. Er ist der Wolfsexperte im Nationalparks Mercantour– ihn müssen die Schäfer rufen, wenn es einen Angriff auf ihre Herde gegeben hat. Gérard selbst findet die Rückkehr der Wölfe in die französischen Alpen großartig. Ein Zeichen, dass die Natur noch funktioniert. Doch er schafft es kaum, einen Schäfer davon zu überzeugen.

„Ihr Leben ist nicht mehr so wie vorher, als es hier keine Wölfe gab. Da konnten die Schäfer ihre Herde tagelang ohne Aufsicht lassen. Jetzt ist ihre Arbeit viel schwerer geworden.“

Beim Schafzüchter Michel Barengo ist Gérard Dauergast. Keine Herde wurde von den Wölfen schlimmer heimgesucht als die von Michel. Mehrer hundert Tiere hat er schon verloren. Gérard fragt nach, ob die letzten Entschädigungszahlung inzwischen eingetroffen seien. Doch er weiß, dass er Michel mit Geld nicht beruhigt:

„Ausrotten. Man muss die Wölfe jagen, um sie zu auszurotten. Nicht weil es Wölfe sind – aber sie gehören nur in die Wildnis und nicht hierhin, wo sie Menschen ruinieren.“

Gérard hat es aufgegeben, Michel von seinem Wolfshass abzubringen. Er hat schon zu oft versucht ihm zu erklären, dass man einfach lernen muss, mit den Wölfen zu leben. So wie mit anderen Herausforderungen der Natur:

„Vielen hier fällt es schwer zu glauben, dass die Wölfe auf ganz natürliche Art zurückgekommen sind. Aber rein biologisch ist das völlig klar – der Wolf ist ein Tier, dass große Strecken zurücklegt und verloren gegangene Gebiete wiedererobert, wenn er das kann.“

Und diese Wiedereroberung der französischen Alpen durch die Wölfe fordert Opfer. Viele Schäfer wollen sich nicht damit abfinden, dass der Wolf in Frankreichs Bergwelt jetzt einfach wieder dazugehören soll:


„Der Wolf ist eine Bestie, böse und gerissen. Und deshalb ist er gefährlich; genauso für meine Schafe wie für mich selbst.“

Nicht unwahrscheinlich, dass in Zukunft wieder mehr Schäfer, die so denken wie Jean-Pierre, trotz strengen Verbots zum Gewehr greifen. Weil ihnen ihre Herde wichtiger ist als der Artenschutz für ein Raubtier.


(Quelle: wdr/werg)

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