Schöne Frauen und schöner Fußball

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Dass Brasilianer einem Fußballplatz ihren Rücken zudrehen, ist eigentlich ausgeschlossen. Wenn sie es doch tun, dann muss es etwas mit Frauen zu tun haben! Und richtig: 428 Damen sind heute die eigentliche Attraktion im größten Stadion von Manaus. Ende September 2008: Startschuss für den Peladão vom Amazonas, eines der größten und vermutlich das verrückteste Fußballturnier der Welt. Jede der 428 Mannschaften muss nach dem Statut nicht nur kicken, sondern auch eine Schönheitskönigin präsentieren. Bolzen und Balzen – in Brasilien gehört das offenbar zusammen. Der Gründer des Turniers, Arnaldo Santos, fasst diese südamerikanische Weisheit so wortgewaltig in einen Satz, dass selbst Sepp Herberger vor Neid erblassen würde: „Ohne den weiblichen Körper ist der Ball nicht wirklich rund.“ Vier Monate lang wird dann gedribbelt, was das Zeug hält. Auf jedem verfügbaren Fußballplatz im Großraum Manaus, an jedem Wochenende über hundert Spiele gleichzeitig, einige tausend Partien insgesamt.

Technische Oberschule Manaus, Mitte Oktober, dritte Stunde, 12. Klasse: Chemie. Lehrerin Patricia van Rij ist erstens davon überzeugt, dass sie hübsch ist, und zweitens festen Willens, endlich ein eigenes Auto zu fahren. Das gibt’s als ersten Preis beim Peladão, und deshalb macht Patricia dort auch mit. „Ich bin ganz heimlich zum Wettbewerb gegangen, aber dann haben meine Schüler mich auf einem Zeitungsphoto erkannt. Nun hänseln sie mich in jeder Stunde. Aber - das kratzt mich nicht.“ Jede Mannschaft hat ihr Model, so viel haben wir schon begriffen. Doch die Mannschaften selbst sind noch einmal aufgesplittet in die Kategorien „Erwachsene“, „Kinder“, „Alte Herren“, „Frauen“ und - „Indios“.


November: Besuch beim Stamm der Sateré Maués auf ihrer Flussinsel. „Es geht hier um die Schönheit der Indiofrau, und um ihre Teilnahme beim Indio-Peladão“, meint Nilson Saterê, der „künstlerischer Direktor“. Laufsteg im Urwald, die Sateré Maués nehmen den Model-Part des Turniers genau so ernst wie den sportlichen Teil. Vorbereitung für ein Konditionstraining der ungewöhnlichen Art. Und das bei über 40 Grad im Schatten. Die Geld- und Sachpreise, die es beim Turnier zu gewinnen gibt, sind ein großer Anreiz für alle Mann- und Frauschaften. Amazonien ist eine arme Region. Die Sateré Maués zum Beispiel können sich nicht einmal Fußballschuhe leisten. „Letztes Jahr hatten unsere Spieler keine Kondition. Jetzt wird nur noch in der Mittagshitze trainiert“, erklärt der „sportliche Direktor Moisés Sateré. Nach dem Training: Abkühlung im Amazonas-Seitenarm. Bei aller Hoffnung auf den Pokal – das Fußballturnier ist vor allem eine Riesengaudi. Spaß gehört in Brasilien einfach dazu, selbst bei schlechtem Wetter. Die Regeln des Turniers bieten jede Menge Tricks und Kniffe: Eigentlich scheidet eine Mannschaft aus, wenn sie verloren hat. Doch wenn ihre Schönheitskönigin die nächste Ausscheidungs-Runde übersteht, darf auch die Mannschaft weiterkicken. Schönheit ist Trumpf in Amazonien.

Auch Lehrerin Patricia hat ihre Mannschaft bereits einmal vor dem Ende bewahrt, weil sie das Viertelfinale überlebt hat. Die Moderatorin der Livesendung zum heutigen Halbfinale lässt sich aus ungeklärten Gründen „Babie“ nennen, und das schon seit 30 Jahren. Patricia macht auch heute in „Babies Show“ eine gute Figur, obwohl die Konkurrenz mittlerweile – es ist Dezember – ziemlich konzentriert ist. Von den 428 jungen Frauen sind nur noch einige Dutzend übrig. Und von denen werden heute nur noch 21 weiter kommen. Patricia schafft es! Zurück bei den Spielerinnen der Saterê Maués, auch sie haben bislang alle Gegnerinnen rausgekickt. Heute – auf einem Rasen-Wasserplatz in einem Vorort von Manaus – treten sie in Unterzahl, zwei konnten sich den Bus nicht leisten. Trotzdem schießen die Damen ein Tor nach dem anderen; das Abhärtungs- und Konditionstraining scheint gefruchtet zu haben. Nach einem bösen Foul im gegnerischen Strafraum bekommen die Indiofrauen dann noch die Chance auf ein weiteres Tor. Unglücklicherweise liegt der Elfmeter-Punkt in einer swimmingpoolgroßen Pfütze, aber auch hier zeigt sich der brasilianische „Jeitinho“, der kleine Ausweg... Endstand 3:1. Gewonnen. „Das war heute nicht einfach“, sagt die Mittelstürmerin, „aber wir sind echte Kriegerinnen.“

Seit 1973 bereits wird der Peladão ausgetragen, der „große Kick“. Die Idee: alle Männer lieben Fußball, alle Frauen lieben Schönheitswettbewerbe, besonders am Amazonas, einem Epizentrum des Kosmetik-Konsums. Und im Turnier von Manaus bringt man beides einfach zusammen. Tausende von Spielen, Tausende von gelben und roten Karten. Mit Rot fliegt ein Spieler raus, normalerweise. Außer... er kauft sich frei, indem er einen Fußball stiftet. Diese Bälle werden dann an arme Kinder verteilt, und alle sind glücklich... Derweil ist der große Tag des Finales in Sachen 90:60:90 gekommen. 21 Damen, von denen heute 20 unglücklich sein werden. Der Vater von Patricia ist zu recht aufgeregt, denn seine Tochter hat gleich Anstoß: die Chemielehrerin greift in grün-blau an, stürmt mit einem gewinnenden Lächeln in den freien Raum und macht jede Menge Punkte mit ihrem aggressiven Hüftschwung. Die Haltungspunkte, die Performance, das Lächeln, die Kleidung – nichts entgeht den Schiedsrichtern im freien Spiel der Amazonen-Models... Schönheits-Showdown! Das war knapp! Zweiter Platz für die Chemielehrerin. Das ist besser als nichts, denn sie hat gerade 2000 Reaís gewonnen, umgerechnet 660 Euro. Betrüblich nur, dass man damit höchstens ein Mofa kaufen kann, und kein Auto. Ich bin schon sehr traurig, nur einen Schritt vom ersten Platz. Und ich frage mich die ganze Zeit: Warum? Karla, die neue Schönheitskönigin, fragt sich stattdessen, wann sie ihren Führerschein machen wird...


Nach den Models kommen auch die Fußballer nach und nach zu Potte, bis zum Endspiel. Das Team „Compensão“ aus Manaus gewinnt mit stattlichen 7:1. Traditionell wird die Siegerehrung von den drei schönsten Amazonen übernommen. Vizekönigin Patricia hat sich wieder berappelt und will es im nächsten Jahr noch mal versuchen. Ein Triumph auf dem Laufsteg wäre für sie der größte Kick.

(Quelle: daserste.de)

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