Mit Spinat gegen den Flughafenausbau

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Tokio: In der Metropolregion leben weit über 30 Millionen Menschen, gigantisch. Nur der internationale Flughafen der japanischen Hauptstadt kommt da nicht mit: Gerade mal zwei Landebahnen statt der geplanten drei und die auch noch viel zu kurz für die Großraumflieger der neuen Generation. Woran liegt’s? An Bauer Shito und einer Handvoll Landwirten, die seit inzwischen 40 Jahren auf stur stellen. Weil die Bauern ihr Land nicht an die Flughafenbetreiber verkaufen wollen, müssen Jet-Kapitäne bremsen, was das Zeug hält, Kurven fahren und statt monströser Terminals das Selleriebeet von Gemüsefreund Shito in Augenschein nehmen.


Jeden Morgen um halb sieben beginnt er, der Ansturm auf das Grundstück von Bauer Shito. Dann startet der Flugbetrieb am internationalen Airport von Tokio-Narita. Um das Widerstandsnest des Bauern herum muss jedes Flugzeug eine Kurve fahren, seit 40 Jahren. Denn Shito will seinen Flecken Land nicht verkaufen. „Nieder mit dem Flughafen Narita“, steht da – auch für die Passagiere im Flugzeug gut zu lesen. Hinter der hohen Metallmauer jätet Bauer Shito das Unkraut rund um den Sellerie, organisch angebaut. Nur seine Nase ist noch etwas empfindlich. „Ja, es stinkt nach Kerosin“, ärgert sich Takao Shito. „Besonders nervig ist auch der Gestank der Reifen, denn die müssen stark bremsen, weil die Landebahn so kurz ist.“ Statt der geplanten 4000 Meter ist diese Landebahn nur gut 2000 Meter lang. Außer Shito gibt es hier noch fünf andere Bauern, die nicht weichen wollen.

Hochsicherheitsgefühl statt Landidyll – Bauer Shito macht das nichts. Zweimal in der Woche karrt er sein Gemüse zu einer Kooperative. Deren Leiter: ein alter Kämpfer gegen den Flughafen. „Wir bekommen ermutigende Briefe: die Leute kaufen unser Gemüse, um unsere Aktionen zu unterstützen“, erklärt Susumu Hagiwara. „Manche erfahren überhaupt erst über unsere organischen Produkte vom Widerstand. Und spenden dann das Wechselgeld.“ Bauer Hagiwara hat sich schon an Bäume gekettet, vor Bulldozer gesetzt. Vier mal wurde er verhaftet. Lange her. Früher war der Widerstand riesig und radikal. Zehntausende kamen in den 70er Jahren zu Demonstrationen, viele militant. Sieben Menschen starben. Einmal stürmten Demonstranten sogar den Tower. Die letzten Protestbauern leben nicht gerade angenehm. Man könnte auch meinen: hoffnungslos. Die Gegenseite ist in der Übermacht, observiert und überwacht die Bauern auf Schritt und Tritt. Aber: auf eine gewaltsame Räumung verzichten die Flughafen-Betreiber bisher. „Man könnte sagen, das ist ja ganz schön peinlich: mitten auf dem Flughafen dieses Privatgelände“, sagt Kosaburo Morinaka, der Präsident des Flughafens. „Aber ich respektiere die Leute für ihre Prinzipien. Wir dürfen ihren Stolz nicht verletzen, wir müssen einfach Geduld beim Verhandeln haben.“

Bei Bauer Shito ist inzwischen eine Aktivistin der Widerstandsgruppe angekommen. Jeden Tag fahren sie demonstrieren, seit 40 Jahren. Aus dem Lautsprecher: immer die gleichen Parolen. Viel Land haben die Bauern schon verloren, die Zufahrt zu den letzten Dorfresten - gespenstisch. Erstes Ziel: der alte Schrein. Hinter der Mauer: überall Flughafen. Ungestört beten geht anders. Im menschenleeren Niemandsland kann der Protest wenig bewirken, daher geht es jetzt zum Flughafenterminal. Doch ein paar hundert Meter vorher hört der Spaß auf. Helle Aufregung bei der Polizei, selbst vermummte Zivilpolizisten tauchen auf, schreiben alles mit. Der Protestwagen muss umdrehen.


Zurück ins Niemandsland. Mitten auf dem Flughafen halten sich weitere Widerstandsnester, nur durch Tunnel zu erreichen. Gebaut von den Flughafenbetreibern – schließlich müssen die Eigentümer ja irgendwie auf ihre Scholle kommen. Etwa zu diesem rostigen Turm. Bauer Yamazaki zeigt uns das winzige Grundstück, für Landwirtschaft zu klein. Den inzwischen leicht baufälligen Turm haben die Protestbauern schon vor vielen Jahren errichtet. Aber nicht um Steine zu schmeißen, schwört Yamazaki. „Solange der Turm hier steht, können sie die Bahnen rundherum nur als Zubringer nutzen.“ Wegen der Rostlaube rollen die Flugzeuge hier nur, statt abzuheben. Eigentlich war an diesem Ort nämlich die dritte Startbahn geplant – vor 40 Jahren schon. Fertig ist bisher nur ein Überwachungsturm.

Ein paar hundert Meter weiter: noch eine Parzelle der Bauern, ebenfalls nur per Tunnel zu erreichen. Auch hier kein Sellerie, kein Spinat mehr, stattdessen eine kleine Herberge: Die „Holzwurzelpension“. Der bodenständige Name will nicht ganz zum Ausblick passen. Aber die Gäste wissen schon, was sie erwartet. „Man kann hier aus jedem Fenster Flugzeuge sehen, in alle vier Richtungen“, sagt Hiroshi Yamazaki. „Diese Pension taucht zwar in keinem Hotelverzeichnis auf, aber hier kann man Flughafengegner treffen und mit ihnen reden.“ Ab und zu demonstrieren die Flughafengegner, heute gut 50. Die Gegenseite ist weit stärker. Überall Zivilpolizisten. Die meisten der Demonstranten sind von Anfang an dabei, also seit 40 Jahren. Im Stellungskrieg gegen den Flughafen haben sie nur wenig Raum verloren. Obwohl sie nun in der Defensive sind. „Die Arbeiterbewegung ist schwächer geworden“ räumt Hiroshi Yamazaki ein, „die Studentenbewegung ist fast verschwunden. Nur wir Bauern sind noch da.“ Ziel der Kundgebung ist ein ehemaliger Feldweg, eine Sackgasse. Früher führte er zu einem Reisfeld. Das Feld haben die Bauern verloren, den Weg nicht.

(Quelle: ard tokio)

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