Funknetz der Campesinos

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Das Sturmwarnsystem der Frauen

Unterwegs in den Kordilleren Nicaraguas: Eine Einsatztruppe besucht abgelegene Bergdörfer, angeführt von der Bürgermeisterin Maria Hilmay. Bald werden die Flüsse unpassierbar sein, es ist Hurrikan-Saison: „Wir besuchen Bauern, bei denen wir Funkgeräte installiert haben. Das sind sehr kritische Gebiete.“ erzählt Maria.

Zu Fuß geht es durch einen Bach – wenn Wirbelstürme hier ihre Wassermassen abladen, werden sie zu reißenden Strömen. Auf der anderen Seite lebt Dona Francisca mit ihrer Familie. Stolz präsentiert uns Maria die 60jährige Bauersfrau, denn sie gehört zu den rund 300 Amateurfunkern in der Region – die Antenne auf dem Dach zeigt es. In den letzten Jahren ist so im Berggebiet ein Funknetz der Campesinos entstanden – Dona Francisca gibt täglich die aktuellen Werte durch, den letzten Wasserstand.

„Wenn wir hier Überflutungen haben, rufe ich sofort Maria Hilmay im Rathaus an“, erzählt Dona Francisca, „und die kann dann die anderen Dörfer informieren.“

Maria Hilmay, die Bürgermeisterin San Juan de Limay erklärt:
„Wir bekommen so gut wie keine Hilfe von der Regierung in Managua. Dieses Funknetz ist für uns deshalb ideal: es ist billig und kann Leben retten.“

Menschliches Sturmwarnsystem

Die Geräte werden meist von Frauen betreut – sie gelten als verlässlicher. Jeden Tag geht Dona Francisca zum Niederschlagsmesser – die Werte gibt sie später per Funk durch. Nach dem Hurrikan Felix hat es hier 2007 in ein paar Wochen soviel geregnet wie in Deutschland in einem Jahr. Und so finden in diesen Tagen überall auf den Dörfern Funkkurse statt – dieses Vorsorgeprojekt wird auch von der Deutschen Welthungerhilfe gefördert. Die Kleinbauern lernen im Schnellverfahren, wie man eine Fotozelle zusammenbaut und die Antenne richtig montiert. Nur 1000 Euro kostet so eine Funkeinheit. Das Sturmwarnsystem aus Nicaragua wird langsam zum Exportschlager – gerade in der Karibik, etwa in Haiti, ist man interessiert.

Es geht weiter: Bürgermeisterin Maria Hilmay will uns zeigen, welche verheerenden Auswirkungen Wirbelstürme in einem armen Land wie Nicaragua haben. Wir besuchen die Familie von Ervin Castellon. Vor genau zehn Jahren haben sie durch den Hurrikan Mitch alles verloren, aber zehn Jahre danach leben sie immer noch in einer Hütte aus Plastik. Die Kinder sind chronisch krank, aber auf Hilfe von der Zentralregierung in Managua wird diese Familie vergebens warten.

Mängel in der staatlichen Infrastruktur

„Ich finde es sehr ungerecht,“ meint Maria Hilmay, „dass Menschen zehn Jahre nach Mitch immer noch so leben müssen.“ Es ist diese Mischung aus Korruption und Armut, die Wirbelstürme zu einer Dauerkatastrophe werden lässt. Und so sah es hier vor zehn Jahren aus: Riesige Überflutungen, verursacht durch den Hurrikan Mitch, forderten allein in Nicaragua über 3.000 Todesopfer. Das Land war damals von dem Sturm völlig überrascht worden.

Heute beobachtet man in der Wetterstation von Managua die Hurrikans auf einem Monitor – viel mehr gibt es hier nicht. Vor einem Jahr noch war man direkt an ein Vorwarnsystem aus Washington angeschlossen – doch ein Blitzeinschlag zerstörte die Anlage, seitdem bleibt der Bildschirm dunkel. Nicaragua, eines der ärmsten Länder Lateinamerikas, kann sich moderne Technologie nicht leisten. Die Messinstrumente sind museumsreif.

Salvadora Martinez vom Meteorologischen Zentrum Managua: „Wir haben keine direkte Verbindung etwa zu den USA. Wir müssen Daten aus dem Internet herunterladen und uns ansonsten auf unsere Erfahrung verlassen.“ Und so operiert diese Behörde in einem Hinterhof – hier laufen die Funksprüche aus dem Landesinneren auf, die über die Wettersituation informieren. Am anderen Ende stehen Sturmwarnerinnen wie Dona Paula – starke Frauen, im Kampf gegen Wirbelstürme.

Selbsthilfe ist Notwendigkeit

Draußen spricht Bürgermeisterin Maria Hilmay zu einer Hilfsbrigade – zusammen mit den Funkradios sind sie ein wichtiger Bestandteil des neuen Warnsystems. Über zwanzig Einheiten gibt es mittlerweile. In Windeseile können sie Seile über Flüsse spannen und so in Not geratene Menschen evakuieren – im letzten Jahr haben sie so nach schweren Regenfällen über 1.700 Menschen in Sicherheit bringen können.

Maria Hilmay liest unterdessen die letzten Berichte über Hurrikan Gustav und die Lage in New Orleans – für sie ist das ein Ansporn: „Es ist doch interessant zu sehen, wie der Bürgermeister von New Orleans dieses Mal mit der Situation umgegangen ist. Sie haben aus ihren Fehlern gelernt. Und genau das wollen wir hier auch.“

Kurz nach der Übung schlägt das Wetter um – das ist die Stunde für die Sturmwarnerinnen. Dona Paula geht mit ihrer Tochter an den nahe gelegenen Fluss und misst den Wasserstand mit einem abgebrochenen Ast. Nicaraguas Frauen kämpfen mit sehr einfachen Mitteln gegen die mörderischen Wirbelstürme – aber sie tun es mit sehr viel Mut und Einsatz.


(Quelle: ard/werg)

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