Beruf Killer

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Die Guanabara-Bucht von Rio de Janeiro, im Morgengrauen. Lichtjahre von Copacabana und Zuckerhut entfernt. Die stinkenden Abwässer der Millionenstadt: Fischgründe für die Ärmsten der Armen. Hinter der Autobahnbrücke beginnt die Maré, eines der größten Armenviertel der Stadt, 230.000 Menschen am Existenzminimum, oder darunter. Wer hier lebt, ist ganz weit unten. "Das Problem ist: Niemand tut was für uns, niemand. Der Staat lässt uns allein", klagt ein Anwohner.

Die Drogenmafia hat in den meisten Favelas längst die Kontrolle übernommen, Aber – es gibt auch einflussreiche Geschäftsleute, die selbst für Ruhe und Ordnung sorgen. Angestellt wird ein Mann fürs Gröbste. Sein Job: Räubern und Drogendealern den Garaus zu machen; mit allen Mitteln, angeblich bis hin zum Mord. Unsere Suche nach einem Auftragsmörder scheint aussichtslos zu sein, die Leute wollen nicht einmal mit uns reden. "Ach nein, das ist ein, wie sagt man, ein Ammenmärchen. Nein, nein...", meint ein Anwohner.

Es vergehen Wochen auf falschen Fährten mit ungezählten, nichtssagenden Gesprächen, die auf eines hinauslaufen: nichts gehört, nichts gesehen, nichts gesagt. Bis wir schließlich den entscheidenden Hinweis bekommen. "Ein Auftragsmörder? Die Wahrheit ist: ja, es gibt ihn. – Aber wissen Sie – ich und die meisten Leute hier meinen: das ist notwendiges Übel“ erzählt ein Anwohner. "Weil der Staat nicht für unsere Sicherheit sorgt, muss es in unserem Viertel so einen geben wie ihn. Ich kenne einen persönlich. Er wohnt da hinten, in dieser Richtung, hinter dem Hügel".

Wir überprüfen die Glaubwürdigkeit des Mannes. Erfolgreich. Sein Sternzeichen - passend zum Beruf des 33-jährigen: Schütze! Er lebt in einer fast normalen Doppelhaushälfte, die Kinder von verschiedenen Müttern wohnen in der Nachbarschaft. "Ich beobachte das Verhalten der Leute im Supermarkt. Viele Leute tun so, als ob sie Kunden sind, aber sie sind es nicht. Bewaffnete Räuber lasse ich verschwinden", erzählt João. Das ganze System der privaten Sicherheit ist so pervertiert, dass ein Mörder wie João, wie wir ihn nennen wollen, in seinem Viertel als eine Art Robin Hood gesehen wird, als Kämpfer gegen das Böse. „Das ist eine automatische Pistole. Sie kann sehr schnell viele Schüsse abfeuern. Sie ist ideal, um sich den Weg frei zu schießen, und um sich selbst zu schützen“. Waffenarsenal – Teil 2: ein Jagdgewehr. Nur ein Schuss, geeignet für große Distanzen. Doch João arbeitet lieber mit der 9 mm-Pistole.

null"Wenn die Räuber bewaffnet sind, dann sind sie tot. Wenn sie unbewaffnet sind, bekommen sie Schläge, jede Menge Schläge. Als ob sie gefoltert würden". Fast unwirklich, wie ungeniert der Auftragskiller aus dem Nähkästchen plaudert. Aber uns scheint es, als ob wir die ersten sind, mit denen er offen über seine mörderische Arbeit reden kann. Nach und nach sprudelt es förmlich aus ihm heraus. "Ich habe bislang 22 Menschen umgebracht. Es waren immer Räuber, die es nicht verdient haben, weiter zu leben".

Wie fragwürdig Joãos Rechtsverständnis und das seiner Auftraggeber ist, wird am nächsten Drehort klar. Hier – auf der Universitätsinsel - hat er zwei Menschen hingerichtet. Als Privat-Richter über Leben und Tod. Der Rechtsstaat: eine Fiktion. Es herrscht das Recht des Stärkeren. "Da waren junge Männer, 23, 25 Jahre alt. Sie haben versucht, einen Supermarkt zu überfallen. Sie sind uns direkt in die Arme gelaufen. Wir haben sie in den Kofferraum gesperrt und hierher gebracht. Hier an dieser Stelle haben wir sie exekutiert."

nullFür seinen ersten Auftrag vor 10 Jahren haben die Geschäftsleute ihm 12.000 Reaís bezahlt, umgerechnet 4000 Euro. Heute verdient er als Profi mehr als das Doppelte. Sein Geld hat João investiert: in drei Bars und eine Schlosserei. Seinen Kindern will er eine sichere Zukunft bieten, ohne Drogen und Gewalt. "Es ist nicht besonders toll, jemanden umzubringen. Aber was ich von anderen gelernt habe, die noch mehr Erfahrung haben beim Morden ist folgender Satz: Derjenige, der andere umbringt, ist nicht derjenige, der dafür verantwortlich ist. Gott bestimmt das Schicksal. Wir machen nur das Loch".

So sieht João die Dinge, um mit seinem Gewissen klarzukommen. Sein Traumberuf war Polizist, das hat wegen seiner schlechten Schulausbildung nicht geklappt. Doch João hat seine ganz private Alternative gefunden: Räuber und Gendarm, ein tödliches Spiel unter dem Zuckerhut.



(Quelle: WS/werg)

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