Fischerinnen gegen Walschutz

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Jetzt im Frühjahr ziehen die großen Grauwale von Alaska nach Süden vor die mexikanische Küste von Baja California, um sich zu paaren. Wal-Beobachtung wird dann zur liebsten Touristenbeschäftigung. Doch eine Art der Waltiere ist vom Aussterben bedroht: die Vaquitas, besonders kleine Wale. Es gibt weltweit gerade mal noch 150 von ihnen, nur auf wenigen Fotos kann man sie überhaupt sehen. Schuld daran sind die Fischernetze der Cucapá-Indios, in denen sich die Kleinwale verfangen. Die mexikanische Regierung will diese Art der Fischerei abschaffen, aber besonders die Indio-Frauen wollen nicht vom traditionellen Fischfang ablassen.


nullWalzeit in Mexiko, die Schwergewichte paaren sich vor der Küste im Norden. Wir sind im Naturschutzgebiet, und Jose Campoy ist sein stolzer Direktor. Anfang des vorigen Jahrhunderts galten Grauwale als bedrohte Spezies, nun haben sich die 30 Tonner prächtig erholt und sind zum Greifen nah. Die Sorge Campoys und seiner Mitarbeiter gilt diesem Kleinwal, dem Vaquita – er kommt nur im Golf von Kalifornien vor und könnte die nächste Walart sein, die ganz vom Erdboden verschwindet. Nur noch 500 Exemplare soll es geben. „Das ist wie beim Panda und dem bengalischen Tiger, sagt Campoy, wir müssen die Öffentlichkeit über den Vaquita aufklären, und vor allen Dingen die Fischer dafür sensibilisieren.“ In malerischen Dörfern wie San Felipe leben die Menschen meist vom Fischfang – der Golf gilt als überaus artenreiches Meer. Mit Treibnetzen werden Shrimps, Rochen oder Tuna massenhaft gefangen, auf dem lokalen Markt ist die reiche Tagesausbeute der Fischer zu besichtigen. Ein Plakat von dem seltenen Vaquita-Tümmler hängt in der Halle nebenan, José Campoy versucht die Fischer zu überzeugen - etwa von alternativen Fangmethoden ohne Netz, oder der Möglichkeit, die Fischerei ganz aufzugeben. Um die 50 000 Euro bietet Mexiko den Fischern an, wenn sie ihre Lizenz zurückgeben – alles, um den Vaquita – Kleinwal zu retten. Doch die Menschen haben ihre Zweifel. „Das ist für die Fischer eine existentielle Frage“, weiß Campoy, „was mache ich, fische ich weiter, oder versuche ich etwas anderes, das braucht natürlich Zeit.“


nullEtwas nördlich von San Felipe lebt das Volk der Cucapá, einer ihrer Anführer ist die resolute Fischerin Hilda Hurtado. Sie ist auf dem Weg zum Golfdelta, den traditionellen Fanggründen der Indios. Frauen als Fischer- das ist bei den Cucapá nichts ungewöhnliches, und so legt auch Hilda Hurtado Hand an, wenn die Boote auf etwas unkonventionelle Weise zu Wasser gelassen werden. Eigentlich begehen sie gerade eine Straftat, denn das Fischen im Golf-Delta ist seit einigen Jahren absolut verboten. Doch die Cucapá halten sich nicht daran, allen voran Hilda - das Fischen sei ihr traditionelles Recht, sagt sie. Und es ist schwierig genug, oft gehen sie völlig leer aus. „Wir glauben den Behörden nicht, meint Hilda, wir haben noch nie ein Vaquita gesehen, und dabei fischen wir doch schon seit Generationen im Golf.“ An Land Aufregung bei den Cucapá – vor einigen Tagen haben nämlich Patrouillenboote der Behörden Warnschüsse auf sie abgegeben. Hilda findet das unerhört, ihr Volk werde massiv eingeschüchtert. Sie haben einen Anwalt engagiert, der ihr Anliegen beim interamerikanischen Gerichtshof in Washington vertritt. Man diskriminiere sie – wegen eines Tieres, das es vielleicht gar nicht gibt. „Wie weit wollen die Behörden denn noch gehen“, erregt sich Hilda, „wollen sie vielleicht auch noch einen Cucapá töten. Das ist doch unmöglich.“


nullAn Mexikos Nationalinstitut für Ökologie gibt es eine Abteilung, die sich nur mit dem Kleinwal beschäftigt. Die Mitarbeiter haben Fotos zusammengetragen, die die Existenz des Vaquita beweisen – maximal anderthalb Meter wird der Meeressäuger groß, dessen Existenz durch Treibnetze bedroht wird. Nach den chinesischen Flussdelphinen könnte er der nächste Tümmler sein, der völlig ausstirbt. „Der Vaquita gerät jetzt auch noch in die globale Finanzkrise, meint der Biologe Armando Jaramillo, um so beachtlicher ist es, dass Mexiko das Rettungsprogramm fortführt, trotz aller Probleme.“ José Campoy vom Naturschutzgebiet setzt auf die Kraft der Überzeugung. Immer wieder redet er mit den Fischern über die Gefahren, die von ihren Netzen für den bedrohten Vaquita ausgehen. Und sein Programm zeigt beachtliche Erfolge – einige hundert Fischer im Dorf haben ihre Lizenz ganz abgegeben, so auch der 64-jährige Ventura Ruiz Garcia. Der knorrige Mann hat mit den Kompensationsgeldern ein Handy-Geschäft gekauft und ist mit dem Stand der Dinge ganz zufrieden. „Was jetzt noch fehlt, sind die Computer für das Internet-Cafe“, meint er. „Es geht Schritt für Schritt voran.“

nullDoch die Cucapá wollen keine Entschädigungen – sie möchten wie ihre Vorfahren weiter fischen. Anscheinend seien Mexikos Regierung seltene Tiere wichtiger als die Rechte eines ganzes Volkes, meint Hilda und zeigt uns Fotos einer Polizeiaktion. Hoch bewaffnete Beamte wären bei ihr zuhause erschienen und hätten den Fischfang eines Tages beschlagnahmt. „Wie Kriminelle haben sie uns behandelt, sagt sie, während der ganzen Aktion haben sie ihre Waffen auf uns gerichtet, das geht doch nicht.“ Ist der Tierschutz also wichtiger als die Interessen der Menschen – darum geht es in diesem klassischen Konflikt. Der Naturschützer José Campoy hofft immer noch, beide Seiten versöhnen zu können. Aber dann findet er bei seinen Bootsfahrten immer wieder feinmaschige Netze, die im Wasser tagelang treiben – eine tödliche Gefahr für den Kleinwal. „Wenn sich ein Vaquita darin verfängt, ist es zu spät“, erklärt José, „dann stirbt er.“ Bis zu 80 Tiere verenden so jährlich, es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Walkampf im Golf von Kalifornien geht weiter.

(Quelle: swr/werg)

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