Die faule Ameise

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Unterwegs mit dem Puppentheater

James ist das Maskottchen. Zusammen mit Regisseur Antanas Markuckis hat er den bequemsten Schlafplatz, im Theaterwagen. Die anderen Puppenspieler müssen sich mit Zelten begnügen. Die ganze Nacht hat es geregnet. Doch Antanas gefallen diese Unbequemlichkeiten. Die Truppe folgt ihm. Eine ungewöhnliche Tournee, die ohne diese beiden gar nicht möglich wäre: Lambada und Varsa. „Die Pferde lieben es, wenn es nicht so heiß ist,“ erzählt Antanas uns beim Waschen. „Und wenn das Wetter gut ist für die Pferde, dann ist es auch gut für uns. Schließlich sind wir von ihnen abhängig.“ Und so fahren sie von Auftritt zu Auftritt. Einmal im Jahr zwei Wochen lang. Seit 1985. Der preisgekrönte Regisseur und sein Puppentheater. „Wir bringen das Theater zu den Kindern. Die haben doch gar keine Möglichkeit, selbst zum Theater zu kommen.“

Die Schauspieler aus Panevecys wollen in Litauens vergessene Ecken vordringen. Die Schule, vor der sie den Wagen aufbauen, ist seit 10 Jahren geschlossen. 300 Menschen leben in diesem Dorf. Ohne fließend Wasser. Ein fahrendes Theater haben sie in Vadaktai noch nie gesehen. „Heute, 14 Uhr. Wir zeigen das Stück ‚Ameise Einzelgängerin’. Eintritt nur zwei Litas.“ Daiva will Unentschlossene mit dem Megaphon überzeugen. Der Regisseur fragt sich derweil, ob trotz des schlechten Wetters Zuschauer kommen. Der Preis für die Eintrittskarte ist symbolisch, umgerechnet 60 Cent. Doch selbst das ist für viele zu teuer. Mit Marionetten verzaubern die Puppenspieler die Kinder selbst bei Regen. Eine junge Ameise hat keine Lust mehr zu arbeiten und will lieber das Leben genießen. Doch das geht nicht gut. Eine moralische Geschichte für Kinder. „Es gibt ein paar Veranstaltungen für Erwachsene, aber so was für Kinder, das seh ich hier zum ersten Mal“, meint eine Zuschauerin. „Sonst gibt es doch nichts. Und um wegzufahren, fehlt uns das Geld.“

Antanas Markuckis kennt das. Die Dörfer, durch die er mit dem Pferdewagen zieht, erinnern ihn an seine Kindheit. „Ich hatte keinen Vater. Ich hatte kein Spielzeug. Jetzt will ich versuchen, das, was mir selbst in meiner Kindheit gefehlt hat, anderen zu schenken.“ Ein Idealist, der seine Truppe mitzieht. Ein paar Kilometer weiter. Graue Wohnblocks und eine Bushaltestelle. Für eine Stunde wird sie zur Theaterbühne umfunktioniert. Die Schauspieler kommen sich manchmal vor wie in einem anderen Jahrhundert. „Früher gab es hier eine Kolchose mit Viehställen und Traktoren. Als sie aufgelöst wurde, verkamen die Gebäude“, meint eine Zuschauerin. „Manche Kinder interessieren sich nicht für so etwas. Sie verbringen ihre Zeit lieber mit Bier und Rauchen“, so ein Jugendlicher.

Ob der Regisseur deshalb dieses Stück ausgewählt hat? Die Botschaft ist klar. Wer nicht arbeitet, bringt es zu nichts im Leben. Die Ameise kehrt reumütig in die Gemeinschaft zurück. Die Schauspielerinnen aber glauben, dass die Kinder sich vor allem von den Puppen faszinieren lassen. “Der Kontakt mit den Kindern ist das Wichtigste“ sagt Birute Beresneviciene. „Mich rührt es besonders, wenn ein Kind sagt, so was hab ich noch nie gesehen.“ Ihre Kollegin Rima Lapinskiene ergänzt: „In der Stadt haben die Kinder doch ganz andere Möglichkeiten sich zu vergnügen. Die Kinder im Dorf dagegen sind offener. Ihnen gibt unser Spiel Kraft.“ Ein Theater, das gerne ein bisschen missionieren will. Antanas hat alle politischen Wirren überstanden. Mit seinen Puppen und James, seinem Hund. Ob zur Sowjetzeit oder während der Wende, spielen konnte er immer. Doch jetzt, im unabhängigen Litauen, kommen ihm seine Schauspieler abhanden. Zu gering ihr Lohn. „Es ist einfach schade, wenn erfahrene Puppenspieler das Theater verlassen, um im Ausland Orangen zu pflücken oder Kartoffeln auszugraben und davon besser leben können als vom Theater. Ich glaube aber, dass sich die Lage wieder verbessern wird. Es kann doch nicht die ganze Zeit nur schlimm sein.“

Es ist Abend geworden. Der Theaterwagen wird jetzt zur Küche. Beim Kochen müssen alle mit anpacken. Dem Regisseur ist es wichtig, dass sich seine Truppe als Kollektiv begreift. Ein Nachhall einer anderen Zeit. Er selbst kocht Suppe. Leidenschaftlich. Vor allem Borschtsch. Die Schauspieler sind für ihn wie eine Familie. Seine Erwartungen kennen keinen Feierabend. Grenzen kennt er kaum. „Am liebsten wär es mir, wenn sie so leben würden wie ich. Mein Zuhause ist das Theater. Ich lebe allein und bin rund um die Uhr dort. Das Theater ist nicht nur ein Teil meines Lebens, sondern mein ganzes Leben.“ Noch eine Vorstellung, dann geht es zurück in den komfortablen Alltag der Stadt. Bis zum nächsten Jahr. Ans Aufhören denkt Antanas Markuckis nämlich nicht.


(Quelle:  ARD Stockholm/werg )

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