Röros

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Der Weg ist das


Röros im WinterFeilen, hämmern, vorkosten, verladen: Wir brechen auf zu einer Reise in die Vergangenheit. Von der See in die Berge, 250 Kilometer. Zuerst mit dem LKW, denn Pferde schaffen nur 20 Kilometer am Tag. Eine Reise durch atemberaubende Landschaften, vier Tage lang, mit ungeahnten Strapazen. Und einem glorreichen Empfang am Ziel in Röros. Die Helden der Neuzeit, ganz wie vor 150 Jahren.

Am Wochenende geht es los. Knut kontrolliert noch einmal die Ladung. Der Hufschmied gefällt sich in seiner Rolle als Handelsreisender. Moderne Norweger in Hundert Jahre alten Pelzen, um die zehn Kilo schwer - arktischer Hund, sibirische Ziege, Wolf. Hauptsache alt. Nur auf das Handy wollen sie - etwas verschämt - nicht ganz verzichten. Knut sagt, er muss halt für seinen Betrieb erreichbar sein.


Reise in die Vergangenheit

15 Pferde und Schlitten, 35 Reisende. In einem Katalog ist diese Tour nicht buchbar. Idealisten, die, wie sie uns immer wieder erzählen, die guten alten Zeiten heraufbeschwören wollen. Egal wie entbehrungsreich und hart sie waren. Sie versichern, dass sie ihren modernen Anorak nicht vermissen.

Am ersten Tag ist es nicht sonderlich kalt, gerade mal um die Null Grad. Ideales Pferdeschlittenwetter. Die Natur ist einfach gut fürs Gemüt, eine simple Antwort auf unser Bohren nach dem Warum. "Viele können hier ihre Ruhe finden. Sie sitzen auf dem Schlitten, lauschen dem Glockengeläut und haben einfach Spaß."

Ob Hufschmied, Ingenieur oder Sozialarbeiter - sie alle wollen ihre Grenzen austesten - und die ihrer Pferde - statt sich wie andere in den Ferien auszuruhen.
Manche sagen, Norweger lassen gern ihre Vergangenheit als armes Bauernland wieder aufleben. Jetzt, wo sie doch reich geworden sind mit ihrem Öl.

"Im Alltag fahren wir ständig mit dem Auto. Deshalb sind wir froh, dass wir jetzt die Pferde nutzen können", erklärt uns Terje. "Irgendwie ist das Auto doch nur ein notwendiges Übel, um von A nach B zu kommen. Hier haben wir die Tiere und das ist toll."


Mischung aus Nostalgie und Pfadfindertum

An diesem Tag haben sich die Pferde länger durch den Schnee gekämpft als geplant. Als wir den Fluss erreichen, ist es dunkel. Das erste Mal seit Jahren ist es wieder so kalt, dass die Abenteurer auf dem zugefrorenen Gewässer fahren können.

Alle sind wie erschlagen, als der Treck am Übernachtungsort ankommt, doch dort wartet der Kulturverein. Für die Dorfbewohner sind die historischen Röros-Reisenden eine willkommene Abwechslung. Und die müssen nun ihrem historischen Anspruch gerecht werden und ausharren.

Die Nacht verbringen wir alle im Schlafsack auf dem Boden. Duschen gibt es nicht. Der 81-jährige Oddvar ist immer als erster auf den Beinen. Noch vor sechs. Er bringt den Jungen bei, wie man eine ordentliche Hafergrütze kocht und genießt dabei ihre Aufmerksamkeit.

Die sind wie meine Familie, schwärmt er. "Sie umarmen mich, wenn wir uns treffen. Es ist schön für mich, dass ich dabei sein darf. Das bedeutet mir sehr viel." Und dann weckt Oddvar die ganze Bande. Sein Läuten ist legendär. Ausschlafen gab es schließlich im 19. Jahrhundert auch nicht.


Feiern beim ältesten Wintermarkt Norwegens

Wintermarkt in NorwegenDie Pferde mussten die Nacht im Freien verbringen. Damit ihnen bei minus 15 Grad nicht kalt wird, hatte alle zwei Stunden jemand Fütterdienst.

Die nächste Etappe bringt Tier und Mensch an ihre Grenzen. Der ganze Trupp weiß, es gibt kein Zurück. "Wir Norweger", erzählt uns Ola, "haben das wohl ein bisschen in uns. Wir müssen uns anstrengen, und dann können wir uns auch richtig freuen. Im Alltag hab ich dauernd Stress, die Arbeit, ich muss die Kinder hin- und herfahren. Hier aber fahr ich alles einfach runter. Fast wie eine Meditation."

Dann geht es auf die letzten Kilometer zu einem der kältesten Flecken Norwegens. Übers Fjäll in die alte Bergarbeiterstadt. Unterwegs treffen wir andere Schlitten. All diese in Pelz gehüllten Gestalten geben Röros einmal im Jahr den Hauch einstiger Größe zurück.

Auf alten Handelswegen reisen sie aus allen Himmelsrichtungen zum ältesten Wintermarkt Norwegens. 83 Schlitten ziehen in die Arena wie in einem Triumphzug.

Ein paar Minuten, dann ist alles vorbei. Knut atmet auf. Der Handelsreisende in spe hat seine Schützlinge sicher ins Ziel gebracht. "Heute Abend wird richtig gefeiert. Bis morgen früh." Vorher muss er noch seinen Hering losschlagen. Auf dem Markt. Wie in alten Zeiten.

Die anderen feiern schon jetzt. Oddvar und seine fröhliche Familie.



(Quelle: ws/werg)

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