Geschäft mit der Angst

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Die Entführungsindustrie

Plakat Jeden Morgen machen sie sich auf den Weg – eine verzweifelte Mutter und ihre Familienangehörigen. Sie suchen nach dem 29-jährigen Juan Luis Garcia, der seit zwei Monaten verschwunden ist. Sie kleben Fotos von ihm an Masten und fragen in der Nachbarschaft nach – der junge Mann, der in einem Restaurant als Buchhalter arbeitete, ist wohl entführt worden. Doch sie warten seit Wochen auf ein neues Lebenszeichen, bei der Suche sind sie ganz auf sich allein gestellt. „Wir sind den ganzen Tag unterwegs“, sagt die Mutter des Entführten, Maria de la Paz Nava Esquivel, „wir schauen auch in Krankenhäusern nach.“ Und weiter geht es in eine der Markthallen von Mexiko-Stadt, immer in der Hoffnung, dass der Entführte von einem gesehen wurde. Die Familie von Maria weiß, wer in Mexiko zu einem Opfer von Verbrechen wurde, der ist auf sich allein gestellt. Ihnen hilft nur Gottvertrauen, denn von irdischen Behörden wie der Polizei können sie nicht viel erwarten.

Mehr Entführungen als im Irak

Demonstration In einem ärmlichen Viertel von Mexiko-Stadt lebt die Familie – die Welle der Kidnappings hat alle Schichten erfasst. Maria hoffte vergeblich auf eine Express-Entführung, dabei werden die Verschleppten meist nach ein paar Stunden gegen ein Lösegeld freigelassen. „Das tut sehr weh“, sagt Maria, „wir wissen nicht, ob er krank ist, wie es ihm geht.“ Immer wieder demonstrieren die Menschen massenhaft gegen die Kriminalität. Bei Entführungen hat Mexiko den Irak überholt, in diesem Jahr liegt die offizielle Zahl bereits bei 700. Aber geschätzt wird sie auf einige Tausend – viele Menschen melden die Kidnappings nicht, weil sie der Polizei misstrauen. Auch die Familie des Entführten Juan Luis verlässt sich mehr auf ihre Flugblätter. „Das schlimme ist, das wir nun schon lange nichts mehr von ihm gehört haben“, sagt seine Kusine Adriana Arias. Die Menschen sind mit den Nerven am Ende – fast jeder hier kann eine Geschichte von Gewalt und Verbrechen erzählen, der Staat scheint ohnmächtig zu sein. Die Polizei zeigt im lokalen Fernsehen gerne Clips von erfolgreichen Einsätzen ihrer Spezialeinheiten – so will man das Image aufpolieren. Studien zeigen aber, dass die Polizei selbst in jeden sechsten Entführungsfall verwickelt ist. Bei den Verantwortlichen weiß man darum – Korruption und Inkompetenz haben die Staatsorgane von innen ausgehöhlt. „Es gibt schlechte Elemente bei uns in der Polizei“, bekennt der Generalstaatsanwalt Miguel Mancera offen. „Unsere Aufgabe muss es sein, sie zu finden, sie zu bekämpfen und sie notfalls auch ins Gefängnis zu stecken.“

Die Polizei ist mit verstrickt

Polizei Sie ist in Mexiko mittlerweile eine Berühmtheit – María Isabel Miranda nahm, als ihr Sohn entführt wurde, die Ermittlungen selbst auf. Die Frau aus einer wohlhabenden Familie hat auf Postern dokumentiert, wie sie den Tätern auf die Spur kam – es ist auch ein Dokument der polizeilichen Unfähigkeit. An einem Julitag wurde ihr Sohn Hugo verschleppt und schon bald darauf ermordet – über die letzten Anrufe auf seinem Handy konnte María recherchieren, in welchem Viertel die Antennenmasten der Telefonfirma standen. Und durch weitere Nachfragen fand sie bald das Haus, in dem ihr Sohn gefangengehalten wurde. Sie informierte die Polizei – doch die unternahm nichts. Später wurde ihr klar, warum – der Chef der Entführerbande war selbst Polizist. „Es ist sehr schwer für mich hier zu stehen“, sagt María Isabel Miranda, „denn hinter dieser Tür ist mein Sohn ermordet worden.“ Seit einigen Wochen hat Maria Miranda Leibwächter, sie erhält ständig Morddrohungen – den organisierten Banden ist sie ein Dorn im Auge. An dieser Straßenkreuzung erklärt sie uns, wie sie zusammen mit ihrem Bruder einen der Entführer eigenhändig überwältigen konnte, obwohl der bewaffnet war – die Geschichte der Maria Miranda lässt einen sprachlos. „Es gibt eine große Unfähigkeit bei unserer Polizei“, sagt María Isabel Miranda, “und dann kommt die Korruption dazu. Die Polizisten machen mit den Banden oft gemeinsame Sache. Wenn Du in Mexiko als Bürger Gerechtigkeit willst, musst Du sie selbst suchen.“ Und der Generalstaatsanwalt Miguel Mancera ergänzt: „Ja, für die Verantwortlichen war der Fall von Frau Miranda wie eine Alarmsirene, er hat gezeigt, was bei uns falsch läuft.“


Satelliten helfen bei der Fahndung

Sender zur Ortung Das Vertrauen in die Polizei sinkt rapide, Privatfirmen bieten Hilfe an. Diese hier will Sicherheit per Satellit schaffen. Dem Kunden wird ein winzig kleiner Sender eingesetzt, im Entführungsfall kann er dann durch einen Satelliten geortet werden. Erkannt werden will hier keiner, aber das Geschäft boomt – knapp zweitausend Mexikaner laufen schon mit Implantaten herum. In einem Kontrollraum wird rund um die Uhr die Lage der Kunden beobachtet. Zweitausend Euro kostet dieser Dienst jährlich. „Früher haben sich nur ganz Reiche an uns gewandt“, sagt der Geschäftsführer, „aber jetzt kommen unsere Kunden auch aus der Mittelschicht, weil die Lage so brisant ist.“ Für die Familie von Maria de la Paz bleibt nur die Hoffnung – und die tägliche Suche. Bis in den Abend streifen sie durch Mexiko-Stadt, sprechen Passanten an und verteilen ihre Flugblätter. „Ich muss doch meinen Sohn finden“, sagt Maria de la Paz Nava Esquivel. „Er bleibt mein Sohn, und das gibt mir Kraft.“

Mexikos Bürger wissen – in der gegenwärtigen Lage können sie sich nur selbst helfen.


(Quelle: swr)

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