Glückssuche

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Das Fest der 1.000 nackten Männer

 

Teilnehmer des Nackte-Männer-FestesDer Kampf beginnt um Mitternacht. Ein Tuch, mehr Kleidung darf nicht sein. Einige Tausend Männer treten an: alles unsere Gegner. Es geht um zwei kleine Holzstäbe. Doch die verheißen großes Glück. Wenn sie in die Menge fallen, ist im Tempel der Teufel los.

Zwei Stunden vorher: Takashi Matsutani ist 73 Jahre alt und seit seiner Jugend jedes Jahr dabei. "Ich dürfe nachher alles machen, nur nicht umfallen, das ist lebensgefährlich." Nachbarn, Freunde und Verwandte sind da. Vor vier Jahren haben sie zusammen beide Glücksstäbe gewonnen - das ist selten. Ihr Siegerfoto war in allen Zeitungen.

Takashi Matsutani: "Bei diesem Fest kommt es darauf an, dass man nicht aufgibt, sondern bis zum Ende durchhält. Wir glauben, dass schon die Teilnahme dazu beiträgt, dass es unseren Familien gut geht."

Glücksbringer in Zeiten der Wirtschaftskrise

Vor dem Haus ziehen erste Gruppen Richtung Tempel. In der Wirtschaftskrise ist jedes Glück willkommen. Von einigen Firmen sind daher alle männlichen Angestellten dabei, 460 allein von einem Verlag.

Herr Motoyoshi hat vor vier Jahren die Stäbe ins Ziel getragen. In der Liebe und der Karriere lief es danach prächtig. Jetzt kann er wieder Glück gebrauchen, denn er ist Investmentbanker: "Damals landeten die Stäbe zufällig bei mir. Meine Gruppe hat mich dann geschützt. Das war ein tolles Erlebnis."

Ein Gebet noch, bevor der Tempel zum Tollhaus wird. Vor Urzeiten verteilten hier Mönche Briefe als Glücksbringer. Die waren so begehrt, dass Menschen um sie kämpften und sie dabei unfreiwillig zerrissen. Seit 500 Jahren fliegen Holzstäbe. Einer für heute Abend wird hier aufbewahrt.

"Jeder hofft aus anderen Gründen auf das Glück", erklärt Zenko Tsuboi vom Saidaiji-Tempel in Okayama. "Viele möchten, dass es mit der Wirtschaft bergauf geht oder sie ihren Arbeitsplatz behalten. Junge Leute wünschen sich oft auch, dass ihre Kinder gesund auf die Welt kommen."

Tempelfest mit rauen Sitten


Ein Kilometer bis zum Ziel. Washoi - das bedeutet soviel wie Hauruck. Es sind nur drei Grad. Nacktheit, heißt es, fördere den Kampfgeist. Eine Stunde vor Mitternacht, Ankunft am Tempel. Dort sichern sich die ersten Eifrigen eine gute Position. Von da oben fallen nachher die Glücksstäbe. Wasser zum Abkühlen - warmer Tee wäre ihnen wohl lieber.

Eine harte Probe gleich zu Beginn: Jeder muss sich im eisigen Tempelbecken reinigen. In Japan hat jeder Stadtteil ein jährliches Schrein- oder Tempelfest. Das hier gilt nicht ohne Grund als eines der verrücktesten des Landes. Auch uns bleibt das Wasser nicht erspart.

Die Investbanker kommen nun in Stimmung. Hiroshi Motoyoshi schwärmt: "Alles super, es geht mir richtig gut." Und sein Kollege wittert bessere Zeiten: "Jetzt holen wir uns den Stab und das Glück." 30.000 Zuschauer - Frauen dürften mitmachen, aber keine ist dabei. Sie gucken lieber zu.

Noch 35 Minuten. In der Haupthalle der Anlage kommen sich jetzt alle richtig nah. Das Wasser von oben ist nun willkommen, keiner friert. Es gibt größere Sorgen: das Atmen zum Beispiel. Auch wir sind oben angekommen: Hände hoch - dann fällt man nicht so leicht um.

Das Bad in der verschwitzten Menge macht Takashi Matsutani glücklich: "Im Alltag muss man sich benehmen, hier kann ich laut und mal wieder ein richtiger Mann sein."


Harter Kampf um kleine Stäbchen

Ganz gefährlich sind die Treppen. Vor zwei Jahr wurde ein Teilnehmer zu Tode getrampelt. Diesmal bleibt es bei kleinen Verletzungen. Ein rotes Licht: Sanitäter wachen von oben, wer Hilfe braucht und weisen den Kollegen unten den Weg. Die kommen dann mit Megafon und 20 Mann. Die Erschöpften können meist noch alleine gehen. Einige haben zu viel getrunken. Einer lässt sich auf Händen hinaustragen. Der Abgang ist nicht ganz so elegant. Die Stimmung kocht. Kleine Schlägereien sind schnell vorbei. Mit dem Mann möchte auch keiner wirklich Ärger haben.

Punkt Mitternacht gehen die Lichter aus. Erst fliegen 100 kleine Stäbchen - und dann irgendwann die beiden Glücksstäbe. Weiter geht es wie beim Rugby: Wer einen Stab ergattert, wird von seinem Team abgeschirmt. Nach großen Glücksmomenten sieht das nicht aus. Ein erbitterter Kampf mit blutigen Nasen und blauen Augen. Nach 20 Minuten haben die Stäbe das Ziel erreicht, die Handelskammer.

"Jeder hat dich geschubst, dich geschlagen, jeder hing irgendwie in deinem Gesicht, das war brutal. Wenn du gegen die Säulen gedrückt wurdest, hast du keine Luft mehr bekommen, es war beängstigend, aber auch phantastisch." Und dieser Japaner will es nächstes Jahr wieder versuchen: "Ich war so nah dran. Ich konnte einen Stab riechen."

Sie können sich nicht satt sehen. Ein paar 100 Meter entfernt: Die Gewinner haben sich ihr Glück verdient, dazu ein kleines Preisgeld. Jetzt könnten sie aber auch mal lächeln.

Banker Motoyoshi zeigt den Trostpreis - einen der 100 kleinen Glücksbringer konnte er immerhin ergattern. Sie sind zufrieden. Auf das große Glück müssen sie noch warten, aber vielleicht zieht Japans Wirtschaft ja zumindest ein bisschen an. Und nächstes Jahr wollen sie es dann sein, die fast nackig in der Nacht die Ehrenrunden drehen.

(Quelle: WS/werg)

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