Kunst im Kanal

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Sao Paulo, die lateinamerikanische Hochburg des Graffiti. Die ursprünglich illegale Mauerkunst gehört ganz einfach in die 20-Millionen-Metropole; so sehr, dass manchmal Flächen freigegeben werden für die kollektive Subversion. Wie an diesem Wochenende: Spray-In. 80 Graffiti-Künstler verwandeln Hunderte von Mauermetern in ein Meer von Farben. Ein Superstar der Szene ist bei solchen Massen-Events nicht dabei. Schon seine abenteuerliche Ausrüstung unterscheidet ihn vom Mainstream. Zezão, so heißt der Angelstiefelträger, nimmt den Begriff „Kunst im Untergrund“ wörtlich. Sein Betätigungsfeld sind die 2850 Kilometer Abwasserkanäle von Sao Paulo.


Graffiti-Künstler Zezão Seine Stiefel braucht der Mann wie kein anderer, denn er watet stundenlang durch die übelriechende Brühe. Menschliche, tierische und industrielle Abfälle fließen an ihm vorbei, und manchmal – bei heißem Wetter - muss er seine Atemmaske aufsetzen, um nicht ohnmächtig zu werden. Seine Spuren hat Zezão überall hinterlassen: Flops - hell- und dunkelblaue, abstrakte Graphiken, die niemand sieht. Zezãos Kunst im Kanal ist atemberaubend – in jeder Hinsicht. „Dreck gehört zu meiner Arbeit. Ohne diesen Müll wäre die Einheit aus meinen Flops und dieser Kanal-Architektur unvollständig. Diese üble Umgebung unterstreicht und verstärkt meine Arbeit. Dieser Ort gibt meiner Kunst ihren Sinn.“

Graffiti-Kunst von ZezãoEin geeigneter Ort für seine Flops – für den 36-jährigen Untergrundkünstler ist das eine Stelle mit besonderem Lichtreflex oder abgefahrenem Müll-Ensemble. Dann greift er zu seinem Handwerkszeug: einem Röllchen und – Latexfarbe. Die ist deutlich billiger als aus der Sprayflasche und als Grundierung perfekt. Am Anfang stand das Wort: verfremdete Buchstaben, mit denen Zezão Züge, Häuser und Fabrikwände pflasterte. Daraus entstand mit zunehmender Abstraktion irgendwann das erste blaue Flop, aus hellem Latex und dunkler Sprühfarbe. Mit seiner Mauerkunst musste er von der Oberfläche schließlich abtauchen. „Da oben herrscht Verkehrschaos, Gewalt und Raub, von dieser Realität muss ich mich entfernen. Hier unten bin ich ganz alleine, und male etwas, das keiner sieht. Natürlich ist das verrückt, aber es auch poetisch. Meine Kunst passt zu diesem einsamen Platz, sie wurde geboren, um genau hier zu sein.“


Graffiti-Künstler ZezãoBevor Zezão mit dem Malen anfing, raste er als Motorrad-Bote durch den Moloch Sao Paulo und lebte von der Hand in den Mund, eine Kunstschule hat er nie besucht. Seine Kumpels – deren Ateliers er noch heute benutzt -, brachten ihn zunächst zum Graffiti. Seine angeborene künstlerische Ader ließ daraus dann die Flops entstehen und schließlich war es dann seine dramatische Lebensgeschichte, die Zezão in den Abwasserkanal trieb. „Ich hatte Geldprobleme, mein Vater war Alkoholiker und ist gestorben, genau wie kurz danach meine kranke Mutter. In dieser Zeit hatte ich furchtbare Depressionen, und meine einzige Erleichterung war Graffiti. Ich musste mich total isolieren um zu begreifen, was mit meinem Leben los war. Doch auf der Straße ging das nicht. Beim Malen bin ich ständig von den Leuten und der Polizei angepöbelt worden.“


Graffiti-Künstler Zezão Also ging er in den Untergrund, um ungestört zu sein. Mal in die Kanalisation, mal unter eine Autobahnbrücke in einem verruchten Viertel von Sao Paulo. Dort, wo der Müll zum Himmel stinkt, die Menschen auf der Straße leben und jede Betonmauer jeden Tag anders aussieht. Zezão liebt diese Vergänglichkeit seiner halb gerollten und halb gesprühten Kunst. Frierende, die ein Feuer machen, Bauarbeiter, die ein Loch in die Kunstwand brechen, Obdachlose, die mit ihrem Eigenheim die Sicht auf die Flops verdecken. Zezão liebt die Strasse und ihre Menschen, und sie lieben ihn. „Zezão ist klasse!“, meint Thiago. „Wär’ doch super, wenn er unsere ganze Brücke blau malen würde.“

Irgendwann kommt alles heraus in Brasilien, selbst wenn einer mutterseelenallein in der Kanalisation vor sich hinpinselt. Die Flops und seine Photos davon wurden der Renner, und Zezão international berühmt. Galerien wie „Kulturschock“ vermarkten Zezão und schicken ihn auf Tournee: ins britische Brighton, durch ganz Brasilien bis nach New York. Sein Erfolg in der Welt der Feuilletons hat ihn total überrascht. Doch eigentlich ist das alles da oben nicht sein Ding; Zezãos Kunst gehört in den Kanal. „Meine Flops sind immer blau, denn blau ist ein Symbol für das Leben, gerade hier in diesem toten und kaputten Ort. Mit meinem Blau veranstalte ich einen Exorzismus: ich vertreibe alles Negative von hier.“ Die meisten Künstler strampeln sich vergeblich ab, um berühmt zu werden, um irgendwann einmal groß rauszukommen. Bei José Augusto Amaro Capela, dem Ex-Motorrad-Boten, war es anders: sein einziger Wunsch war es, da unten alleine sein, um mit der Kunst sein Leben zu verarbeiten. Doch der Ruhm hatte sich unbemerkt an Zezãos Anglerstiefel geheftet und folgte ihm ungefragt. Bis ins letzte Loch.


(Quelle: swr, werg)

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