Heiler der Antike

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Griff in die Wunde
Der Grieche Galen war unter den Ärzten der Kaiserzeit der Star. Allerdings half der Gelehrte bei seinen Erfolgen mit manch rabiatem Trick nach.

Es herrscht Untergangsstimmung in Rom im Jahre 166 nach Christus. Die Legionäre des Kaisers Lucius Verus haben die Pocken in die Metropole eingeschleppt. Mit Pusteln übersäte Sieche, gepeinigt von Fieber und Durchfall, wanken durch die Straßen der ins Chaos gefallenen Stadt. Ein Drittel der Bevölkerung rafft die Plage dahin.

Panik breitet sich aus. Ist kein Arzt an Bord? Doch, und nach seiner eigenen Einschätzung gar der beste von allen: Galenos aus Pergamon ist ein Großmaul, der mit einer Kühnheit wie kaum einer seiner Kollegen an den Kranken herumsägt und -salbt. Rivalen demütigt der Hochbegabte reihenweise als Scharlatane. Und er vollbringt wahre Wunderdinge an den Mürben und mit Martern Geschlagenen.

Sein Arbeitsplatz ist das Kolosseum, wo Galen als antiker Mannschaftsarzt schwerverwundete Gladiatoren behandelt. Einen übel getroffenen Kämpfer rettet er mit einem Eingriff an der Bauchdecke, einem anderen Recken näht der Medikus den zerhackten Muskel im Oberschenkel wieder zusammen.


Der Mittdreißiger steht auf der Höhe seiner Schaffenskraft, sein Ruhm entspricht seinem Talent - aber nun packt ihn die berechtigte Sorge, in seiner von Pestilenzerregern überfluteten Wahlheimat zu sterben. Galen packt seine Sachen und verschwindet aus Rom. Doch er kommt nicht weit. Sein Freund und Förderer, Kaiser Marc Aurel, will ihn nicht ziehen lassen. Der Imperator beordert den Abtrünnigen zurück in die geplagte Stadt.

Einer wie er wird hier nicht nur in Zeiten nackten Notstands gebraucht. Neben den Pocken nagen etliche weitere Übel am Herzen des Riesenreichs. Regelmäßig überschwemmt zum Beispiel der Tiber die Weltstadt. Bröckelige und völlig überfüllte Mietskasernen brechen in sich zusammen. In der Kapitale antiker Zivilisation breiten sich Cholera und Typhus aus wie in einem heutigen Drittweltland. Was kaum eine feindliche Armee schafft, gelingt den Seuchen um so verheerender.

Das einfache Volk entsorgt seinen Abfall, wo es geht und steht. Streunende Hunde wühlen in Müllbergen herum, auf denen Leichen verwesen. Das Reich kennt modernste Badeanstalten, doch das Trinkwasser ist mit gefährlichen Keimen verunreinigt. Kaum ein Bewohner der Kulturmetropole, den nicht Bandwürmer quälen. Zudem wütet in der schwülen Modergrube die Malaria. Im Durchschnitt erreichen die Römer gerade mal das Teenager-Alter.

Mitten im Elend steht Galen, der Wunderdoktor, und protokolliert fleißig die Symptome seiner geschundenen Mitbürger. Dass Historiker recht detailliert über die katastrophale Gesundheitslage im Rom des zweiten Jahrhunderts nach Christus informiert sind, ist vor allem den zahlreichen Traktaten und Berichten des Schreibwütigen zu danken.


Zwar weiß man nicht, ob er eine Ehefrau, Kinder oder Geschwister hatte. Wohl aber, dass seine Mutter eine streitlustige Zicke war, die in unkontrollierten Zornesausbrüchen gegen die Haussklaven und ihren Ehemann pöbelte. Galen kommt im Jahr 129 in Pergamon, einer griechischen Kulturhochburg nahe der Westküste Kleinasiens, zur Welt. Sein Vater ist Architekt und Mathematiker. Er selbst beginnt mit 16 sein Medizinstudium. Er ist Anfang dreißig, als er im Jahr 161 erstmals nach Rom kommt.

Die Stadt wird sein Schicksal - allerdings nicht in der von ihm befürchteten Weise. Obwohl die Menschen um ihn herum Blut spucken und vor Fieber glühen, bleibt Galen kerngesund. Er stirbt erst hochbetagt mit 70 Jahren. In der Hauptstadt des Reiches produziert er ein schriftliches Oeuvre, das noch im Mittelalter und sogar bis in die frühe Neuzeit verehrt und gelehrt wird. Dabei treibt den Mann mitunter frappierende Ahnungslosigkeit.


(Quelle: spon/werg)

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