Die Arbeit machen die Chinesen

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Sahara auf Chinesisch. Für Li Zong Lian bedeutet das: endlose Ruckelpisten, Staub und – Tee. Den hat er fern von zuhause immer dabei. Ist der gut für die Nerven? Will sein algerischer Weggefährte wissen. Aber die beiden sind eigentlich nicht unterwegs, um unter der Wüstensonne Algeriens über Heißgetränke zu fachsimpeln. Lis Firma baut eine Wasserleitung. 700 Kilometer bis nach Tamanrasset. Ein Milliardenprojekt. Der Auftraggeber: Algeriens staatliche Wasseragentur. Und heute ist Kontrolltermin. Noch ist Winter - beste Arbeitszeit. Aber in einigen Wochen beginnen die Sandstürme. Eile ist geboten. Nur nicht für den Bauherrn. Der malt seine Kommentare aufs Rohr wie der Lehrer ins Schulheft: Morgen nochmal vorlegen. "Sie müssen nach dem Schweißen da auf dem Rohr immer das Datum eintragen. Jedes Mal. Bei jeder Naht. Das wissen sie doch. So ist das nicht in Ordnung. Klar, Monsieur?" Herr Li übersetzt für dem schuldigen Vorarbeiter. "Und die Eintragungen fehlen hier überall. Überall. Ich zeig's Ihnen." Welche Folgen der Zwischenfall für den säumigen Schweißer hat, erfahren wir nicht. Aber die kleine Schlamperei berührt kaum die chinesisch-algerische Geschäftsfreundschaft.

Bei Großaufträgen bekommen chinesische Firmen hier regelmäßig den Zuschlag. Sie haben früh diesen Markt entdeckt. Direkt nach dem Bürgerkrieg der 90er Jahre, als die Europäer aus Angst vor Terroranschlägen noch zögerten. "Wir sind 1999 gekommen und seitdem ununterbrochen im Land“, erklärt Bauleiter Li Zong Lian. „Vielleicht liegt dieser Erfolg an unserer Geschwindigkeit. Im Vertrag stand damals, dass unser erstes Projekt in drei Jahren fertig sein sollte. Aber wir haben es schon in zweieinhalb Jahren geschafft." Dass sie in einem fremden Land sind - davon bekommen die Arbeiter so gut wie nichts mit. Nach Feierabend auf der Basis - einem Barackenlager mitten in der Wüste. Man bleibt unter sich. Zwar beschäftigt die Firma auch algerische Arbeiter - aber die wohnen in einem anderen Lager. Auch der Ingenieur Hong Qing Song hat kaum Kontakte zur Außenwelt. Er ist nur zum Arbeiten hier. Aber seine Chance, durch diese Arbeit etwas von der Welt zu sehen, hatte der junge Ingenieur sich irgendwie ein bisschen anders vorgestellt. "Einmal in der Woche kann ich meine Eltern anrufen. Darauf freue ich mich, denn abends denke hier in der Wüste doch viel an zuhause. Aber ich bin zufrieden. Ich kann auf dieser Baustelle Erfahrungen sammeln und ein echter Experte werden auf meinem Gebiet."

Zwölfhundert Kilometer weiter nördlich

Algier, die Hauptstadt wächst. Auch hier wird gebaut. Auch hier sind es Firmen aus China, die sich die großen Projekte gesichert haben und dafür ihre Arbeiter mitbringen, offiziell sind es 30.000 - ziemlich merkwürdig in einem Land, in dem jeder zweite Jugendliche arbeitslos ist. Aber die Chinesen gelten hier als geschäftstüchtiger und effizienter als die Einheimischen. In einem Vorort - ein improvisiertes Geschäftsviertel. Die Händler - ehemalige Arbeiter, die nicht mehr nach China zurückwollen und sich von ihren Firmen abgesetzt haben. Ihre Läden sind illegal, aber geduldet. Erst nach längeren Diskussionen bekommt unsere Kamera Einlass. Im Viertel gibt es rund hundert solcher chinesischer Geschäfte. „250 Kilometer bin ich angereist", erzählt dieser Kunde. "Ich kaufe hier immer Bettdecken, Vorhänge und sowas, zum Weiterverkauf. Es ist billig, denn es geht hier ohne Rechnung." Und an der Stelle beendet der Chef das Interview.

Doch auch ganz Großen entdecken Algerien. Der Telekom-Konzern Huawei baut gerade ein Callcenter auf - für Kunden aus Frankreich und Afrika. Wenn ihr Computer abstürzt oder der Drucker spinnt, kommt die Hilfe per Telefon demnächst aus Algier. Auch für Einheimische entstehen dabei einige Jobs. Das war wohl Bedingung der Regierung. "Wenn sie die verschiedenen Länder Afrikas vergleichen, dann sind die algerischen Arbeitnehmer besser“ meint Yao Lin von Huawei. „Algerien ist der Ausgangspunkt für unsere Unternehmungen in anderen Ländern. Wir finden hier ein Ausbildungsniveau, dass unseren Ansprüchen standhält."

Zurück in der Wüste

Herr Li weiß ziemlich genau, wo es für seine Firma langgehen soll: Immer weiter wie bisher. Der algerische Staat ist reich, weil er am Erdöl verdient - und wird auch weiter viel Geld in Bauprojekte stecken. Wasser für die Wüste - die Europäer werden dafür nicht gebraucht. Denn die Chinesen machen das so billig wie die billigsten - und so gut wie die besten, finden die Algerier. "Diese Firmen mit denen wir hier zusammenarbeiten, sind nicht gekommen, um das schnelle Geld zu machen und dann wieder abzuhauen“, sagt Mounir Mesli von der Algerische Wasseragentur. „Ganz im Gegenteil. Die Chinesen haben uns in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie langfristig bei uns bleiben wollen. Die haben sich hier richtig festgesetzt." Wenn die Konkurrenz also in die Röhre gucken will - in Algerien gibt's dazu Gelegenheiten genug.


(Quelle: ws/swr/werg)

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