Krieg der Kindergangs

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Kriegsgebiet Liverpool

Es sieht aus wie irgendwo in einem Kriegsgebiet, aber es ist Liverpool. Norris Green, ein Stadtteil, in dem kaum jemand noch oberhalb der Armutsgrenze lebt; der Teil Liverpools, den die Stadt einfach aufgegeben, sich selbst überlassen hat.

Stattdessen herrscht der Drogenhandel und mit ihm: Jugendgangs. Die Kinder der zweiten Generation einer Arbeiterklasse ohne Arbeit: die ihre Eltern nur als Loser erlebt haben.

Sie handeln mit Crack und Heroin, sind zwischen 12 und 18 Jahre alt, die meisten von ihnen bewaffnet. Jugendliche, die Krieg statt Fußball spielen, und die hier oben im Norden Liverpools jetzt die Macht übernommen haben.

Colin Borrows, genannt der Badger, der Dachs, war Englands erster Crackdealer. Nach 15 Jahren Gefängnis ist er seit einiger Zeit zurück auf den Strassen Liverpools. Das aber, was sich neuerdings vor seinen Augen abspielt in seinem alten Revier, ist eine andere Welt, eine, mit der er nichts mehr zu tun haben will.

„Wir haben die Leute noch mit Respekt behandelt. Niemand wurde ausgeraubt, der bei mir Stoff gekauft hat, niemand einfach so erpresst und bedroht.“

Die Jugend-Gangs heute – einfach eine andere Generation meint er:

„Und die werden immer jünger, im Schnitt los geht es mit 14. Und sie haben alle Waffen, oder einen Freund, der an Pistolen oder Maschinengewehre kommt. Und wenn Du mit denen Streit anfängst, dann schießen die einfach. Vielleicht wollen sie dich nicht töten, aber wenn es passiert, dann hast du eben Pech gehabt. Aber die würden keinen Moment zögern.“

Schusswaffen zur Konfliklösung

Und immer häufiger trifft es Unschuldige - wie hier am helllichten Tag auf einem Parkplatz - Rhys Jones, ein elf Jahre alter Junge auf dem Weg nach Hause vom Fußball, gerät in die Schusslinie zweier kriegführender Jugendgangs, und verblutet in den Armen seiner Mutter. Ein Fall, der in ganz Großbritannien Aufsehen erregte. Ein Fall, nach dem die Polizei versprach, einzuschreiten. Geschehen ist seitdem nichts, sagen die Liverpooler.

Wir fahren dorthin, wo es passiert ist. Norris Green im Norden von Liverpool, der Bezirk mit der höchsten Arbeitslosenquote der Stadt: Brachland, Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen den Gangs. Hier treffen wir Graham Jones, einen Liverpooler Journalisten, der seit Jahren hier recherchiert, dem die Gangmitglieder trauen und mit dem sie sprechen, auch vor unserer Kamera.

Seine Frage: „Was hat sich verändert, seit Rhys Jones erschossen wurde?“

„Nichts. Aber normal gehen wir nicht tagsüber los, um die anderen zu erwischen. Normal schießen wir nicht, wenn Kleine in der Nähe sind. Normal erledigen wir das nachts, wenn andere Gangs versuchen, in unser Viertel reinzukommen.“

„Ist auf euch auch schon geschossen worden?“
„Klar.“
„Ohne ins Detail zu gehen: was ist das für ein Gefühl?“
„Ist ein kurzer Knall, je nachdem was für ein Gewehr das ist.“
„Ihr habt keine Angst, ein Gewehr in die Hand zu nehmen.“
„Das ist die einfachste Methode, sich zu verteidigen. Anders kannst Du hier nicht leben. Wenn Du Angst hast, ein Gewehr in die Hand zu nehmen, dann kannst Du hier total einpacken, oder gleich aufs verdammte Land ziehen.“


Zehn Minuten haben wir filmen können, dann verschwinden sie wieder so plötzlich wie sie aufgetaucht sind.

Graham Jones:
„Auch wenn es ja eigentlich gar nichts zu verteidigen gibt. Die meisten Häuser sind fast ganz ausgebrannt. Aber darum geht es: Um das Revier. Diese Kids sind fanatische Patrioten und meinen es so verteidigen zu müssen. Das ist die etwas perverse Basis ihres Zusammenhalts. Und die Erwachsenen hier haben Angst vor ihnen. Die Kids sorgen dafür, dass die Erwachsenen ihnen nicht zu nahe kommen, sie haben keine Angst mehr die Erwachsenen anzugreifen, jeden anzugreifen, der sich in ihre Angelegenheiten einmischt. Das ist ein neues Phänomen.“

Privatinitiative zum Schutz der Kinder

Einer, der keine Angst hat, ist Peter Stockley. Der ehemalige Türsteher saß selbst wegen Totschlags fast sieben Jahre im Gefängnis. Was sich in seiner Stadt abspielt, seit er wieder draußen ist, aber macht ihn fassungslos:
„Die, die gar keine Regeln mehr akzeptieren, denen haben sie jetzt die Herrschaft über die Gegend überlassen. Die Polizei hat sie zu stark werden lassen. Obwohl sie seit Jahren wussten, was hier los ist.“

Und so beschloss er, selbst zu handeln, kaufte dieses altes Kino, das Jahrzehnte leer gestanden hatte, wandelte es zu einer Kneipe mit angeschlossenem Community Center um und - das allerwichtigste - mit einem Boxclub: umsonst für alle Kinder der Gegend, finanziert aus dem Erlös seiner Kneipe im Stock drunter.

Auf diese Weise will er wenigstens die Kleinsten vor den Gangs und der Strasse bewahren: Denn wer sich hier wehren kann, der kann auch draußen Nein sagen, das ist seine Devise hier. Von der Stadt bekommt Peter Stockley keinen Penny Unterstützung für sein Zentrum.

„Viele von den Eltern der Kids, wissen noch nicht einmal, dass ich das hier aufgebaut hab. Müssen sie auch nicht. Die sind einfach nur froh, dass sie sie irgendwohin bringen können. Ich mach das nicht für mich, und auch nicht, weil irgendjemand hier mir dankbar sein soll, sondern einfach weil es nötig ist. Und weil es sonst keiner tut.“

Bandenkrieg

Die Stadt habe das Viertel nun einmal längst aufgegeben, inklusive der Kinder, die genau wissen, wie schutzlos sie sind in der Welt, die draußen auf sie wartet.

Ein Junge erzählt:
„Rhys Jones, der kleine Junge, der erschossen wurde, der war ein Freund von mir. Mit dem hab ich Fußball gespielt. Den habe ich immer gedeckt. Die in den Gangs denken, sie sind hart. Die wollen vor ihren Freunden angeben, wenn sie die Leute einfach erschießen.“

Ganz so einfach aber ist das nicht, erklären uns die von der Gang, als wir sie abends noch einmal treffen. Ihre Waffen filmen sie mit dem Handy fürs Internet, damit jeder, der sie angreifen will, weiß, womit er zu rechnen hat. Die letzte Schießerei war vor ein paar Tagen, sagen sie. Eine Gang, aus dem Nachbarviertel, die ihnen Geld und Drogen abnehmen wollte:

„Sie haben einen unserer Jungs erschossen und deshalb verdienen sie das gleiche. Das ist doch nur gerecht. Und so sind unsere Regeln hier.“
„Was geht euch durch den Kopf wenn ihr mit den Waffen schießt?“
„Glücklich. Das ist ein glückliches Gefühl. Ein normales Leben würde keiner mehr haben wollen, von uns keiner mehr. Viel zu langweilig. Wenn Du einmal in der Gang bist, willst du nicht mehr aufhören. Willst immer so weitermachen. So einfach ist das.“


Nur ein paar hundert Meter entfernt im Keller des alten Kinos kämpft Peter Stockley weiter als Einmannshow gegen den Rest der Welt: Spendensammeln für den Boxclub in seiner Kneipe, die für sie alle hier einer der wenigen sicheren Orte in der Gegend ist.

Eine Frau erzählt uns: „Ich musste raus aus meinem Haus, weil die Kids uns terroririsiert haben. Die Türen eingehauen, Schutzgeld wollten. Hier Peters Pub ist der einzige Ort, wo Ruhe ist.“

Denn er würde sich zu wehren wissen. Schließlich war er lange genug selbst im Knast. Damals, als es noch so etwas wie Respekt und Ordnung gab in Liverpool. Lange vor der Zeit, als Kinder bewaffnet die Strassen übernommen haben in einer Gegend, die die Stadt einfach sich selbst überlassen hat.


(Quelle: swr/werg)

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