Angriff der Geier?

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Frankreich - Spanien

Die Kühe sind sein ein und alles – Alain ist Bauer aus Leidenschaft und Baske von Geburt. Seit 53 Jahren lebt er in Südfrankreich, an der Grenze zu Spanien. Sein Dasein verlief relativ friedlich, bis zu diesem einen Tag im Mai 2009…
„Ich bin mit meinem Nachbarn hier angekommen und habe gemerkt, dass auf meiner Wiese Geier waren, die kreisten um eine meiner Kühe. Mein Nachbar hat dann ein paar Mal mit seinem Gewehr in die Luft geschossen, um die Geier zu verjagen.
Die Viecher haben meine Kuh getrieben und attackiert, bis sie hier schließlich zusammen gebrochen ist. Das war eine gute Kuh, die die Geier getötet haben, so wie diese hier. Und hier war wirklich alles voll mit Geiern, überall.“
Kerngesunde Kühe, die auf offener Wiese angefallen werden – der Geier als mörderisches Raubtier? Hier ist jedenfalls kein einziger Vogel am Himmel zu sehen.

Wir machen uns auf Spurensuche. Von dort, von der anderen Seite der Pyrenäen, soll die Gefahr herkommen. Wir fahren durch die spanische Region Aragon. Rund um Huesca stoßen wir auf riesige Bauernhöfe und Schlachthallen. Früher, so erfahren wir, wurden die Schlachtabfälle einfach auf das freie Feld geworfen. Ein perfektes Fressen für die Geier –doch heute finden wir nur noch ein paar Knochen. Tierschützer bringen uns auf die Fährte: Eine eigentlich gut gemeinte EU-Vorschrift ist schuld. Sie verbietet, Tierkadaver unkontrolliert zu entsorgen – nur an die armen Geier hat dabei niemand gedacht. Jetzt durchwühlen die Vögel auf der Suche nach Nahrung sogar Müllkippen.

„Die Geier leiden Hunger und müssen sich irgendwie ernähren. Das ist ein wirkliches Problem in Nordspanien, das ökologische Gleichgewicht ist in Gefahr.“

Wie ausgehungert die Geier tatsächlich sind, zeigen uns David und sein Kollege. 20.000 Geier leben in dieser Gegend – jeder von ihnen braucht pro Tag ein halbes Kilo Aas zu fressen, macht 10 Tonnen täglich. Die Tierschützer betonen, dass der Geier sich von Natur aus nur toten Tieren nähert. Aber mittlerweile beobachten sie, dass der Hunger das Verhalten des Geiers verändert hat, dass er Menschen weniger fürchtet als früher.

„Dass wir die Geier hier füttern, gehört sich eigentlich nicht. Eine reine Notmaßnahme. Normalerweise kreist der Geier in der Luft und sucht sich selbst seine Nahrung.“

Und wenn er keine findet? Dann weitet er seinen Suchradius aus. Am Boden eher unattraktiv, ist der Geier in der Luft geradezu majestätisch – und schnell, bis zu 100 km/h. So braucht er für den Weg von Spanien nach Frankreich nicht mal eine Stunde. Und so beginnt auf der französischen Seite der Grenze der Alptraum für die Bauern. Didier Hervé sammelt die Anzeigen der betroffenen Viehzüchter, die Angst haben um ihre Herden; die sich gegen die fliegende Gefahr aus dem Süden wehren wollen.

„Im Jahr 2006 hat Spanien die EU-Vorschrift sehr strikt umgesetzt, seitdem gibt es dort keine Fleischabfälle mehr für die Geier. Bei uns hingegen sind die Anzeigen explodiert – im vergangenen Jahr haben 87 Bauern eine Geierattacke gemeldet, vier Mal mehr als zuvor, und die Fälle werden immer dramatischer.“

Das Problem der Bauern: oft lässt sich nachträglich nicht mehr feststellen, ob ein Tier schon im Sterben lag oder wirklich durch den Geier getötet wurde. Und selbst wenn es Augenzeugen für eine Attacke gibt – ihre Aussage wird angezweifelt. Und zwar von diesem Mann hier.

Er ist Geierspezialist und untersucht in staatlichem Auftrag die vermeintlichen Angriffe. Seit 15 Jahren beobachtet er die Tiere im Nationalpark „Geierfelsen“, wo sie ungestört brüten können.
Dieses Jahr pflanzen sich wesentlich weniger Paare fort – ein Zeichen dafür, dass die Geier tatsächlich hungern. Aber dass sie deshalb zum Raubvogel werden und kerngesunde Tiere überfallen, hält Didier Peyrusqué für unmöglich. Die für ihn einzig plausible Erklärung:

„Die Geier dringen bei ihrer Nahrungssuche in für sie eher unübliche Gebiete vor, das heißt sie wandern vom Gebirge in die Ebene. Dort sind die Menschen nicht an Geier gewöhnt, und wenn sie dann einen sehen, glauben sie, er hätte ihr Vieh attackiert. Dann müssen wir erklären: nein, das Schaf war schon tot, das ist ganz normal“

Also alles nur ein Missverständnis zwischen den Menschen und dem Geier, der früher noch vom Aussterben bedroht war und jetzt weite Landstriche bevölkert?

Für Bauer Alain klingen solche Erklärungen zynisch. Er hat seine Kuh verloren und die war 1.600 Euro wert – doch es ist nicht nur der materielle Schaden, der ihn schmerzt:
„Uns Bauern wird einfach nicht geglaubt. Dabei haben ich und die anderen es doch mit eigenen Augen gesehen! Da darf man uns doch nicht als Lügner hinstellen.“Es wird wohl nie ganz aufgeklärt werden, wie Alains Kuh wirklich gestorben ist. Trotzdem will der Bauer weiter kämpfen – für seine übrigen Tiere und für seine baskische Ehre.

 

(Quelle: dpa/ard)

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