Ein Dorf wehrt sich

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

 

Willkommen im Dorf des Todes und der Korruption. Sie haben uns 13 Söhne massakriert. Fanny’s Bruder war 19 als er in Creel ermordet wurde. „Für eine Mutter ist es sehr schmerzhaft, einen Sohn zu verlieren, und das auf diese Weise“, sagt Berta Galdean. „Eine Mutter denkt immer, dass sie vor ihren Kindern sterben wird. Der Tod kam so unerwartet. Ich frage mich immer, ob er es jetzt gut hat, ob das Paradies auch wirklich existiert.“ „Wir versuchen selbst etwas zu tun mit Demonstrationen Protestaktionen, wir fordern Gerechtigkeit, die Schuldigen müssen verhaftet werden“, ergänzt der Vater Fernando Córdova. Klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht. Auch nach sechs Monaten sind die Mörder nicht gefasst. Deswegen treffen sich 13 Familien jeden Sonntag auf dem Friedhof, jeder soll sie sehen, ihre Trauer und ihre Wut. Einer der jungen Männer war gerade Vater geworden, die Mörder haben auch sein Baby erschossen. Edgar hieß der Kleine, wie sein Vater. 12 junge Männer und ein Baby – die Drogen-Mafia hat sie auf dem Gewissen.

Wir sind im nördlichen Bundesstaat Chihuahua, an der Strecke eines der berühmtesten Züge der Welt: Der „Chepe“ verbindet den Pazifik mit dem mexikanischen Hochland. In den Schluchten wird illegal Hanf für Marihuana angebaut. Unten im Canyon - eine Anti-Drogen-Einheit der Armee. Ihr Einsatz: Cannabis-Felder vernichten. Die Soldaten gelten als zuverlässig, anders als die Polizei. Allein im letzten Jahr wurden über 700 korrupte Polizisten verhaftet, die selbst im Drogengeschäft mitmischten. Um das Territorium entlang der Bahnstrecke rivalisieren zwei Clans. An einem Samstag im August kamen sie nach Creel und trafen auf eine Gruppe Jugendlicher vor einer Tanzhalle. Sie begannen blind um sich zu schießen. Warum, weiß bis heute niemand. Drei Haupt-Verdächtige sind bekannt, verhaftet werden sie nicht. Nur die Kirche macht den Menschen Mut. Pater Javier war der erste am Tatort und blieb stundenlang der einzige. Er machte die Fotos für den Staatsanwalt, sicherte die Spuren, tröstete die Angehörigen. Auch für ihn ein Trauma. “Hier lag der Vater, der sein Kind zu schützen versucht hatte. Ich fand es unter ihm, mit einem Kopfschuss. Hier lagen die anderen.“ Seitdem predigt Pater Javier den Protest: Sie können euch töten, sagt er, aber lasst euch nicht brechen, lasst euch nicht kaufen.“


Die Beerdigung de 13 Söhne war der Auftakt zum Protest. Seitdem wird im Haus von Luz Galdean jeden Sonntag eine Extra-Portion Tortillas gebacken – in Erinnerung an ihren Sohn Luis-Daniel. Auch er war zur falschen Zeit am falschen Ort – eine andere Erklärung hat sie nicht. “Ich begreife es nicht“, klagt die Mutter Luz Galdean. „Unsere Söhne waren sauber, keine Drogen. Studenten einfach. Niemand weiß, warum diese Verbrecher geschossen haben. Und die Regierung lässt uns allein. Warum nur, warum?“ Luz bringt ihre Tortillas auf den Friedhof. Stiller Protest gegen einen sinnlosen Tod. Einheimische Journalisten trauen sich kaum hier her, sie werden massiv von den Drogen-Clans bedroht. Deswegen hält Yuri alle Aktionen der Bürger fest. Sie haben Straßen gesperrt, Mautstellen besetzt und sogar den Zug blockiert, vier Stunden lang. Sie verlangen Gerechtigkeit und vor allem Sicherheit. „Ich lege ein Archiv für unsere Protest- Bewegung an“, erklärt Yuri Armendariza. „“Ein Chronik von allem, was wir hier tun.“

Sonst würde auch das Massaker von Creel totgeschwiegen. Die Polizei hat sich bis heute nicht mit dem Mord befasst. Kein Wunder, meint der Pater. „In einem der Mafia-Clans, vermuten wir Leute, die vorher hier als Polizisten waren. Wer sich in dem Milieu auskennt und da mehr verdienen kann, der macht mit. Geben Sie einem jungen Mann ein schönes Auto, eine Waffe – dann kann er anderen Angst machen, sich wichtig fühlen – das ist so leicht.“ Angst machen – das versuchen sie auch bei Ana, der Friseurin und ihrer Schwester Gloria. Auch ihre beiden Söhne sind ermordet worden. Seit sie laut Gerechtigkeit fordern, erhalten sie Drohungen, erzählt Gloria. „Wir sind arm und unwichtig, deswegen werde die Täter nicht verfolgt“ meint die Lehrerin Gloria Lozano. „Wir werden uns weiter wehren, mit Aktionen, die der Regierung weh tun.“


Am nächsten Morgen lädt uns Gloria in ihre Schule ein. Bei minus vier Grad ist Holzschleppen das Lieblingsfach der Siebenjährigen. Gloria spricht viel mit ihnen über ihre ermordeten Brüder und Onkel, über die Folgen von Gewalt. Die einen haben getötet, und die anderen? Die waren traurig, mussten weglaufen und weinen, antworten die Kinder. Deinen Onkel Tito haben sie getötet, nicht wahr? „Ja, und den mochte ich besonders gern, er hat mir Kassetten geschenkt und 50 Pesos.“ Brav beten wollen die Kinder um den Frieden, aber das allein hilft nicht, bringt ihnen Gloria bei. “Wir Angehörigen haben jetzt beschlossen, keine Steuern mehr zu zahlen, bis die Schuldigen festgenommen sind.”

„Wir kämpfen für unser Dorf und vor allem für das Wohl der kleinen Kinder, damit sie nicht mit dieser Gewalt aufwachsen müssen“ sagt Berta Galdean. Creel soll wieder so werden wie es war: voller Frieden.“ Angst haben wir nicht mehr, sagen sie. Man hat uns getötet, als sie unsere Kinder umbrachten: 12 junge Männer und ein Baby.

(Quelle: ws/werg)

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