Der Parfumeur der Kurtisanen

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Der noble Beiname, Stadt der edlen Gerüche, ist längst im Smog untergegangen. Die Nase von Haji Mohammed Shafi erträgt das Gemisch aus Abgasen und Müll nur mit Widerwillen. Jeden Morgen, wenn der Muezzin zum Gebet ruft, dankt der 90jährige deshalb Allah dem Allmächtigen, wenn er endlich seinen Tempel der Düfte erreicht hat. In kaum einem Geschäft des Bazars am Turkman Gate gibt es ein solches Sammelsurium an Flakons und Fläschchen – angefüllt mit edlen Essenzen aus dem indischen Subkontinent und dem arabischen Golf. Haji Mohammed Shafi ist der letzte einer einst großen Händlergilde – der ltr Wallas – der Parfümhändler. Er und Neffe Faruk pflegen liebevoll die 150 Jahre alte Familientradition.


"Ein Tröpfchen Shamama, Frau Nachbarin, jetzt für die Kühlen Tage?" "Gern Meister Shafi, aber eingepackt bitte. Ich will es später genießen". Ein Wattebällchen in die smaragdgrüne ölige Substanz getaucht, das Stäbchen zu umgerechnet 40 Cent - so verkauft der Händler, wie seit alters her seine Wohlgerüche. Seine Kundschaft profitiert gern von Shaifs Wissen, lauscht den Geschichten über Geheimnisse und Rafinessen, die sich mit den vielfältigen Aromen verbinden. Nicht nur im Diesseits wird der Umgang mit den Parfüms belohnt. Als guter Muslim weiß sich Haji Shafi im Einklang mit dem Propheten Mohammed, der einst auf die Frage was ihm das liebste sei, antwortete: das Gebet, die Frauen und - gute Düfte.

Das liebste für Shafi aber sind Telefonaufträge. Da werden keine Wattetupfer geordert, da geht es um Flakons, die – im besten Falle – bis zu 100 000 Rupien bringen – knapp 1800 Euro. Geordert werden sie von wohlhabenden Damen, die daheim vom Verkäufer beraten und beliefert werden. So, wie es früher war. "Das Verständnis für die schönen Dinge, die Kultivierung eines Stils, das alles gibt es heute kaum mehr. Genauso verhält es sich mit dem Parfüm. Die Kenntnisse darüber, die Kunst der Verführung der Sinne, all das hat sich verflüchtigt. Heute sucht man sich aufdringliche Düfte aus, in Flakons mit Spraydüse. Wer denkt noch über wahre Parfüms nach. Dabei gab es mal eine Duftkultur!"

Vom billigen Tand der Neuzeit will der alte nichts wissen. Der Blick von seinem Geschäft auf die Turkmangate Road mag uns noch exotisch erscheinen. Für Mohammed Shafi ist es nur noch der Abklatsch einer einst farben- und inhaltsreichen Moslemkultur. Der Auftrag für die Telefonkundin muß erledigt werden. Eine indienweit bekannte Sängerin, hat sich eine Auswahl bestellt, die Neffe Sualehin und Shafis eher unwilliger Sohn Rafi anliefern sollen. So geheimnisvolle Essenzen wie Chameli, Majmua, Rat-Ki-Rani und Hina stehen auf der Bestelliste. Mit seinen 90 Jahren schafft Shafi seine geliebten Hausbesuche nicht mehr. Dabei war er früher oft in den vornehmen Palästen und – vor allem – in den Gemächern der Kurtisanen. Keine Berufsgruppe in Indiens Geschichte bewegt die Gemüter des Landes auch heute noch so sehr, wie das Leben und Treiben der Gesellschaftsdamen von einst. Neben Tanz und Gesang waren sie die Meisterinnen der Poesie, Dienerinnen der fünf Sinne, geschätzt geachtet und bewundert – doch letztlich von dem einen dann, dem sie ihr Leben treu blieben, gekauft. Aufgewogen in Gold, Silber oder eben in Parfüm.

Der Tradition der Kurtisanen fühlt sich Rekha Suriya immer noch verbunden. Auch wenn sich die Passion der Sängerin heute nur noch auf die Musik bezieht. Ihre Liebe für die klassischen Tänze und die edlen Düfte sind geblieben. Frau Suriya kennt noch die spezifischen Ingredienzien, die das indische Parfüm so einzigartig machen. Die schwere Süße des Sandelholzes, vermengt mit den Zutaten, Jasmin, Amber oder gar der teuren Moschussubstanz. Und Uud, den kostbar schweren Liebesduft des Adlerholzes kennt sie als schärfste Waffe der Verführung. "Die Kultur der Kurtisanen, das war nicht nur die Kunst des Tanzens und der Musik, das war auch den anderen Ansprüchen ihrer Klientel gerecht zu werden. Und Perfum, das wir Itr nennen, gehörte natürlich dazu, das andere Geschlecht zu bezirzen."

Von Liebschaften jugendlicher Tage weit entfernt träumt Haji Mohammed Shafi trotzdem von Kunden wie Rekha Suriya. Und noch immer hält er auch persönlich auf die Etikette von einst. Er wird auch heute, wie jeden Tag, nach der Mittagspause wieder ins Geschäft rüberlaufen, Aziza Begum , seine dritte Frau wird wie jeden Tag auf ihn warten und wie jeden Tag wird er seinen Kunden noch einmal die Geschichten von den Düften längst vergangener Zeit erzählen. Nach mir, so ahnt Shafi längst, wird nichts mehr sein –auch das schwerste Parfüm verweht einmal.



(Quelle: dpa/werg)

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