Das Dorf des 21. Jahrhunderts

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Wenn im Dorf des 21. Jahrhunderts Gottesdienst ist, dann wirkt das Dorf eher wie eines des 19. Jahrhunderts. Dies ist tiefste Provinz im angolanischen Busch, beim Schein einer einzigen Öllampe ehrt Pfarrer Felipe de Almeida das Wort Gottes. „Die Kirche Unseres Herrn Jesu Christi ist in schwärzestes Afrika getaucht.“ Das Dorf ist schwer zu erreichen. Ursula Langkamp und Manfred Bischofberger, zwei Mitarbeiter der deutschen Welthungerhilfe müssen kurz vor dem Ziel noch den Fluss Queve überwinden. Die alte Fähre war von südafrikanischen Truppen vor 21 Jahren zerstört worden, damals war Bürgerkrieg in Angola. Eine Brücke zu bauen lohnt sich offenbar nicht. Angola hat andere Sorgen.

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rmutsbekämpfung bis 2010

Auf der anderen Seite wartet ein Auto der Welthungerhilfe. Hier, im angolanischen Dorf Mangue wollen Ursula Langkamp und Manfred Bischofberger beweisen, dass man Armut innerhalb weniger Jahre beseitigen kann. Das Dorf Mangue soll ab Ende 2010 nicht mehr von fremder Hilfe abhängig sein. „Die Idee war: wir wollen Armutsreduzierung unterstützen, wir wollen gemeinsam mit der Bevölkerung an den Gesundheitsbedingungen arbeiten und diese verbessern, und den Zugang zur Bildung gemeinsam mit der Bevölkerung verbessern“, erklärt Ursula Langkamp von der Deutschen Welthungerhilfe in Angola. Oft ist es geradezu erschreckend, mit welch einfachen Mitteln geholfen werden kann. Mariana Frederico hat erst seit einem Jahr Zugang zu sauberem Wasser. Die Frau des Dorfpfarrers ist dankbar für diese radikale Veränderung. “Früher musste ich zwei Stunden aus dem Dorf hinaus laufen. Dort war eine Quelle. Jetzt haben sie eine Leitung von dieser Quelle bis ins Dorf gelegt. Ich muss nur noch 200 Meter weit laufen, und das Wasser ist immer sauber.“
Ein Fünftel aller Menschen weltweit hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. Aber was nützen dem Pfarrer Felipe de Almeida solche Zahlen? Was nützt es ihm zu erfahren, dass die Vereinten Nationen einen Menschen dann als arm bezeichnen, wenn er von weniger als 1 US-Dollar pro Tag leben muss? “Für mich ist Armut das, was ich jeden Tag sehe. Armut ist das, was ich habe. Wenn ich einen Dollar pro Tag hätte, dann wäre mein Leben viel besser. Aber ich habe keinen Dollar. Trotzdem haben sich meine Lebensbedingungen verbessert.“

Reichtum heißt in Mangue, dass sie jetzt eine Getreidemühle haben. Einer von den Dorfbewohnern soll lernen, wie man dieses Gerät in Schuss hält, wie man es repariert. Erschreckend zu sehen, dass sie selbst die einfachsten Dinge noch lernen müssen. Sie, deren Vorfahren Jahrhunderte lang nichts anderes als Ackerbau und Viehzucht betrieben haben, müssen jetzt die Grundregeln der Landwirtschaft neu erwerben. Der fast 30 Jahre währende Krieg in Angola hat einfachstes Wissen bei diesen Menschen vernichtet. Mittlerweile bauen sie eine Pflanze an, die gegen Malaria hilft. Denn in den Dörfern Angolas sterben die Menschen immer noch an Malaria. Die Welthungerhilfe hat den Gesundheitsposten des Dorfes wieder aufgebaut, ein Krankenpfleger der Regierung hilft bei einfachen Krankheiten. Einen Arzt aber wird die Gegend noch lange nicht haben.

Bildung als Schlüsselqualifikation


Albertina Quilombo bringt diesen Menschen die Regeln der Gesundheitsvorsorge bei. Weil in Angola noch bis Anfang 2002 gekämpft wurde, wissen die Menschen hier nichts davon, wie Krankheiten entstehen. „Sie müssen ganz einfache Dinge lernen. Dass man Müll nicht herum liegen lässt. Dass Abfälle Krankheiten verursachen. Dass man sich die Hände waschen muss. Dass sie Latrinen bauen.“ Nur jedes dritte Kind in Mangue kann die Schule besuchen. Die angolanische Regierung hatte versprochen, Schulbänke und Tische zu schicken, bis jetzt ist aber nichts geschehen. Die Tochter des Dorfpfarrers wird niemals eine höhere Schulbildung genießen können. „Um die Bildung auf einen westlichen Standard anzuheben braucht man einen ewig langen Vorlauf“, meint Manfred Bischofberger von der Deutschen Welthungerhilfe in Angola. „Den können wir als Projekt nicht leisten. Dafür braucht man qualifizierte Lehrer, und die gibt es in diesem Land momentan nicht.“ Man braucht auch Schulgebäude. Felipe de Almeida, der Dorfpfarrer und alle anderen Männer des Dorfes sollen dem Dorf Mangue eines für das 21. Jahrhundert bauen. Dies hat sich geändert in der Entwicklungshilfe: früher hätte man dem Dorf einfach eine neue Schule hingestellt. Heute heißt es: „Helft Euch selber, mit unserer Unterstützung.“

Die Menschen des Dorfes Mangue im angolanischen Busch sollen in drei Jahren in der Lage sein, auf eigenen Beinen zu stehen. Dorfversammlung: wie üblich eingeleitet mit Gesang. Wichtig ist es, die Dorfältesten mit einzubeziehen. Wenn die sich übergangen fühlen, können sie Projekte wie dieses über Jahre hinweg boykottieren. Und ab 2011 wird er bestimmen, wer die Getreidemühle reparieren darf. „Wir haben großes Glück, dass unser Dorf ausgesucht wurde. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas passiert“, sagt der Dorfvorsteher von Mangue Patiencia da Silva

Mangue wird es wohl schaffen. Aber die Vereinten Nationen sind von ihrem Ziel, die Armut weltweit zu halbieren noch meilenweit entfernt. Zu groß ist das Problem. „Selbst bei uns, im Kleinen, geht es zu langsam vorwärts“, beschwert sich einer. „Die Schule könnte längst fertig sein“. Ursula Langkamp beschwichtigt. „Baut lieber sorgfältig, als schnell“, sagt sie. Ein Dorf in Angola, von Zehntausenden allein in diesem Land. „Ich glaube nicht an Wunder, und man kann Wunder auch nicht in 4 Jahren bewirken“ so Manfred Bischofberger von der Deutschen Welthungerhilfe in Angola. „Aber dass man es schafft, einen Dollar pro Tag an Einkommen zu erreichen, das halte ich natürlich für möglich.“ Die drei jungen Kirchenmusiker in Mangue werden bescheiden bleiben müssen. Der einzige Laden im Dorf wird weiterhin nur selten ein paar Cent umsetzen, ein Anschluss an das Stromnetz liegt für das Dorf des 21. Jahrhunderts immer noch in weiter Ferne. Afrika läuft mit ganz kleinen Schritten einer besseren Zukunft entgegen.

(Quelle: WS)

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