Am Wegesrand der Andenrallye

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Zuschauer am Rand der Strecke (Quelle: SWR)Es ist ein festes Ritual hier in den Bergen von Catamarca. Eine Prozession am Fuße der Anden. Jedes Jahr Anfang Januar gehen die Bewohner dieser Region diesen Weg, auch Dina, die jetzt mit dem Tragen des Heiligenschreins an der Reihe ist. Es ist Ausdruck tiefster Gläubigkeit, weil man hier vor vielen Jahrzehnten ein Jesusbild aus purem Gold fand. Vermutlich einst verloren von den spanischen Conquestadores. Tradition wird hier großgeschrieben, die moderne, fortschrittliche Welt liegt fern, doch die rast bereits mit Höchstgeschwindigkeit heran. Die Catamarca, eine Provinz im Nordwesten Argentiniens, kaum besiedelt, eine grandiose Landschaft, unwirklich und faszinierend zugleich, eine der ärmsten Regionen des südamerikanischen Landes. Hier lebt Dina, sie stammt von den Quechua-Indianern ab. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich vor allem mit der Herstellung von typischen Decken und Bekleidung. Jetzt, da sie weiß, dass hier in wenigen Tagen sozusagen die Weltöffentlichkeit in Form der Rallye Dakar quasi an ihrer Haustür vorbeirauscht, hat sie alle Hände voll zu tun, denn sie will von diesem Spektakel profitieren. Sie möchte gerne ein bisschen was von ihren Produkten verkaufen, und hat entsprechend vorproduziert. Aber sie ist skeptisch und hat Angst. „Die Leute sagen, dass die Autos gefährlich sind. Die Leute sagen, die Autos nehmen keine Rücksicht auf Menschen. Ich habe Angst dorthin zu gehen, weil es gefährlich sein kann.“

Verfolgungsjagd im LKW (Quelle: SWR)Das sind die stählernen Monster, vor denen sie sich fürchtet und die immer näher kommen. Die 11. Etappe der Rallye Dakar, erstmals ausgetragen in Südamerika, ein paar hundert geländetauglicher Fahrzeuge, die sich auch hier in der Catamarca beweisen wollen. Hier, wo die Copacabana, ein längst stillgelegter Bahnhof passiert werden muss. Hier, wo Autos vor allem in Form solcher Wracks anzufinden sind, hier, wo auch Jonson Reynoso zuhause ist und sich unendlich auf die Rallye freut. Jonson ist leidenschaftlicher Sammler von allem, was irgendwie mit Autos zu tun hat, sein Grundstück in Fiambala, dem Etappenziel der Dakar, ist voll von solchen prähistorischen Utensilien. Er liebt Pferdestärken, hat auch welche von nur einem PS. Dabei hat der Rallyefreund Jonson einiges vorzuweisen. Als vor über 30 Jahren der Andenpass nach Chile, Passo San Francisco geöffnet wurde, fand dort auch gleich eine Rallye statt, die er mit seinem Bruder glücklich gewonnen hatte. Der Pokal ist der wichtigste Besitz der beiden. „Wir sind damals nur noch mit dem Skellet unseres Autos angekommen, der Rest war komplett zerstört“, erzählt Ruben Reinoso. „Durch die extremen Stöße und Bewegungen ist alles kaputt gegangen , danach konnten wir das Auto nur noch wegwerfen.“

Rennauto in der Wüste (Quelle: SWR)Die Region - nichts für Sonntagsfahrer, ohne Vierradantrieb ist man hier aufgeschmissen, demonstriert uns Jonson. „Wenn man mit hoher Geschwindigkeit durch diese Region fährt, muss man sich immer vergegenwärtigen, dass es hier große Löcher und kleine Canyons gibt. Die sind nirgendwo verzeichnet und auch nicht vorhersehbar.“ Will heißen, das ist eine unfallträchtige Region für Autofahrer. Selbst für Experten, wie die Teilnehmer der Dakar. Trotzdem, bewältigen die meisten die Catamarca und werden freudestrahlend von Rallyefreund Jonson erwartet. Das 11. Etappenziel der härtesten Rallye, fast 40 Grad im Schatten und auch Jonsons Betriebstemperatur ist kurz vorm kritischen Punkt, als er auch noch die Möglichkeit bekommt, einen der Piloten persönlich kennen zulernen und dessen Cockpit kurzzeitig erfühlen zu dürfen. Dieses Gesicht spricht Bände, was kann es schöneres geben in dieser sonst so verlassenen Region der Welt. „Als ich damals meine Rallye gefahren bin, war das ein kleines Fahrzeug mit einem aufgepepptem Motor. Aber das hier, eine Maschine, unbeschreiblich.... und ich kann hier sitzen und all das berühren.“ Das Spektakel, das Faszinosum Rallye Dakar hat es wieder einmal geschafft und die Euphorie, die überall in Argentinien und Chile ausgebrochen ist, auch bei Jonson explodieren zu lassen.

Rennen in der Wüste (Quelle: SWR)Und Dina? Seit Stunden ist sie bereits unterwegs mit ihren Decken und versucht sich vorsichtig dem Tross zu nähern. Sie hält meist gebührend Abstand, so wird das schwierig mit ihren Verkaufsabsichten. Ab und zu schafft es die 62-jährige all ihren Mut zusammen zu nehmen und doch noch einen Schritt näher an diese fremden, stinkenden und laut brüllenden Stahlkarossen heranzutreten, doch von ihren Decken nimmt kaum einer Notiz. Es ist kein guter Tag für Dina. „Ich hoffe, dass ich das nächste Mal mehr Glück haben werde.“ Damit verabschiedet sich Dina kurzerhand vorm Rallyegeschehen und hofft, dass die Dakar nächstes Jahr wieder kommt. Dieses Mal aber war das Jahrhundertereignis in der Catamarca für Dina eine große Enttäuschung.


(Quelle: SWR)

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