Ballett der Mörder...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

 

Screenshot, Youtube VideoEin Knast wie viele auf den Philippinen: Tausende Insassen, beherrscht von Drogen, Gewalt und Rechtlosigkeit. Niemand interessierte sich für die haarsträubenden Zustände.

Bis auf dem Internet-Videoportal YouTube ein Clip auftauchte, in dem sich die Häftlinge ihre Sorgen von der Seele tanzten - und der Gewalt abschwören.

Nun sind die Verbrecher Kult, mit einer Fangemeinde von zehn Millionen Internet-Nutzern. Ein Märchen, oder echte Reform?

Die Revolution hinter Gittern hören wir schon von draußen. Was aus dem Gefängnis auf Cebu über die Mauern dringt, ist ein Lied von Michael Jackson. 1.600 Häftlinge, jeden Tag zwei Mal tanzen sie sich ihre Sorgen von der Seele. Killer, Bankräuber, Drogendealer: Sie schwingen gemeinsam die Hüften - und sollen so auch zu besseren Menschen werden. Er hat sich das Resozialisierungsprogramm ausgedacht. Byron Garcia, Direktor und Musikfan.

Noch vor Kurzem ein Problemknast

Noch vor drei Jahren hätten wir nicht so entspannt an den Zellen entlang gehen können. Damals wurde Sicherheitsberater Byron Garica zu Hilfe geholt und zum Direktor ernannt. Denn die Häftlinge galten als unberechenbar. Drogen waren im Umlauf, Gangsterbanden gaben den Ton an. Ein Problemknast also - wie fast alle auf den Philippinen.

Direktor Byron Garcia erzählt: "Es gab viele Kämpfe. Sie gingen schon wegen Kleinigkeiten aufeinander los und haben sich grün und blau geschlagen."

Die meisten der Insassen sind Schwerverbrecher: Er sitzt wegen Mordes, sagt Byron Garcia und fragt dann in die Runde: "Wer noch?" Acht von zwölf melden sich - kein ungewöhnlicher Zellenschnitt hier.

Die Insassen warten alle noch auf ihre endgültigen Urteile. Die philippinische Justiz ist langsam, viele sind schon seit Jahren hier und werden noch weitere bleiben, ehe ihr Strafmaß feststeht. Nicht wenigen droht lebenslänglich. Früher hatten sie nichts zu tun - den ganzen Tag.

Was als Fitnessprogramm gedacht war, hat längst Showqualitäten

Jetzt sehen sie mindestens fünfmal pro Woche Gwen Lador, ihre Tanzlehrerin. Sie kommandiert das Häftlingsheer und braucht dafür weder Waffen noch Wärter. Das ist kein Theater, es funktioniert. Die Gefangenen sind wie verwandelt: Die Stimmung ist gut, keine Schlägereien mehr, Zusammenarbeit statt Bandenkämpfen. Was als Fitnessprogramm gedacht war, hat längst Showqualitäten. Der Direktor wählt die Musik aus, Schritte und Choreographien überlegt sich Gwen Lador, die den Job nur nach langem Zögern angenommen hat.



"Am ersten Tag hatte ich große Angst. Ich habe den Wärtern gesagt: Weicht mir bloß nicht von der Seite! Am dritten Tag hatte ich aber schon vergessen, dass ich vor Gefangenen stehe. Sie kommen mir jetzt vor wie Freunde und entwickeln sogar eigene Ideen", sagt Gwen Lador, Tanzlehrerin

Byron Garcia findet sein Programm revolutionär, denn vor allem das Tanzen, meint er, hätte die Häftlinge diszipliniert. Damit andere davon erfahren, hat er Videos auf die Internetseite YouTube gestellt. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Mehr als zehn Millionen Menschen haben die Clips schon gesehen, viele sind begeistert.



Das Tanzen hat die Häftlinge diszipliniert

Byron Garcia dazu: "Wegen der Videos sind, denke ich, auch die Familien stolz. Nehmen sie den Häftling, der in einem Video Michael Jackson spielt. Sein Sohn ist so stolz, dass er jetzt in der Schule prahlt: Mein Vater ist ein Tänzer. Wenn er früher gefragt wurde, wo der Vater sei, hat er nur geantwortet: Ich weiß es nicht."

Das ist der Michael Jackson von Cebu, angeklagt wegen Drogenhandel. Sogar seine in Schweden lebende Schwester erblickte ihn auf YouTube und sah, dass er keine Zähne mehr hat. Daraufhin organisierte sie aus der Ferne ein Gebiss für den neuen Internetstar. Das hat er gerade rausgenommen, für uns holt er es aus seinem Bett. "Das Tanzen", sagt Crisanto Niere, "hat vieles in meinem Leben verändert. Mein Körper ist durch das ständige Training wieder fit, und ich bekomme mehr Besuche von meinen Verwandten."

Kast-Tänzer mit weltweiter Fangemeinde

Die Häftlinge gefallen sich als Entertainer für eine weltweite Fangemeinde und arbeiten an immer phantasievolleren Auftritten. Die Knast-Schwulen sind besonders talentiert und bekommen häufig Soloeinlagen. Sogar der kleine Frauentrakt darf zwischen den Männer mittanzen. Nach den Übungen müssen sie alleine weitermachen, dann sind sie wieder streng voneinander getrennt.

Frage an eine Frau: Ob sie beim Training keine Angst habe? "Nein - es seien gute Männer, alle sind freundlich."

Die Reformen umfassen auch Arbeitsprogramme. Der kleine Lohn dafür geht auf Bankkonten, denn Bargeld ist in diesem Gefängnis nun verboten. So gibt es kein Glücksspiel mehr, keinen Diebstahl und dank scharfer Kontrollen auch keine Drogen. Ein Gefangenenrat vermittelt bei Problemen zwischen Insassen. Und wenn das nicht hilft, greift der Direktor hart durch, etwa mit Isolationshaft. Vor allem die philippinischen Richter sind beeindruckt.

Am Anfang haben alle den Kopf geschüttelt

"Sie konnten die Disziplin, die sie hier gesehen haben, nicht glauben. Die meisten Richter haben daher gesagt, die Insassen dieser Anstalt bekommen nur noch die Mindeststrafe. Das ist eine Sache, die wir dank der Tänze schon erreicht haben", beschreibt Byron Garcia.

Sonntag, Besuchstag: zur Unterhaltung Tanzeinlagen in kleiner Besetzung. Im Rhythmus der Gangster deren Kinder. Im Innenhof vereint Verbrecher und Familien. Angst vor Übergriffen oder gar Geiselnahmen hat niemand. Früher fühlten sich Gäste in dem Gefängnis weit unhohler.

Für aussagekräftige Rückfallstatistiken ist es noch zu früh. Aber von den Entlassenen Knasttänzern sind bislang nur wenige wieder straffällig geworden. Das Reformprogramm treibt immer neue Blüten, auch mal Standardtanz, die Frauenrolle übernimmt einer der transsexuellen Straftäter, es gibt mehrere in dem Gefängnis.

"Wir bekommen jetzt mehr Respekt von den anderen. Aber wichtiger ist, dass mich das Tanzen glücklicher macht. Ich denke dann nicht an meine Probleme. Durch den Erfolg auf YouTube bin ich stolz auf mich und meine Mitgefangenen", meint Häftling Wenjiel Resane.

Und da auf den Philippinen jeder gerne singt und tanzt, gibt auch die Tochter eines Häftlings für alle eine Soloeinlage. Als die Besucher weg sind, trainieren sie noch einmal für ihr neues Meisterstück. Rocken mit Besengitarre. Alle tragen neue schwarze Turnschuhe, die Spende eines Fans.

Am Anfang haben viele über die Reformen den Kopf geschüttelt. Jetzt klopfen die Kollegen an und wollen wissen, wie Byron Garcia das nur geschafft hat.


(Quelle: WS, Spreeblick, philippinentravellog)


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