Vom Knast zum Paradies

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Das Paradies war einmal die Hölle: "Insel der lebenden Toten" nannten die Filipinos früher das Eiland im südchinesischen Meer, denn Culion war einmal die größte Lepra-Kolonie der Welt. Im ganzen Land wurden Leprakranke wie wilde Tiere gejagt, um sie dann auf die Insel zu verbannen. Doch mittlerweile ist die Krankheit heilbar und niemand hier hat mehr Lepra.

Nun warten die Menschen auf Besuch von Touristen, denn Culion hat alles zu bieten, was sich Urlauber wünschen: Traumstrände, grandiose Aussichten, friedliche Menschen. Noch trauen sich nur wenige hierher.

Trauminsel an Trauminsel.

Wir fliegen zu einer Inselgruppe im südchinesischen Meer, abseits der großen Schiffahrtsrouten. Im Hafen der Hauptinsel suchen wir nach einem Boot zur Weiterfahrt. "Die meisten Touristen fahren zu den anderen Inseln, nach Culion fährt fast keiner", erklärt der Bootskapitän.

Culion - einst die weltgrößte Leprakolonie

"Culion”. Der Name löst in den Philippinen immer noch Angst und Grauen aus. Denn Culion war einst die weltgrößte Leprakolonie. Bis zu 7.000 Leprakranke lebten auf der Insel der Verbannten. Schon vom Wasser aus sehen wir die Mahnung an der Kirche: Ein "Alpha” steht für den Anfang, ein "Omega” für das Ende. Für die meisten Leprakranken bedeutete Culion das Ende - kaum einer verließ die Insel lebend.

Das Sanatorium. Vieles hier sieht noch aus wie vor 100 Jahren, als die Leprakolonie gegründet wurde. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied, dank eines neuen Medikamentes: Die meisten Betten hier sind leer. "Heute haben wir nicht einen einzigen Patienten mehr, der Lepra hat. Wir behandeln nur noch die Spätfolgen, etwa fehlende Gliedmassen. Das sind noch 160 Fälle", sagt Dr. Arturo Cunanan vom Culion Sanatorium.

"Insel der lebenden Toten” - so nannte man Culion früher. Leprakranke wurden im ganzen Land wie wilde Tiere gejagt, um sie dann hierhin zu deportieren. "Meine Mutter rannte noch hinter dem LKW her, mit dem sie mich abholten. Ich war da 8 Jahre alt. Der LKW fuhr sehr langsam. Am Hafen versuchte meine Mutter dann noch, auf das Schiff zu springen", erzählt Esther Pajas, eine ehemalige Leprakranke.

Die ehemaligen Lepra-Patienten haben ein eigenes Lied:

‚Ich träumte von einem schönen Leben
Doch eines Tages wachte ich in Culion auf
Der Himmel wurde schwer und dunkel
Mein Herz zerbrach
Ich konnte nicht aufhören zu weinen.
Das Leben ist so grausam.’

Der Alptraum ist vorbei

"Es wäre schön, wenn mehr Touristen hierher kämen", wünscht sich der ehemalige Leprakranke Manuel Capao. "Das wäre ein Ausgleich für all die Qualen früher. Wir waren aus dem Bewusstsein der Außenwelt gelöscht, die dachten, wir sind hoffnungslos verloren. Aber jetzt gibt es das Medikament."

Knapp 20.000 Menschen leben auf Culion, die meisten ehemalige Leprapatienten oder Verwandte. Auch die Architektur erinnert noch an die Vergangenheit. Doch keiner hier auf der Insel hat mehr Angst vor Lepra, keiner wird diskriminiert. Schließlich wissen alle, dass der Alptraum vorbei ist.

Die Verletzungen sitzen tief

Dafür sitzen die Verletzungen aus der Vergangenheit tief. Hilarion Guia zeigt uns die Gräber seiner Brüder. Insgesamt sechs Geschwister hatten Lepra. Für fünf von ihnen kam die heilende Medizin zu spät, nur er selbst überlebte. Uns gegenüber ist er erst mal vorsichtig:
"Ich habe zwar Verstümmelungen, aber keine Angst, ich bin nicht mehr ansteckend!

Wir Leprakranken hatten sogar unseren eigenen Friedhof, das hier sind alle unsere Leute. Die Gesunden hatten ihren eigenen Friedhof. Wir waren selbst im Tod noch getrennt."

Trennung von den Gesunden - ein Lebensschicksal mit fürchterlichen Folgen. Leprakranken Müttern wurden die Kinder weggenommen. "Nie, nie konnte ich mein Kind berühren, nicht küssen, nicht riechen", sagt Clarita Urmeneta traurig.
"Wir durften nur das Glas küssen. Unsere Kinder waren hinter einer Scheibe", erinnert sich Corazon Diaz.

Auch die Kinder litten unter der Trennung. Wie Anacleto Roxas, Sohn einer Leprakranken: "Ich kann mich an meine Eltern nicht erinnern. Erst kam ich ins Heim, mit fünf sogar ganz weg von der Insel. Erst mit 18 bin ich wieder hierher gekommen, um meine Eltern zu suchen - da waren sie schon tot."

Früher ein Gefängnis, heute ein Paradies

Die Leprakolonie Culion war die Hölle. Doch seit einigen Jahren sind alle hier frei. Warum sind sie trotzdem geblieben? Clarita Urmeneta dazu: "Wo sollen wir denn hin? Wir haben kaum noch Verwandte außerhalb, und wenn, dann schämen die sich auch noch für uns. Wir sind vergessen und aufgegeben. Dies hier ist unser Paradies, unsere Heimat."

Früher ein Gefängnis, heute ein Paradies. Hotelklötze oder Gewerbegebiete gibt es hier nicht. Friedliche Menschen, grandiose Aussichten, Traumstrände - Culion wartet auf Touristen. Jetzt endlich hat sich ein Investor gefunden, trotz des Stigmas. "Die Filipinos denken immer noch, dies sei eine Leprakolonie. Aber das ist mir egal, mich interessieren Europäer, die stört das nicht", meint Tourismus-Investor Manolo Torres.

Hilarion Guia kann wieder in seinem Beruf arbeiten, als Lehrer. Die vielen gesunden Kinder sind die Hoffnung der Insel, sagt er. Doch die Rückkehr in die Welt der anderen ist immer noch schwierig: "Hier auf Culion gibt es keine Diskriminierung mehr. Aber wenn unsere Kinder rausgehen, nach Manila etwa, müssen sie immer noch Angst haben, ausgegrenzt zu werden."

Von der Hölle zum Paradies? "Auf dem Weg dahin", sagen viele in Culion. Sie wünschen sich Besucher, die keine Angst mehr vor ihnen haben. Das wäre dann das Happy End.


(Quelle: WS/werg)

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