Papillon lässt grüßen

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Gefängnisinsel im Paradies

Ankunft auf der Isla Maria Launige Ständchen an der Hafenmole – einmal die Woche fährt ein Marineschiff die Isla Maria an. Familienangehörige herzen sich, die Besucher reihen sich mit ihrem Gepäck auf – für einen Moment könnte man das für eine Urlaubsidylle halten. Doch solche Illusionen werden schnell vertrieben – mit dem Schiff kommen jeden Donnerstag auch neue Häftlinge auf das Eiland im Pazifik. Die Isla Maria ist schon eine besondere Gefängnisinsel – Sonne, Strand und Palmen grüßen die Neuankömmlinge. Und diejenigen, die schon länger hier leben, lassen es sich gut gehen.


Wie im richtigen Leben

Auf der Gefängnisinsel Isla Maria
Araseli Ochoa kauft noch ein Stück Kuchen, dann flaniert sie mit ihrem Mann Manuel und Kind durch das Dorf. Er verbüßt eine elfjährige Haft wegen Drogenhandels, doch in eine Zelle muss er nicht. Die Häftlinge leben hier mit ihren Familien ganz normal zusammen, in diesem Knast sind die Mauern aus Wasser – die Insel liegt hundert Kilometer vor Mexikos Küste. „Wir genießen das Leben, es ist doch wie im Traum hier“, sagt der Häftling Manuel Rocha Sainz. „Als ich hier ankam, musste ich fast weinen, so schön ist es hier.“ Manuel hat sich zum Schreiner ausbilden lassen und geht nun einer regelmäßigen Arbeit nach. Das ist die Philosophie der Behörden: es soll zugehen wie im richtigen Leben – so sieht die Rehabilitation auf der Isla aus. „Ich habe hier gelernt, die Ausbildung und die Arbeit zu respektieren. Und das kann ich fast in Freiheit tun, es gibt keine Gitter, kein Gefängnis.“


Die Familien bleiben zusammen

Die ehemaligen Salinen der Isla MariaRund tausend Häftlinge leben in schlichten Häusern zusammen mit ihren Familien – bis zu zehntausend Bewohner könnten es in ein paar Jahren sein. Es gibt alles, sogar eine Schule. Das Kinder in so einer Umgebung aufwachsen, ist nicht unumstritten, aber das Leben in der Familie hat einen Wert an sich. Manuels Sohn Ramon fühlt sich jedenfalls sehr wohl. „Es ist schön, dass ich mit meinem Vater zusammensein kann, sagt er, und außerdem habe ich viele Freunde hier.“ „Uns ist bewusst, dass die Kinder hier mit Kriminellen aufwachsen“, erklärt die Schulleiterin Yadira Elizabeth Nanjarrez. „Aber das bedeutet ja nicht, dass diese Menschen von Grund auf schlecht sind. Sie verändern sich ja.“ Drei Mal am Tag müssen sich die Häftlinge im Dorf zum Appell versammeln – dann geht es militärisch zu. Doch an Flucht denkt hier kaum einer, auch Manuel nicht. Seine Insel sieht der liberale Gefängnisdirektor Armando Real in einer Reihe mit dem südafrikanischen Robben Island, auf der einst Nelson Mandela inhaftiert war. Auch von der Isla Maria soll ein Signal der Versöhnung ausgehen. In den letzten zehn Jahren ist dieses einmalige Modell entwickelt worden – hierhin kommen nur Häftlinge mit einer günstigen Prognose und einem niedrigen Verbrechensprofil. Natürlich kann man mit dieser atemberaubenden Offenheit nicht den brutalen Drogenkartellen beikommen, die derzeit Mexiko in Atem halten – aber man kann die Tausenden von Mitläufern zum Umdenken bringen. Wer auf der Insel war, wird kaum noch rückfällig. „Wir wollen in diesem Sinne eine Vorreiter-Rolle in der Welt spielen“, sagt der Direktor, „wir wollen rehabilitieren, aber auch, dass die Wärter hier mit einem anderen Bewusstsein und einem anderen Herzen arbeiten.“


Voraussetzung: eine günstige Prognose

Die stillgelegten Salinen erinnern daran, dass dies nicht immer so war. Vor fünfzig Jahren war die Isla Maria ein berüchtigtes Gefängnis für Verbrecher, die durch schwerste körperliche Arbeit gebrochen werden sollten. Damals hatte die Insel einen Ruf wie Alcatraz. Fernandez Castillo hat noch in den Salzgruben arbeiten müssen, er kennt die beiden Seiten der Isla Maria. Vor über vierzig Jahren wurde er wegen Mordes zu lebenslänglich verurteilt, 20 Jahre hat er davon auf der Insel verbracht. „Viele der Mitgefangenen wollten damals lieber in Einzelzellen eingesperrt werden, weil die Arbeit hier im Salzsee, in ständiger Hitze, unmenschlich war. Nicht wenige sind dabei zusammengebrochen.“ Nun arbeitet der 68jährige als Wächter im örtlichen Supermarkt und genießt die Aufgabe. Von den Behörden ist ihm eine günstige Prognose und eine wahrscheinliche Freilassung in Aussicht gestellt worden, aber er ist sich gar nicht sicher, ob er das noch will. „Sehen Sie, mir geht es doch im Vergleich mit dem Leben auf dem Festland richtig gut.“


Die Isla Maria ist ein Segen

Manuel Rocha und seine FrauAuf der Isla Maria ist man ein wenig zum Leben im Paradies verurteilt – das finden auch Manuel Rocha und seine Familie. Natürlich sehnen sie sich das Ende seiner Gefängnisstrafe herbei, aber die Isla Maria hat auch viele Vorteile. Seiner Kinder würden hier ohne schädliche Einflüsse und ohne Verbrechen aufwachsen, sagt Manuel, und meint das ganz ohne Ironie. „Die Insel bietet uns viele Möglichkeiten, erklärt er, beruflich und in der Familie. Für uns ist die Insel ein Segen.“ Sagt es und muss sich um acht Uhr abends zum letzten Appell melden – eine Erinnerung daran, dass dies tatsächlich ein Gefängnis ist. Und dann geht er, wie jeder normale Familienvater, nach Hause.

(Quelle: SDR)

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