Im Herzen der Propaganda

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Vielen Dank, geliebter Vater, Kim Jong-Il...

Feierlichkeiten in Pyongyang, NordkoreaSchüler bringen sich in Stimmung. Jeder hat ein Buch mit vielen bunten Seiten. 20.000 Jungen und Mädchen machen Farbenspiele – zum Aufwärmen für das Massenspektakel Arirang. Dann lässt Nordkoreas Regime das Volk antanzen: Die Schüler werden zur Berglandschaft. Eine Propaganda-Show beginnt, die ihres Gleichen sucht – mit gut 100.000 Mitwirkenden.

Das Dauerlächeln gehört zum Auftritt

Pong Sim Om ist eine davon. Am Nachmittag vor ihrem Auftritt treffen wir sie in der Hochschule für Musik und Tanz in Pjöngjang. Die 18-Jährige gilt als großes Talent und tritt schon im Theater auf. Zwei Monate haben die jungen Frauen für Arirang trainiert. Wenn das Regime zum Tanz bittet, muss jeder begeistert mitmachen. Widerspruch wird nicht geduldet. Das Dauerlächeln gehört zum Auftritt, erklärt Pong Sim Om. „Wir tanzen, um den Zuschauern Freude zu bereiten. Deshalb wollen wir ihnen ein Lächeln schenken, damit auch sie lächeln“, erklärt Tänzerin Pong Sim Om.

Nordkoreaner können das gebrauchen: Gut die Hälfte der Bevölkerung hat nur zwei Mahlzeiten am Tag, viele sind chronisch unterernährt. Ohne ausländische Hilfe wäre die Lage noch schlimmer. Die Propaganda macht den Erzfeind USA für die Missstände verantwortlich – wer die Ursachen beim Regime selbst sieht, landet im Umerziehungslager. Die Planwirtschaft liegt schon lange am Boden – die Fabriken marode, nur wenige produzieren noch mehr schlecht als recht.

Massenspaktaktel statt Arbeit

Es gibt kaum Arbeit, aber alle sind beschäftigt. Inlineskaten, nicht zum Spaß. Die Bevölkerung muss seit Wochen üben, jeden Tag, sogar nachts, für ein weiteres Massenspektakel. So einstudiert müssen sie vor Diktator Kim Jong-Il am 9. September marschieren – dem 60. Jahrestag der Staatsgründung.

Die Tanzstudentinnen fahren vom Unterricht ins Stadion. Ein Leben ohne Internet – abgeschottet von der Außenwelt. Amerika der Feind. Pong Sim dürfen wir nur zu Arirang befragen. Einige Male hat sie schon getanzt als Kim Jong-Il im Publikum saß. Da war sie unbeschreiblich glücklich, sagt sie. Der maßlose Führerkult wird Nordkoreanern von klein an eindoktriniert.
„Es ist für mich eine Ehre, bei Arirang mitzumachen. Durch die Aufführung können wir dem großen General Kim Jong-Il eine schöne Zeit bereiten, damit er sich auch mal erholen kann“, erklärt Pong Sim Om.

Kim Jong-Il und sein Vater, der tote Staatsgründer, allgegenwärtig. Freie Fahrt, es gibt nur wenige Autos im Land. Auch unterwegs: Massentraining fürs Staatsjubiläum.

Schon Stunden vor der Aufführung sind am Stadion des 1. Mai die meisten Teilnehmer eingetroffen. Massengymnastik und Propagandatheater - mit Arirang, so soll das Volk die Großartigkeit seiner Führung preisen.

Der Einzelne ist nichts, dass Kollektiv alles

Staatsziel Wiedervereinigung: Das ist Pong Sims Szene. über den Bruderstaat wissen die Mädchen nur, was die Propaganda sagt – und das ist meistens falsch und selten freundlich. Tanzender Teil eines vereinten Koreas zu sein – gilt trotzdem als große Ehre. Unermüdlich müssen sie ihren Auftritt proben, damit ja keine aus der Reihe tanzt.
„Ich kann nicht sagen, was passiert, wenn jemand etwas falsch macht“, sagt Choreograph Pong Su Lee. „Es wurden bisher keine größeren Fehler gemacht.

Platz für 150.000 Zuschauer – das größte Stadion der Welt. Das Regime liebt Prachtbauten und baute daher auch eine Pyramide in Pjöngjang. Doch schon vor Jahren wurden die Arbeiten an dem Hotel eingestellt. Geldmangel und Probleme mit der Statik. Jetzt wird die Ruine zum Sendemast für ein Mobilfunknetz. Geschenk an die kleine Elite, kaum jemand sonst wird sich ein Handy leisten können. Und Auslandsgespräche bleiben ohnehin in weiter Ferne.

Noch über eine Stunde bis zur Show. Die läuft zwei Monate lang fast täglich. Von den Olympischen Spielen hat das Staatsfernsehen Ausschnitte gezeigt – auch von der Eröffnungsfeier. „Im Unterschied zu uns wurde viel Technik eingesetzt“, findet Om Pong Sim, aber das ist einfach. Bei uns hingegen machen viele Menschen eine Bewegung. Das zeigt die Geschlossenheit unseres Volkes.“


 Der Eintritt ist für die meisten frei, nur Ausländer müssen bis zu 200 Euro zahlen. Wahrend das Publikum ins Stadion strömt, müssen einige bis zum Showbeginn weiter Trainingsrunden drehen. Perfekt synchron – so wünscht es Kim Jong-Il.

Auf Kommando verwandeln sich die Schüler dann in ständig wechselnde Hintergründe. Der Einzelne ist nichts, dass Kollektiv alles - soll wohl die Aussage sein. Auf der Gegenseite – auch das Klatschen synchron. Was Nordkoreaner wirklich über all das denken, weiß niemand.
Jede Szene ein Kniefall vor dem Regime

Erzählt wird die Geschichte des Landes durch die Propagandabrille: der Widerstand gegen die brutale japanische Kolonialmacht, der Korea-Krieg, und der Aufbau des vermeintlich blühenden Sozialismus. Jede Szene ein Kniefall vor dem Regime. Im Publikum auch Touristen und Geschäftsleute aus Europa und Amerika, die staunend auf den Rasen blicken. „Es ist schon erstaunlich“, meint ein Brite. „Ich dachte die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele sei brillant gewesen. Aber das hier ist viel besser.“

Zwischen der Propaganda: Wahre Helden der Lüfte. Artisten aus Pjöngjangs Zirkus fliegen einmal quer durchs Stadion ins Netz.


Pong Sim Oms Auftritt – strahlend - vorne in der Mitte. Die beiden Koreas sind zwar so zerstritten wie lange nicht mehr – aber tänzerisch ist die Vereinigung wieder geschafft - wie immer fehlerfrei – nur Kim Jong-Il hat es nicht gesehen. „Manchmal sei sie am Abend etwas erschöpft“, sagt Pong Sim Om, nach ihrem Auftritt. „Aber langweilig wird mir nie. Ich tanze jedes Mal so, als würde ich vor dem großen General Kim Jong-Il tanzen. Das macht mich immer fröhlich.“

Augenzwinkernde glückliche Kinder im Sozialismus. Dass viele nicht satt werden und in den 90er Jahren unzählige verhungerten, passt hier nicht her. Dafür werden Grundschüler schon gedrillt und auf Linie gebracht. Am Ende müssen sie wie aus einer Kehle schreien: Vielen Dank, geliebter Vater, Kim Jong-Il.

(Quelle:Mario Schmidt/ ARD/werg)

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