Der Hutong

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Friseur von Peking

Friseur Jing Herr Jing ist ein Geniesser. Jeden Zug aus seiner Zigarette inhaliert er. Während er so dasitzt und beredt schweigt. Von draussen kriecht der beissende Frost durch die alten Mauern. Zehn Quadratmeter misst die Stube, die sich Herr Jing mit seiner Frau teilt. Viel ist ihm nicht geblieben, dem ältesten Friseur von Peking, der einmal zwei Salons besass. „Vor genau 50 Jahren wurde mir alles genommen. Mein Geschäft haben die Kommunisten verstaatlicht und mich dann gefragt, ob ich als einfacher Angestellter arbeiten möchte. Das wollte ich nicht und bin gegangen.“

Friseur auf Hausbesuch

Altstadt von Peking Pekings flache Altstadt liegt den neuen Hochhäusern zu Füssen. Hier ist Herr Jing zu Hause: in den Hutongs, den schmalen Gassen, wo Peking so aussieht wie in seiner Kindheit. Auch mit 95 macht der Friseur noch Hausbesuche. Wenn er zu seinen Kunden geht, dann packt er die Instrumente aus, als wäre er ein Arzt. Herr Li hat den Barbier zu sich bestellt. Ein Schlaganfall fesselte ihn an den Rollstuhl. Jetzt kann er sich nicht mehr selbst rasieren. 80 Jahre ist Meister Jing nun schon Friseur. Eine staatliche Rente bekommt er nicht, der bürgerliche Salonbesitzer von einst. Dafür aber blieb er sich selbst treu. Genau wie beim Thema Trocken- oder Nassrasur. „Diese neumodischen Elektrorasierer taugen nichts. Die Dinger können nicht so glatt rasieren wie meine Klingen.“ Herr Jing ist nicht nur der Friseur. Er nimmt sich Zeit und bringt seine Kunden zum Lachen.
„So jetzt sind wir fertig. Deine Augenbrauen hab ich gestutzt. Du siehst glatt zehn Jahre jünger aus! Aber Du sollst mal raus an die frische Luft. Dieses ewige Herumsitzen zu Hause ist nicht gut.“

Die Dianmen-Strasse, mitten in Peking. Herr Jing muss nicht lange suchen, um seinen alten Friseur-Laden zu finden. Oder was von ihm übrig blieb. 30 Jahre hat er hier gelebt. Unten war der Salon in bester Lage und oben die kleine Wohnung. „Nach der Kulturrevolution, Ende der 70er Jahre, wollte ich mein Haus zurück. Aber der Beamte von der Behörde hatte es verkauft und das Geld in seine eigene Tasche gesteckt. Am Ende bekam ich noch 60 Euro Entschädigung.“ Abgerissen und Pflaster für teure Grundstücksspekulationen. Herr Jing raucht hastig. Viel sagen mag er nicht mehr.

Der Friseur als Filmheld

Friseur Jing bei der Arbeit Das Leben des alten Friseurmeisters ist inzwischen auf Zelluloid festgehalten. In einem Kinofilm, der noch in diesem Jahr in Europa gezeigt wird, spielt Herr Jing sich selbst. Auf seinem Dreirad radelt der Barbier zu seinen Stamm-Kunden. Sie reden nicht viel – wenn, dann über ihre Jugend und ihr Leben im Hutong. Eine zeitlose Idylle, bis sich Herr Jing eines Tages auf eine Reise in das andere, neue Peking begibt. Das Peking, in dem Geld alles zählt und Altes lästig ist. Ein Freund von Herrn Jing, todkrank und verwirrt, wünscht sich den Friseur herbei. Dieser letzte Wille wird dem Alten erfüllt. Wenn auch zum Missfallen der verzogenen Schwiegertochter. Rührend – die letzte Rasur. Als der neureiche Sohn den alten Friseur grosszügig entlohnen will, sagen Blicke mehr als Worte.

Das Geheimnis des hohen Alters

„Ich finde, heutzutage sorgen sich die Menschen nur noch ums Geld. Geld ist keine gute Sache. Mit zu viel Geld belastet man sich nur unnötig. Die Menschen wollen immer mehr besitzen. Dabei können wir ohne viel Geld einfacher und unbeschwerter leben.“ Nun, auch Herr Jing liebt es, um Geld zu spielen. Wenn auch nur um Minibeträge. Gerade hat er eine Glückssträhne im Mahjong, dem alten chinesischen Spiel. Die Verlierer am Tisch wirken zerknirscht. Der alte Mann und sein Mahjong: Es gehört zu seinem Leben dazu wie die Schachtel Zigaretten, die er täglich raucht. „Das Geheimnis meines langen Lebens? Jeden Abend nach dem Essen ruhe ich mich aus. Nur eine halbe Stunde, auf keinen Fall länger! Sonst würde ich die ganze Nacht wach liegen. Ich bin über 90 und kann noch Mahjong spielen. Ich sollte dankbar sein!"

Nur wer jenseits von Wut und Ärger stehen kann, der lebt lange. Ein Satz – nicht von Konfuzius, sondern vom ältesten Friseur Pekings, den das Leben weise machte.


(Quelle: ws/werg)

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