Leben im Auto

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Die „Mobile Bevölkerung" 

Unterwegs fühlt Rick sich am wohlsten. Und unterwegs in seinem Auto ist er meistens. In der schönsten Gegend von Amerika, wie er findet. In Santa Barbara im Süden Kaliforniens. Hier am Straßenrand hält er oft an und macht eine Pause, mit Blick auf die riesigen Villen direkt am Meer.

„Ich könnte mir sowieso keins leisten,“ sagt Rick. „Also denke ich nicht darüber nach, ob ich gerne ein Haus hätte. Ich bin dankbar für das, was ich habe. Wer sich freut über das was er ha, braucht nicht immer noch mehr.“

Rick hat kein Haus, nicht mal eine Wohnung. Rick wohnt in seinem Auto.

Auch Shaw ist meist unterwegs – auf der Suche nach Leuten wie Rick. Shaw nennt sie die „mobile Bevölkerung“ – Menschen, die in ihren Autos leben. Und davon gibt es hier im reichen Santa Barbara immer mehr. Manche leben in Wohnwagen, andere sogar in PKWs. Wenn einer die Fenster verhängt hat oder tagsüber lange in seinem Auto sitzt, sagt Shaw, dann ist die Chance groß, dass er dort auch lebt. Shaw arbeitet für eine kleine Hilfsorganisation, die bei der Stadt durchgesetzt hat, dass die Autoschläfer auf öffentlichen Parkplätzen stehen dürfen. Sie brauchen eine Lizenz und müssen sich an Regeln halten – nicht trinken, keine Drogen, keine Möbel vor den Autos.

Lee wohnt erst seit einem Monat in ihrem kleinen Mazda. Um die Neuen, sagt Shaw, müsse man sich besonders kümmern. Er schaut regelmäßig bei ihnen vorbei. Von Lee will er wissen, ob sie auch genügend warme Decken hat. Ob sie vielleicht noch einen Schlafsack brauche?
„Nein,“ sagt Lee, „ich habe genug. Mehr passt gar nicht in den Kofferraum. Ich bin ja schon zu groß für das Auto.“

Lee war lange krank und hat darüber ihren Job als Pflegerin verloren. Die Ersparnisse reichten für drei Monate Miete, dann war sie auf der Strasse. Versichert ist sie nicht.
„Eine Toilette zu finden ist das größte Problem. Ich habe eine Freundin, die lässt mich morgens duschen und am Computer meine Post checken. Ich habe noch Glück. Wie die anderen das machen, kann ich mir nicht vorstellen. Aber wenn ich Shaw nicht gefunden hätte und sein Parkplatzprogramm, dann wäre ich jetzt ganz unten. Ich wüsste nicht, wie ich weiterleben sollte.“

Shaw sammelt Nummernschilder. Von denen, die es geschafft haben und wieder aus dem Auto raus sind. Er hat auf seinen Erkundungsfahrten in Santa Barbara 350 Autos gezählt, in denen permanent jemand lebt. Wer in sein kleines Büro kommt und unterschreibt, sich an die Regeln zu halten, dem besorgt er einen sicheren Stellplatz.

„Die meisten haben ihr Leben lang gearbeitet. Dann sind sie auf der Strasse gelandet - und bekommen null Unterstützung. Mich macht das wütend. Ich kenne alle meine Leute, die wollen nichts geschenkt. Die brauchen nur Hilfe, so was wie eine Krücke, mit der sie selbst weiterkommen können.“

Rick hat sich eingerichtet in seinem Leben auf der Strasse. Seit 25 Jahren lebt er in seinem Wagen. Chronische Krankheit, Job verloren, Schulden – auch er hat die klassische Karriere hinter sich. Aber Rick hat sich arrangiert. Und wie. Auf dem Dach Solarzellen und ein Windgenerator, eine komplette Stromversorgung hat er sich gebastelt. Rick ist unabhängig.

„Die Batterien sind allein mit Sonne schon am Mittag wieder aufgeladen, das reicht dann bis zum nächsten Morgen,“ sagt er.
Es ist doch klasse, wenn man Eigentum in Santa Barbara hat. Nicht viele Leute haben abbezahlte Eigenheime hier. Ich schon. Es sieht vielleicht nicht so schön aus, aber es ist mein Zuhause.“

Lee sagt, sie hätte ihre größte Krise überwunden. Sie sucht nach einem neuen Job. Und sie hat Wahlkampf gemacht, für Barack Obama. Weil man sich das Land zurückholen müsse, sagt sie. Von denen, die es geplündert haben.

„Es braucht gar nicht viel, um einen Menschen abstürzen zu lassen. Ich bin geschockt, wie schnell man ganz unten ist. Und Obdachlos. Wir müssen unser Land neu bauen. Mit Krankenversicherung. Mit Zukunft für alle. Wir haben viel zuwenig Hoffnung.“

Rick bekommt nicht oft Besuch in seinem Wagen. Für uns hat er Hausputz gemacht. Gemütlich hat er es auf seinen acht Quadratmetern. Es gibt nur zwei Nachteile, wenn man im Auto lebt, sagt er – die hohen Benzinpreise und: die Einsamkeit.

„Es zieht dich runter, wenn du allein bist. Und ich bin immer allein mit mir.
Ich habe einmal fast geheiratet, aber dann ging es doch kaputt. Eines Tages finde ich das richtige Mädchen. Aber sie muss wohl in einem Auto leben, damit sie mich mag.“

Das ist Rick in Arbeitskleidung – er hat einen Job. Als Chauffeur bei einem Limousinenverleih. Rick arbeitet auf Abruf – jetzt im Winter hat er meist nur am Wochenende Aufträge. Seine Passagiere ahnen nicht, dass er auch seine Nächte in einem Auto verbringt. Einmal, sagt Rick, möchte er auch hinten sitzen in so einem Auto. „one day I want to be the one in the back“

Ricks Traum von der Zukunft: eine nette Frau finden, einen größeren Wohnwagen anschaffen und den in Santa Barbara parken.

Shaw ist auch an den Abenden unterwegs. Besucht seine Leute auf den Parkplätzen, checkt, ob sich alle an die Spielregeln halten. Auch Shaw will, dass sich etwas ändert im Land. Dass der Staat sich kümmert um seine Bürger. Auch um die schwächsten.
„In den dreieinhalb Jahren, die ich das jetzt mache, habe ich eins kapiert: die Leute in den Autos sind Menschen wie wir alle. Studenten, Arbeiter, Rentner. Und: jeder von uns kann in diese Lage geraten.“

Leute wie Lee. Mit Ausbildung, mit gutem Job – aber ohne Krankenversicherung. Um sie aus der Bahn zu werfen, reichte ein starker Rheumaschub. Die Nächte im Auto sind Gift für sie. Über die Zukunft will sie nicht nachdenken, nur über die nächsten paar Wochen. Spätestens dann will sie wieder einen Job haben. Und in einem Bett
schlafen.


(Quelle: ws/werg)

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