Die Enkel der "Kulturrevolution"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Dörfliches Idyll mitten in Peking

Mühelos schultert er den 20-Liter-Kanister. Aus den Tiefen des Lagers holt Pan Zheng Dong ihn hervor. Sein Laden: ein Labyrinth aus Kisten, Getränkepaletten und Wasserbehältern. Draußen vor der Tür ruft der Kohlehändler nach Kundschaft – ein dörfliches Idyll, mitten in Peking. Drinnen wird der Dachboden leer geräumt für die neue Lieferung.

Pan, der Getränkehändler, ist 30 und sein eigener Chef. Mit 15 zog er von zu Hause weg, aus Südchina, wo die Eltern zu arm waren, um ihn weiter zur Schule zu schicken: „Die erste Zeit in Peking war furchtbar. Ohne Geld in der Tasche. Ich traute mich nicht, Leute anzusprechen. Weil sie hören könnten, dass ich aus der Provinz kam. Ich hatte nichts. Es war kaum auszuhalten.“

Als Pan geboren wurde, öffnete sich China der Welt. Maos Enkel sind heute längst erwachsen.

Xiang Yis Welt

Xiang Yi betreibt Yoga-Studios. Ihre Trainingsstunde ist eine Schweiß treibende Angelegenheit. Hot-Yoga bei schwülen 42 Grad. Xiang Yis Eltern haben es im chinesischen Ölgeschäft zu Reichtum gebracht. Sie musste nie um etwas kämpfen. Auch nicht um ihren Sportwagen. Den kaufte sich Xiang Yi kurz vor Olympia. Die 30-jährige hat einen Hang für teure Autos, das erste war ein japanischer Jeep.

Xiang Yi, Yogalehrerin:
„Stress im Job? Das ist nichts für mich. Wenn ich zu erschöpft bin, gehe ich gar nicht erst arbeiten. Das Schlimmste ist doch, körperlich und geistig verausgabt zu sein.“

Stolz aufs Vaterland

30 sein in China: Eine Kindheit in den Jahren des Aufschwungs. Eine Jugend voller Stolz auf das Vaterland. Tang Jie promoviert in Philosophie an Shanghais Elite-Uni Fudan. Er verehrt Deutschlands Denker und liest Hegel im Original. Doch sein Verhältnis zum Westen ist getrübt seit der Tibetkrise im Frühjahr. Voller Wut im Bauch bastelte Tang Jie ein patriotisches Internet-Video: Er zeigt Bilder von gewalttätigen Mönchen, empört sich über die Kritik aus dem Ausland, vergleicht westliche Medien mit Hitlers Propagandaminister. Er verurteilt die Störenfriede des olympischen Fackellaufs und ruft auf: China 2008, erhebe Dich!

Tang Jie, Philosophiestudent:
„In meinem Video wollte ich zeigen, dass ich gegen ein unabhängiges Tibet bin und für die nationalen Interessen meines Vaterlandes. So wie ich denken viele junge Chinesen. Es geht um die Idee, um das Konzept Chinas.“

15-Stunden-Arbeitstag

In Peking startet Pan gerade seine nächste Kurierfahrt. 15 Stunden, oft auch mehr arbeitet er am Tag. Für Internet und Videos hat Pan keine Zeit. Doch auch er ist im Herzen ein Patriot. Pan beliefert kleine Lebensmittelgeschäfte, hat sich zu einer Art Getränkegroßhändler hochgearbeitet, hier in seinem Hutong-Viertel mit den engen Gassen.

Pan Zheng Dong:
„Wenn ich es mir aussuchen könnte, dann würde ich auch lieber als Angestellter im Büro sitzen. Ich schufte rund um die Uhr. Ehrlich, nur wenige in meinem Alter arbeiten so hart wie ich.“

Ein Kind der 80er

Xiang Yi, die Yogalehrerin, bei ihrem Lieblingshobby: shoppen. In Pekings edelstem Konsumtempel, gar nicht weit weg von Pans kleinem Getränkeladen. Im Land der gefälschten Luxus-Handtaschen entdecken die Chinesen inzwischen die Originale westlicher Modemarken. Xiang Yi würde niemals Fake kaufen. Und findet: Die richtige Marke zeigt den eigenen Status an.

„Ich bin ein Kind der 80er Jahre. Damals gab es in den Geschäften nichts zu kaufen. Weil ich die alten Zeiten noch miterlebte, habe ich jetzt umso mehr Spaß am Luxus. Die Teenies heute wachsen ganz anders auf als wir. Die sind Konsum gewohnt.“

Bescheidener Wohlstand auf dem Land

Zwischen Reisfeldern und Bambuswäldchen. Wo Chinas Wirtschaftsboom noch keine großen Spuren hinterlassen hat. Hier verbrachte Tang Jie seine Kindheit. Der Philosophiestudent und Internetpropagandist füllt gerade Rapsöl ab. Seine Mutter hat sich den Arm gebrochen. Deshalb hilft er im Geschäft aus.

Tang Jie ist ihr viertes Kind. Ein Graus für die chinesische Familienplanung. Die Bauernfamilie musste 200 Kilo Reis Strafe zahlen. Doch die Reformen vor 30 Jahren brachten ihnen auch bescheidenen Wohlstand.

Opfer der Familie

Die Mutter von Tang Jie:
„Als Tang Jie geboren wurde, hatten wir plötzlich im Dorf Strom bekommen. Vor lauter Freude haben wir das elektrische Licht die ganze Nacht nicht ausgeschaltet. Wir dachten, Tang Jie hat uns das Glück gebracht.“

Der Sohn:
„Meine Eltern können bis heute weder lesen noch schreiben. Damit ich als erster in der Familie studieren konnte, haben sie große Opfer gebracht. Es ist ein ganz anderes Leben hier als in der Stadt. Ich bin gern zu Hause.“

Neue Freiheit: Single mit 30

Xiang Yi holt ihre Lieblingsklamotten aus dem Schrank. Sie will heute ausgehen. Ihr Zuhause ist ein 600-Quadratmeter-Reihenhaus am Pekinger Stadtrand, das sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Oma bewohnt. Vor ein paar Jahren hat Xiang Yi in Kanada studiert. Doch die wirtschaftliche Gründerzeitstimmung in ihrer Heimat reizt sie mehr als die Freiheit des Westens.

Xiang Yi: „Ich interessiere mich nicht so sehr für Politik. Selten denke ich darüber nach, was jetzt fundamental anders laufen müsste. Die Richtung unserer Regierung ist ganz okay und unser Leben viel besser als früher.“

Xiang Yi ist 30 und noch immer ein Single. Früher wäre das in China undenkbar. Doch Xiang Yi findet, die Suche nach einem perfekten Mann braucht eben ihre Zeit.
Ihr Stammclub ist das Pekinger „White House“. Xiang Yi kennt den Besitzer aus ihrem Yoga-Studio. Ihre Freunde sind Fotografen, Filmleute. So wie Xiang Yi lieben sie französischen Rotwein und schwärmen vom Olympia-Sommer als Peking so international war.

Der Glaube an sich selbst

Am Abend in Shanghai: Literaturzirkel zu Hause bei Professor Zeng. Der Gelehrte ist nur zehn Jahre älter als Tang Jie – und sein lebendes Vorbild. Sie studieren chinesische Klassik, lesen sich Passagen vor. Die Sprache ist altmodisch – und soll es auch sein: Tang Jie und die anderen fühlen sich so ihren Vorfahren nahe. Professor Zeng spricht von einem neuen nationalen Selbstbewusstsein der jungen Generation.

Philosophiestudent Tang Jie:
„Heimatgefühl ist wichtig, vor allem für uns. Wir haben so viele radikale Veränderungen erlebt in den vergangenen 20, 30 Jahren. Jetzt müssen wir uns Gedanken machen darüber, wer wir eigentlich sind und wo wir herkommen.“

Pan, der Getränkehändler, macht Feierabend. Hier oben über dem Laden ist sein Zuhause. Ein Zimmer ohne Küche und ohne Bad. Die Kälte kriecht durch alle Ritzen. Ihre Jacke zieht die kleine Chenrui nur selten aus. Doch ihr Papa ist voller Pläne:
„Ich will genug Geld verdienen, um meine Tochter auf eine gute Schule schicken zu können. Und mein kleiner Laden soll eine große Logistik-Firma werden. Ich hoffe, dass ich das eines Tages geschafft habe.“

Wer jung ist in China, lernt eines schon früh: Der Glaube an Übermenschen, Schutzpatronen oder Halbgötter hat ausgedient. Was zählt, ist einzig der Glaube an sich selbst.

(Quelle: ws/werg)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post