Nordkoreas "Faust"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein


Das Boxermädchen aus Nordkorea. Weltmeister-Titel mit 17 – und noch lange nicht am Ziel: Sie will mit ihren Fäusten allen beweisen, dass die Flucht in die Freiheit kein Fehler war.

In einem Boxclub in Südkoreas Hauptstadt Seoul trainiert Choi Hyun-Mi. Vor vier Jahren flüchtete ihre Familie aus dem von der Außenwelt abgeschotteten Nordkorea. Dort hatten die Sportlehrer ihr Talent zuvor erkannt: Groß, schnell, kräftig – und weder blutige Nasen noch geschwollene Augen konnten sie abschrecken.

Choi Hyun Mi
WBA-Weltmeisterin im Federgewicht
Wer Angst hat, bleibt beim Boxen lieber gleich zu Hause.


Nordkoreaner wissen wenig von der Welt. In Südkorea lernte sie, dass Boxen was für arme Leute und raue Männer sei – aber nichts für Frauen. Sie fand trotzdem einen Trainer, den das Kämpferherz und die harten Schläge des Flüchtlingsmädchens beeindruckte.

Choi Hyun-Mi
Nordkoreanischer Flüchtling
„Auch in Nordkorea denken viele, dass es kein richtiger Frauensport ist, aber es boxen schon mehr als hier. Und sie gelten als Powerfrauen – das gefällt mir. Wenn Männer mit Boxen erfolgreich werden können, warum soll das Frauen nicht gelingen. Und was andere denken, interessiert mich sowieso nicht.“

Die Profiboxerin geht noch zur Schule. In Nordkorea hatten sie es besser als viele anderen. Sie gehörten zur Elite in Pjoengjang – der Vater arbeitete für eine Handelsfirma, er durfte nach China reisen, große Wohnung, genug zu essen. Südkorea ist wohl wie Amerika – dachte sie damals über das fremde Nachbarland. Denn heimlich guckten sie manchmal verbotene Hollywoodfilme, die ihr Vater mitgebracht hatte – das einzige Fenster zur Welt.

Die meisten Nordkoreaner können von Erfolg und Anerkennung im kapitalistischen Süden nur träumen. Aber ihre Schule hat nach dem Titelgewinn gleich ein Plakat über den Eingang gespannt.

Flüchtlingskinder hängen ihren südkoreanischen Altersgenossen im Unterricht oft Jahre hinterher, weil sie im Norden vor allem Ideologie lernen mussten. Und aus Angst vor Hänseleien verschweigen viele sogar ihre Herkunft. Chon Hyun-Mi hat sich nie versteckt – hatte aber auch keine Probleme. Sie kam jung genug an, um Anschluss finden. Ganz anders als ihre Eltern
.

Choi Hyun-Mi
„Wenn ich es direkt vergleiche, war unser Leben in Nordkorea fast angenehmer. Vor allem für meine Eltern. Sie haben dort 40 Jahre lang gelebt und gearbeitet. Sie waren sogar einigermaßen erfolgreich. Aber hier sind sie jetzt zum Sozialfall geworden.“

In dieser Siedlung lebt die Familie mit staatlicher Unterstützung in einer kleinen Wohnung. Nach zehn harten Runden und einem Jahr Vorbereitung Weltmeisterin im Federgewicht. Preisgeld – rund 8000 Euro, und davon musste sie noch den Trainer bezahlen. Doch der Rest des Geldes hilft der Familie.

Vater Choi Chol-Suu ist seit langem arbeitslos. Firmen würden ihn abwimmeln, sagt er, sobald sie seinen nordkoreanischen Akzent hörten. Nur ein Foto konnten sie mitnehmen auf die Flucht. Dienstreisen nach China hatten ihm die Augen über das stalinistische Terrorregime geöffnet. Gute Kontakte und Schmiergelder halfen ihm, die Familie aus dem Land zu schmuggeln. Dass es in Südkorea so schwer würde, hatten sie bei der Ankunft nicht gedacht.

Choi Sul-Soo
Wir wissen oft nicht, wie wir etwas machen müssen. In Nordkorea war alles anders ist. Die Südkoreaner halten uns deshalb oft für blöd. Aber ich bereue die Flucht nicht. Wichtig ist, dass meine Kinder in Freiheit aufwachsen und Menschrechte haben. Klar, wir haben es jetzt schwer. Aber andere sind auf der Flucht gestorben - oder es geht ihnen viel schlechter als uns.

Frauenboxen lockt nur wenige Zuschauer an. Ein Sportkanal überträgt immerhin, wie die noch unbekannte Schülerin alle Schläge wegsteckt und die Favoritin aus China niederkämpft. Die Zeitungen schreiben danach erstmals über das Flüchtlingsmädchen – die neue Weltmeisterin. Ihr Sieg ist für die Familie der erste Lichtblick in Südkorea – nach etlichen Rückschlägen.

Etwa der Nachricht, dass ihre Verwandten für die Flucht der Familie hart bestraft wurden. Sie wurden von Pjoengjang in die noch elendigere nordkoreanische Provinz verbannt – von einem Onkel fehlt jede Spur. Als Choi Hyun-Mi den Weltmeistergürtel bekommt – sitzen die Eltern am Ring.

Hyun Mi-Ok
„Ich musste so weinen, weil da vieles zusammenkam: Zum einen hat meine Tochter nicht nur ausgeteilt, sie musste auch viel einstecken in dem Kampf, das tat mir in der Seele weh. Und sie hat so hart dafür trainiert. Ich war nur glücklich und dankbar, alles andere ist für einen Moment von mir abgefallen.“

Die Probleme der Eltern gehen Choi Hyun-Mi sehr nah. Denn sie haben für ihre Zukunft viel riskiert und geopfert. Den Titel hat die Tochter daher auch für sie geholt.

Gerade ist sie 18 geworden. In der Boxkarriere möchte sie die Weltmeister-Titel der anderen Boxverbände gewinnen. Mit jedem Sieg steigt das Preisgeld.

Und dann möchte sie zum Film oder Fernsehen. Sie singt und tanzt gerne – außerdem mache Boxen eine gute Figur, meint sie.

Im Training nimmt Choi Hyun Mi es sie auch mit Männern auf. Ihr Vorbild ist Schauspielerin Angelina Jolie – denn das sei eine starke Frau.

Irgendwann, so ihre Hoffnung, werde ihre Oma am Ring stehen. Die wollte nachkommen, wurde aber auf der Flucht erwischt und ist jetzt im gefürchteten Arbeitslager Yodok in Nordkorea.


(Quelle: ws/werg)

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