Thailand

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Das Geschäft mit den Tempeltigern

 

nullSpaziergang mit Kätzchen, an der Leine. Vormittagsritual im Tempel der Tiger. Keine Spur von Hektik oder Nervosität. Pfleger schmusen mit dem Tiger, der wiederum mit seinem Nachwuchs: Alles als hätte man es mit einer zahmen Hauskatze zu tun.

Dann erscheint der Meister persönlich. Punkt zwölf Uhr betritt Abt Pra Acharn Phusit die Szene. Vor 15 Jahren gründete er das Kloster, vor 10 Jahren nahm er den ersten Tiger auf. Nur wenn er dabei ist , so die Hausordnung, dürfen sich Touristen in die Nähe der Tiere wagen. Nervenkitzel - denn die Tiger sind nun weder an der Leine noch tragen sie einen Maulkorb. Gibt es wenigstens ein Betäubungsgewehr für den Notfall? Fehlanzeige. Der ganz normale Wahnsinn, hier Alltag.


Erfolg durch "die Kraft der Gedanken"?

Die Tiger sind immer dabei, auch beim Morgengebet. Ihre Gelassenheit im Umgang mit den großen Katzen ziehen die Mönche aus ihrem buddhistischen Glauben. Jeder, so ihre Interpretation, könnte als Tiger wiedergeboren werden oder als Tiger schon einmal gelebt haben. Diese Nähe, diese Seelenverwandtschaft würden sie sich zunutze machen. Und glauben so, die wilden Tiere unter Kontrolle zu haben.

"Man kann versuchen mit dem Tiger zu kommunizieren", erklärt Abt Pra Acharn Phusit. "Wenn das nicht hilft, dann probieren wir es mit Hypnose oder einer Kombination aus beidem. Das ist dann für den Tiger wie ein elektrischer Schlag in seinem Gehirn und er gehorcht. Also, wir praktizieren eine Art mind power ’Erfolg durch Kraft der Gedanken".

Der Tempel hat viele Unterstützer. Zum Beispiel die in den schwarzen T-Shirts - ehrenamtliche Prakikanten aus der ganzen Welt. Die sich – gegen freie Kost und Logis – ein paar Monate um die so niedlichen Tiere rührend kümmern.


Wirklich niedlich – und harmlos?

null 

"Es gibt jede Menge Bisse und manchmal fließt auch Blut dabei. Die Tiger sind nicht aggressiv oder wollen angreifen. Die wollen nur spielen. Bisse und blaue Flecken, das ist es, was man hier bekommt", sagt eine Praktikantin.

Der Höhepunkt: Einmal ganz nah am Tiger sein. Das ist im Eintrittpreis von 10,- Euro enthalten. Auch inklusive: ein Standardfoto. Wer mehr Aufnahmen von sich und den Tieren wünscht, muss mehr als das Doppelte noch einmal drauflegen.

Und so wird das Familienphotoalbum um eine Sensation erweitert: Ausgewachsene Tiger mit abenteuerlustigen Touristen, die die Tiere für Schoßkätzchen halten, ihr Leben und ihre Gesundheit ohne lange Nachzudenken dem Abt anvertrauen: "Es ist die besondere Art, wie die Mönche ihre Tiger großgezogen haben. Das hat einen beruhigenden Effekt auf die Tiere gehabt. Sie empfinden uns auch nicht als Bedrohung. Sie sind wirklich sehr friedlich", findet eine Touristin.


Kraulen auf eigene Gefahr

Das Risiko liegt, das muss jeder unterschreiben, bei den Besuchern, der Tempel übernimmt keine Verantwortung. Immerhin: Die Mitarbeiter verscheuchen Fliegen, und instruieren Touristen, sich richtig zu verhalten. Damit die Tiere nicht nervös werden.

Das eigene Kind kuschelnd mit einem Tiger – in der Hitze Zentralthailands scheint jedes Gespür für Gefahr dahinzuschmelzen: "Das war echt cool. Ziemlich schwer so ein Tiger, aber wirklich Angst hatte ich keine", meint ein Junge. Und seine Mutter: "Als ich von diesem Tempel gehört hatte, war ich als Mutter schon nervös, aber ich habe mich hier sicher gefühlt. Alles gut organisiert, eine tolle Vorstellung."


Kritiker misstrauen der Freundschaft zwischen Raubkatze und Mensch


nullHunderte Tigerfans jeden Tag. Das passt nicht jedem. Und einige Kritiker haben viel grundsätzlichere Bedenken. Unweit des Tigertempels hat Edwin Wiek sein "Wildlife Rescue Centre" aufgebaut. Ein Auffangstelle für Tiere die misshandelt, ausgesetzt oder verletzt wurden. Auch er hat einen Tiger aufgenommen. Das Tier leidet an einer Störung des Nervensystems und kann nur wenige Schritte geradeaus laufen ohne ins Stolpern zu geraten.

"Der Tiger ist stark behindert. Trotzdem wäre es jetzt nicht sicher für mich hier zu stehen, wenn nicht einer meiner Pfleger das Tier ablenken würde. Ein Tiger der komplett gesund ist, wie im Tigertempel ist eine wirkliche Gefahr für Menschen. Irgendwann läuft etwas schief. Es gab schon Unfälle, irgendwann könnte jemand sterben. Das ist eine ernste Sache", gibt Edwin Wiek zu bedenken.

Obwohl Wiek den Tigertempel mehrfach besucht hat, kann er nicht beweisen, warum die Tiger dort so gefügig sind. Drogen, Schläge? Es gibt nur Vermutungen. Mit buddhistischen Glauben hat es aber seiner Ansicht nach, nichts zu tun: "Man muss anerkennen, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, ein wildes Tier so weit zu kriegen: Die eine ist Hunger: Man lässt das Tier hungern und zeigt ihm, dass es lange Zeit hungern wird, wenn es nicht tut, was man will. Die andere ist Schmerz. Man schlägt das Tier und bringt ihm bei, dass es weiter leidet, wenn es nicht gehorcht."


Niemand im Tempel hat Angst vor den Tigern

"Unsere Stöcke, die wir bei uns führen, haben nur den Zweck, dem Tiger Angst machen. Wenn wir das Tier schlagen, dann doch nur mit der flachen Hand auf seine sehr empfindlichen Ohren. Und im äußerten Fall lassen wir ein Stein zu Boden fallen, das gibt dann ein sehr lautes Geräusch und der Tiger erschrickt", erklärt Abt Pra Acharn Phusit.

Niemand im Tempel scheint vor den Tigern Angst zu haben. Zwei Pfleger haben sich mit einem der ausgewachsenen Tiere im Käfig eingeschlossen und waschen es. In deutschen Zoos wäre das streng verboten. Jede Hauskatze würde bei einer solchen Behandlung mindestens einmal kräftig fauchen. Mindestens. Der Tiger aber bleibt seelenruhig.

Warum es noch keine ernsthaften Zwischenfälle gab - bleibt ein Mysterium. Ist es die buddhistische Ruhe der Mönche? Liegt es daran, dass die Tiere von klein auf an Menschen gewöhnt wurden? Oder hat man im Tigertempel bisher einfach nur riesiges Glück gehabt.

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post